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Drogenpolitik und Dunkelziffern in Bayern

Sophia Hösi

Sophia Hösi

Obligatorische Redaktionsschwäbin (wir sind überall)
Wahlmünchnerin seit 2013, zu finden irgendwo zwischen Ostbahnhof und Sendlinger Tor, wahrscheinlich an der Isar.
Sophia Hösi

321. Das ist die Zahl der Menschen, die 2016 aufgrund von Drogenkonsum gestorben sind. In Bayern. Das ist die Zahl, die höher ist als in angeblichen Drogenhochburgen wie Berlin oder Frankfurt. Sie ist auch höher als in Nordrhein-Westfalen, obwohl es das Bundesland mit der größten Bevölkerung ist.

321, das ist etwas weniger als ein Viertel aller dokumentierten Drogentoten in Deutschland (das waren 2016 nämlich 1333).

Dass Bayern ein Problem mit der Drogenpolitik hat, genau so wie alle anderen Bundesländer, versuchen unsere Politiker aber nach wie vor zu ignorieren. Dass die tschechische Grenze ein riesiger Umschlagsplatz für Crystal Meth ist, ist zwar bekannt, doch dass dadurch Bayreuth eine der wirklichen Drogenhochburgen Deutschlands ist, wissen die wenigsten.

Rechtsfreier Raum im Untergrund

Während man sich in Bayern mit der (Nicht-)Legalisierung von Marihuana beschäftigt, besteht eine riesige illegale Drogenszene im Münchner Untergrund. Spätestens seit der Reportage des Y-Kollektiv sind die Katakomben um den Hauptbahnhof eine bekannte Problematik. In die Tunnelsysteme ziehen sich die Abhängigen zurück, um ihre Sucht im Verborgenen auszuleben. Unter der Erde besteht hier eine Art rechtsfreier Raum, alleine dadurch, dass es sich dabei um Privatfläche handelt und die Polizei nicht zuständig ist. Für Menschen, die dort unten in Not kommen, sei es durch Gewalt oder eine Überdosis, kommt die Hilfe zu spät. Häufig sterben Leute hier und werden erst nach Tagen zufällig gefunden.

Doch woran liegt es, dass gerade Bayern ein so großes Problem mit Drogen hat?

Wie behält man da den Überblick?

Es lässt sich sicher festhalten, dass es in München nicht mehr oder weniger Abhängige gibt als in anderen deutschen Großstädten. Auch die Beschaffungskriminalität hier unterscheidet sich nur unwesentlich von der anderer Bundesländer. Die Drogen, aus denen diese Zahlen resultieren, sind auch nicht die seichten, sondern der harte Stoff: vor allem Heroin und polyvalenter (also gemischter) Konsum können schnell das Leben kosten.

Auch neuartige „Legal Highs“, deren Wirkung nicht einzuschätzen ist oder Substanzen wie Fentanyl, das aus Schmerzpflastern hergestellt wird, stellen ein großes Problem dar.

All diese Drogen werden im Verborgenen, also Zuhause oder eben in U-Bahntoiletten oder im Untergrund unter dem Bahnhof konsumiert. Einrichtungen wie der Drogennotdienst L43 dürfen zwar Prävention betreiben, sind jedoch machtlos, was den eigentlichen Konsum angeht.

Drogenpolitik anderswo

Andere Bundesländer haben, um die Zahl der Drogentoten zu verringern, Räumlichkeiten eingerichtet: sogenannte Konsumräume. Hier können Suchtkranke Hilfe suchen und unter Beobachtung Drogen nehmen.

Was erst einmal kontraproduktiv klingt, macht Sinn: Sollte etwas passieren, können die Sozialarbeiter vor Ort erste Hilfe leisten und einen Notarzt rufen. Suchtkranke werden hier also nicht automatisch als hoffnungslose Fälle abgestempelt.

In der Schweiz geht man mit Konsumräumen sogar so weit, dass ein Heroinabgabesystem eingerichtet wurde. Dort kommen die Drogen nicht von einem dubiosen Dealer, sondern sind ärztlich verschrieben. Dadurch ist einerseits die Reinheit sichergestellt, andererseits wird die Beschaffungskriminalität eingedämmt. Abhängige werden nicht mehr als Kriminelle, sondern als Kranke angesehen. Seit beginn dieser Programme in den 90ern kann die Schweiz einen Rückgang der Kriminalität um Drogen und der Todesfälle in diesem Zusammenhang verzeichnen.

Auch Portugal hat einen krassen Weg in der Drogenpolitik gewählt: Hier sind seit 2001 jegliche Arten von Drogen legal zu konsumieren und die Effekte sind durchaus positiv.

 

Vielleicht ist es eine Möglichkeit, die traurige Zahl von 321 im letzten Jahr zu verkleinern, indem man einsieht, dass ein Problem besteht. Das Ziel einer erfolgreichen Drogenpolitik sollte es nicht sein, die Drogenszene vom Bahnhof zu vertreiben, damit es dort sauberer und einladender aussieht. Man sollte sich darum kümmern, dass eben diese Szene nicht im Untergrund verschwindet, da sie dort nicht zu kontrollieren ist. Ein Umgang mit der Problematik, der nicht darin besteht, die Augen zu verschließen, kann Leben retten. Und die Ausgabe von Methadon hilft zwar bei der Entkriminalisierung, ist aber nicht die alleinige Lösung.


Beitragsbild: © flickr/Dimitris Kalogeropoylos

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