Aktuell, Kultur, Nach(t)kritik

Klötze statt Kleckern: FNY-Festivalmacher Mirko Hecktor im Interview

Jan Rauschning-Vits

Jan Rauschning-Vits

Don't worry, look shabby!
Trägt seit kurzem Schnauzer
Jan Rauschning-Vits

Mirko Hecktor tippt noch hektisch in sein anthrazitfarbenes Macbook als ich ankomme. Er sitzt in einem kleinen Durchgangszimmer, das ihm ein wenig Ruhe von den rund 15 jungen und älteren Jungs in den weißen T-Shirts bewahrt, die mit ihm und für ihn das FNY-Festival organisieren. Es herrscht konzentrierte Arbeitsatmosphäre, denn der Zeitplan ist mehr als knapp. Diesen Freitag wird – nach nur 3 Monate Planungsphase – das zehntägige Festival im Werksviertel steigen. Organisatorisch ein monumentaler Gewaltakt.

Mirko klappt sein Arbeitsgerät zu und nimmt mich durch seine runden Brillengläser ins Visier. Wir kennen uns flüchtig. So wie man das mittlerweile etwas ältere, szenige Multitalent eben kennt. Der ehemalige Balletttänzer schreibt nicht nur Bücher über Münchens Feierkultur, sondern ist als DJ und Chefredakteur des Super Paper selber ein großer Teil von ihr.

In unserem Gespräch nennt er viele wichtige Leute beim Vornamen, knüpft hochkulturelle Verbindungen zwischen Gentrifizierung, Kunst, Musik und Rave. Herausgekommen ist ein ehrliches Interview mit einem, der – so schrill er auch sein mag – weiß wie der Hase läuft und sich Gedanken macht über sein Wirken.

Die FNY-Geschäftsführung (von links): Marc Meden, Hubertus Becker, Mirko Hecktor

Die FNY-Geschäftsführung (von links): Marc Meden, Hubertus Becker, Mirko Hecktor

Mucbook: Erst im Juni wurden die Pläne für euer Festival konkret. Anfang September soll es losgehen. Seid ihr verrückt oder nur größenwahnsinnig, in so kurzer Zeit ein Festival der Größe zu organisieren?

Mirko: Hubertus Becker, Marc Meden und ich hatten einfach Bock drauf. Wir haben schon alle größere Geschichten gemacht, aber die waren immer angelehnt an einen bestehenden Raum oder Zwischennutzungskonzepte. Wir haben aber tatsächlich erst während des Machens realisiert, auf was wir da zulaufen.
Die erste Aussage des Viertel war allerdings auch, dass die Genehmigungen alle da sind, weil hier ja schon früher Openair-Nächte stattfanden. So war es dann aber nicht und wir mussten selber erst zum KVR und zur LBK (Lokalbaukommission, Anm. d. Red.) und uns um Dinge wie ein Brandschutzkonzept kümmern.

Wie lief das mit der Location? Habt ihr das Gelände aufgerissen oder kamen die auf euch zu? 

Mirko: Eine Freundin kam auf Hubertus Becker und mich zu. Dann fingen die Gespräche mit der OTEC an, die das Werksviertel entwickelt und verwaltet. Am Ende einigten wir uns auf das Baufeld, auf dem der neue Konzertsaal entsteht und die Tiefgarage. Dann kam der Marc und meinte: „Hey, ich wollte schon immer mal einen Kubik nach München holen. Warum machen wir nicht das?“. So entwickelte sich das nach und nach. Der Kubik wird nun relativ groß — 273 Wassertanks. Aber wie gesagt: Wir dachten, dass die Genehmigungen eigentlich da wären und dann wurd’s ein bisschen stressig.

Insofern macht ihr aber alles und das Werksviertel stellt den Platz, weil sie auch wollen, dass hier was passiert. 
Euer Festival ist aber doch eine einmalige Sache. Genau dort, wo eure Kubiks dann stehen, wird bald der neue Konzertsaal gebaut werden.

Mirko: Genau. Deshalb muss das Festival auch jetzt sein. Im Januar wird das Gelände offiziell übergeben. Die Tiefgarage, die wir auch bespielen werden, ist dabei eine ganz andere Nummer. Dort kann das ganze theoretisch nächstes Jahr nochmal stattfinden. Aber das Viertel verändert sich im Moment auch rasant und es wird in den nächsten zehn Jahren hier immer irgendwo eine Fläche geben, die im Begriff des Abrisses ist, auf denen man rein theoretisch immer was machen könnte.

Aber sollen hier nicht auch Luxusapartments entstehen, womit es dann wieder schwierig wird mit laut sein? 

Mirko: Nene, nicht nur Luxusapartments. Da entstehen auch Sozialwohnungen. Das soll am Ende schon ein diverses, vielgestaltetes Viertel werden. Das ist schon sehr spannend, weil Räume für Clubs gestaltet werden, dann aber oben drüber Büroräume, hinten dran unterschiedliche Sozialbauten, dann natürlich auch teurere Wohnungen. Auf dem Knödlplatz ist ein Gebäude mit verschiedenen Terrassen geplant. Das sieht so ein bisschen japanisch aus. Vorne bleibt erstmal die nächsten Jahre das Container Collective. Das ist ja auch sehr spannend für München. Das Viertel wird sich jedenfalls rasant verändern die nächsten Jahre.

Das klingt tatsächlich so, als wird das ein belebtes Viertel werden. Im Gegensatz zum Arnulfpark zwischen Hacker- und Donnersbergerbrücke zum Beispiel, wo ein Dutzend cleane Stahl- und Glasdinger hochgezogen wurden. Wenn du da nachts langgehst sind da ein paar Kaninchen und ansonsten ist es dort tot. 

Mirko: Ich nenn es ja immer gerne den Todesstreifen. Ich glaube, da gibt es Betonspielplätze, oder? Sowas habe ich ja seit den 60ern nicht mehr gesehen.

Die finde ich ja noch cool, weil die so großzügig sind. Ich als Kind hätte mich da schon gehen lassen können. Aber dort sind immer nur ungefähr zwei Kids, weil es im Arnulfpark wahrscheinlich keine Kinder gibt. 

Mirko: Für mich ist das der Todesstreifen. Dort sieht’s aus wie damals zwischen Ost- und Westdeutschland. Ein breiter Streifen in dem nichts passiert. Wobei die Entwürfe damals ganz geil waren, eigentlich.

Für mich ist es das Paradebeispiel einer Fläche, auf der auf einen Schlag so und so viele Quadratmeter Büro- und Wohnflächen neu entstanden. Das einzige, was man dort abends machen kann, ist in dieses furchtbare Texmex-Afterworkloch vorne neben der Freiheizhalle zu gehen. Das ist genau die Gastronomie, die dieses Viertel verdient hat.

Mirko: … und dann nennen sie das „Rainer-Werner-Fassbinder-Platz“. Hey, das ist genau das, wofür seine ganzen Filme NICHT stehen.

Reden wir mal wieder über euer Festival. Wen wollt ihr denn hier herholen, beziehungsweise abholen. Für wen ist das Festival?

Mirko: Eigentlich ist es breit angelegt. Natürlich, die Freitage/Samstage eher für jüngere und ich sag mal ältere Clubgänger — 18 bis 50 vielleicht. Das Programm am Wochenende ist auch sehr unterschiedlich. Es wird Open Air im Kubik nachts auch eher, ich sag mal, sphärischere Sachen geben, Sorry Entertainer, der ja auch von der Bar25 und vom Kater her entspannter spielen kann. Dann Belp feat. Beccy Reynolds, eine Münchner Band, für mich eines der spannendste Projekte der Stadt. Das Gegenprogramm dazu ist natürlich in der Tiefgarage: Vollgas. Am ersten Abend VRIL, am zweiten Sven Dohse.

Das läuft parallel?

Mirko: Ja, das ist parallel. Am Freitag geht’s um 19 Uhr los und ab 22 Uhr dann in der Tiefgarage. Aber dazu wird weiterhin auch draußen Musik gemacht. Natürlich nicht im völlig krassen 104 db-Wahnsinn, aber schon mit 90 – 95 db. Wir haben dafür auch eine Sondererlaubnis. Am Samstag oder besser gesagt an den Samstagen geht’s schon um 14 Uhr los. Der Eintritt wird pro Wochenendtag bei 20 Euro liegen, Abendkasse 25 Euro oder bei 35 Euro für das ganze Wochenende. Am Sonntag ist das Festival kostenlos. Hier soll keiner ausgeschlossen werden.

Bekommt ihr Förderungen?

Mirko: Jaja, natürlich. Aber das sind Unterstützungen durch das Viertel.

Was wird es unter der Woche geben?

Mirko: Am Montag wird Barbetrieb sein, am Dienstag gibt’s einen Poetryslam, am Mittwoch lädt die Typografische Gesellschaft ein, da werden Filme gezeigt und Kurzvorträge gehalten zum Thema glücklich sein oder werden. Am Freitag gibt’s dann eine Nerdnite zum Thema Netzsicherheit.

Also unter der Woche eher entspannter und mit mehr Inhalten?

Mirko: Genau. Für die Musik ist dann auch nur ein DJ da, der so ein bisschen den Ausklang macht. Wir wollen natürlich auch nicht das ganze Viertel zusammenklopfen.

Auf welchen Act freust du dich am meisten?

Mirko: Ich muss jetzt Africaine 808 sagen, weil’s Freunde sind. Auf die freu ich mich sehr. Eigentlich freue ich mich noch sehr auf Jane Fizz, bei der ist aber noch nicht ganz sicher, ob sie kommen kann. Das ist eine Bekannte mit der ich zusammen in London gespielt habe. Sie ist für mich eine der interessantesten DJanes und DJs, die es zur Zeit gibt.

Bei dem Booking scheint ihr ja doch ein glückliches Händchen zu haben, trotz der kurzfristigen Planung. Erobique, Seth Troxler so kurzfristig zu kriegen, oder auch Sorry Entertainer – die sind doch bestimmt alle sehr beschäftigt. 

Mirko: Ja, schon. Aber das liegt auch an den Kontakten von Nick Slingerland, Gregory Carr Williams oder Marc Meden, die bei uns für das Booking verantwortlich sind.
Dabei muss ich aber auch die tollen visuellen Künstler erwähnen, die hier wirken werden. Es werden Nachtgalerien werden, also Galerien natürlich nicht, weil wir da nicht wirklich programmatisch vorgegangen sind. In der White Box zeigen wir eine Virtual Reality-Ausstellung mit vier internationalen Künstlern, die virtuelle Räumen bauchen mit denen man dann mit den bekannten Brillen durchgehen kann. Unterwasserwelten, menschliche Zoos durch die man durchgehen muss. Nackte Körperteile, die irgendwie rumfliegen werden — also ganz spannend. Das eine sieht aus, als wäre man in der Unterwelt. Da ist eine lange Zunge, die aber auch gleichzeitig ein Fluss ist und drum herum hüpfen Tillergirls, aber ohne Körper und alles ist super glossy und slick irgendwie. Kurz: Auch mit den visuellen Künstlern haben wir großes Glück gehabt und wirklich großartige Arbeiten.

Du hast jetzt schon den Open Air-Bereich erwähnt, die Tiefgarage und die White Box. Was werdet ihr noch alles einbinden auf dem Gelände? 

Mirko: Das Container Collective ist natürlich am Sonntag mit dabei, klar. Wir haben Radio 80000 mit eingebunden, das Monticule Festival wird mit eingebunden, das Container Collective baut eine Skate Rampe auf — die sind wirklich integriert. Wir versuchen auch, viele Mieter mit ins Boot zu holen. Es gibt ja bereits viele Shops auf dem Gelände. Es ist halt auch ein komplexes Gebilde. Das Viertel ist relativ groß und die vielen Leute, die hier wirken und arbeiten, ziehen natürlich auch nicht alle am selben Strang und da kommt es eben auch zu Reibungen.

Was ist das abgefahrenste bei eurem Festival, das es so noch nie gab in München? Was ist das absolute Alleinstellungsmerkmal?

Mirko: Ich glaube, es ist die Kombination. Die Kunst, die gezeigt wird, mit der Masse an DJs die spielen und natürlich auch die Kubik-Installation. Es gab nur einen KUBIK weltweit, der noch größer war. Das ist in dem Design sowieso weltweit einzigartig. Unserer wird eine Arena werden mit einem Durchmesser von 25 Metern. Das spannende an dieser Installation oder die Idee dieser KUBIK-Arbeiten ist ja, dass quasi aus den Trümmern alter Kulturen etwas neues entsteht. Und hier, wo seit 20 Jahren Nachtszene betrieben wird, entsteht aus den Trümmern des Kunstpark Ost etwas neues. Das drückt dieser Kubik aus. Das hat es in München noch nie gegeben und das ist der „unique selling point“ (lacht).

Jetzt muss ich doch mal eine ganz fiese Frage stellen: Ihr macht für einen gigantischen Großgrundbesitzer, dem hier ein riesiges Gelände gehört und der mit der Neugestaltung des ganzen Areals nicht wenig Geld verdienen wird, eine Art Imagekampagne, indem ihr ein tolles und hippes Festival auf die Beine stellt. Er finanziert das weitgehend und gibt euch die Möglichkeit, hier Kunst und Musik zu präsentieren, die in jeder Dimension auch neoliberalen Optimierungswahn kritisiert. Beweist ihr damit nicht eine gehörige Portion Doppelmoral?

Mirko: Ja, aber ich meine das ist ja München heute, oder? Entweder du wirst durch die Stadt München unterstützt, oder eben so. Das ist halt die Dialektik in der man lebt in München. Wo willst du sonst sowas machen? Mit dem Container Collective ist es ja ähnlich und es ist trotzdem cool. Die Situation ist ja eher die: Es ist ja nicht so, dass hier ein globalkapitalistischer Immobilienspekulant reinkommt, der dann die große Kohle verdient. Aber hier geht es in erster Linie darum, ein funktionierendes Viertel zu erschaffen. Das ist der Unterschied. Das Viertel wird natürlich Geld abwerfen, aber dafür hat es dann auch einen neuen Konzertsaal und neben dran auch einen Club. Wie das dann miteinander korreliert, das ist noch die Frage, aber genau das wird dann das spannende an dem Viertel. Dass es am Ende dann auch Gentrifizierung ist, ist ja klar. Aber was ist dann keine Gentrifizierung? Hier wird meines Erachtens einfach Stadt verhandelt.
Man muss hier aber auch noch betonen, dass die älteren Mieter auch nicht vertrieben werden. Das Werk 1 beispielsweise bleibt so bestehen, wie es schon die letzten 20 Jahre existiert hat. Manches wird abgerissen, klar. Aber genauso bleibt vieles auch stehen, oder wird nur renoviert.
Klären wir die abschließende Frage: Wie spricht man FNY denn nun aus?

Mirko: (lacht) Der Oli Klostermann hat uns seine Interpretation als Sounddatei geschickt. Die ist jetzt unser „Audiologo“ und kommt in jedem von uns veröffentlichten Video vor.

 

Wusstet ihr also selber nicht wie man es ausspricht?

Mirko: Die Idee war natürlich, was soll so ein Festival aussagen? „Happy“, „Smile“, „Funny“? Naja, funny gab es noch nicht. Das war uns dann aber auch ein bisschen zu nah an „Pfanni“ und auch zu nah an „Funny“ und deswegen haben wir gesagt, nennen wir es doch einfach „FNY“.
Es war aber auch von Anfang an klar, dass wir das nie im genauen Wortlaut aussprechen werden. Also wir nennen es heute „Fny“, because it’s fnyce.


In aller Kürze:

Was? FNY Festival

Wann? 1. – 10. September 2017

Wo? Werksviertel Mitte, Atelierstraße, 81671 München

Wieviel? Tagesticket 20 €, Wochenendticket 35 €, Viertagespass 65 €, Tickets hier

Mehr Infos hier


Fotos: © FNY Festival

No Comments

Post A Comment

Das neue MUCBOOK Magazin #8

Wow, München!
Wie Kreative unsere Stadt verändern.

Bestellen unter:
habenwollen@mucbook.de
oder im Abo abo@mucbook.de

E-MAIL SCHREIBEN, BRIEFKASTEN ÖFFNEN UND DANN IN MÜNCHENS VERGANGENHEIT, GEGENWART UND ZUKUNFT SCHAUEN!
Preis: 4 Euro
zzgl. €1 Versandkosten

MUCBOOK – Das Münchner Stadtmagazin

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons