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Raus aus der Kohle – Eine gute Idee?

Jan Rauschning-Vits

Jan Rauschning-Vits

Don't worry, look shabby!
Trägt seit kurzem Schnauzer
Jan Rauschning-Vits

Am 5.11. sind die Münchner Bürger aufgerufen, über die Zukunft des Steinkohlekraftwerks im Münchner Norden zu entscheiden. Ein großes Bündnis aus Parteien und Initiativen setzt sich für eine Abschaltung im Jahr 2022 ein. Planmäßig kann das Kraftwerk bis 2035 laufen. Die Mehrheit im Stadtrat und die Stadtwerke München (SWM) wollen frühestens 2028/2029 abschalten.

Beide Seiten führen gute Argumente für ihre Standpunkte ins Feld. Das Thema ist so komplex wie technisch und nicht einfach zu durchdringen. Dominik Hutter von der Süddeutschen Zeitung ist sogar der Meinung, dass es zu kompliziert für einen Bürgerentscheid ist. Wir haben trotzdem versucht, für euch die wichtigsten Fakten zusammenzutragen, damit ihr Anfang November eine informierte Entscheidung treffen könnt.

Kohlekraftwerke sind dreckig

Auf der Seite der Kraftwerksgegner ist eines ganz klar: Nichts in München schädigt das Klima so sehr wie das Heizkraftwerk München Nord. Mehr CO2 als der ganze Autoverkehr stößt es aus. Ganze 2,7 Millionen Tonnen werden jährlich effektiv in die Luft gepustet. So ein schmutziger Stromerzeuger muss schnellstmöglich vom Netz, meint das Umweltbündnis aus rund 60 Initiativen.

Stimmt zwar, entgegnen die Stadtwerke, aber das Kraftwerk ist trotzdem eines der „modernsten Kraftwerke Europas“ und sollte daher weiter am Netz bleiben. Zumindest so lange, wie andere, nicht so moderne und effiziente Meiler in Deutschland weiter die Umwelt belasten dürfen. Die SWM und der Stadtrat sprechen sich für einen koordinierten und deutschlandweiten Ausstieg aus. Ein Gutachten gibt ihnen Recht. Europaweit würde durch die frühere Abschaltung des Münchner Kraftwerks kein CO2 eingespart werden. Die durch die Abschaltung fehlende Leistung müsste von anderen europäischen Kraftwerken getragen werden, die meist im Verhältnis noch umweltschädlicher sind. Außerdem würden durch die verfügbar werdenden Emissionsrechte in anderen Teilen Europas eventuell neue mit Kohle betriebene Kraftwerke gebaut.

Völliger Quatsch, meint Thomas Prudlo, Stadtvorsitzender der ÖDP. Der Preis für Emissionszertifikate sei schon seit langem im Keller. Diese Rechte „erlauben“ es einem Unternehmen, CO2 auszustoßen und waren vor allem als Steuerungselement der europaweiten Treibhausgasemissionen angedacht. Weil die Emissionen in den letzten Jahren konsequent reduziert wurden, sind nun aber zu viele Emissionsrechte verfügbar. Daran werde auch der Münchner Kohleausstieg nichts ändern. Der Bau von neuen Kohlekraftwerken sei viel mehr von den niedrigen Preisen für Importkohle, als von den niedrigen Preisen für CO2-Emissionsrechten abhängig. Prudlo und die ÖDP erwarten indes, dass die Europäische Kommission bald einige Emissionsrechte zurücknehmen wird. Die Preise würden wieder steigen, was ein weiteres schönes Argument für einen Ausstieg ergibt. Denn dadurch würden auch die Betriebskosten des Kohleblocks im Heizkraftwerk München Nord steigen.

Entscheidend für das Argument der CO2-Einsparung sind also zwei Dinge:

Glaubt man daran, dass die EU-Kommission in absehbarer Zeit Emissionsrechte zurück nimmt und berechnet man die Auswirkungen auf den Emissionsrechtehandel überhaupt mit ein?

Fakt ist lediglich, dass eine Abschaltung sofort und real die CO2-Emissionen in München verringert. Alles andere ist spekulativ.

Im HKW Nord wird nicht nur Kohle verbrannt

Das Heizkraftwerk besteht aus drei Blöcken. Nur einer davon verbrennt Kohle. Die anderen wandeln konventionellen Restmüll und Klärschlamm in Strom und Wärme um. Dagegen hat auch niemand was. Müllverbrennung macht auch aus Umweltsicht total Sinn. Selbst wenn der Kohleblock abgeschaltet werden sollte, würde das Kraftwerk weiterhin Müll verbrennen. Es geht also nicht um eine komplette Abschaltung, sondern nur um den Ausstieg aus der Kohle.

Kohle verbrennen macht warm

Das Kraftwerk produziert nicht nur Strom, sondern auch Wärme. Hier wird ein erheblicher Teil des Warmwassers für die Landeshauptstadt produziert. Wird das Kraftwerk abgeschaltet, könnte die Leistung des Münchner Fernwärmenetzes eventuell gefährlich abfallen, meinen die Stadtwerke. Das Brudermühlkraftwerk wäre dann der einzige große Wärmelieferant in München. Die Stadtwerke wollen bis 2040 München komplett aus der Erde wärmen. Würde man jetzt im Zuge eines Kohleausstiegs die Geothermie 18 Jahre früher derart ausbauen, droht ein Verkehrschaos durch unzählige Baustellen. Denn nicht nur Geothermieanlagen müssten errichtet, sondern auch das Fernwärmenetz von Dampf auf Wasser umgestellt werden. Ein gewaltiger, aus Sicht der SWM, nicht zu stemmender Kraftakt.

Das sind Versäumnisse der Stadt, entgegnen die umweltbewussten Kraftwerksgegner. Man hätte schon vor vielen Jahren auf die in Oberbayern gut ausbaubare Geothermie setzen sollen. Dieses Verfahren erhitzt Wasser tief im Boden durch die dort verfügbare Erdwärme und speist es in das Fernwärmenetz ein – und das fast umsonst und klimaneutral. Die Geothermieanlagen im Münchner Umland sind ein Beleg dafür, dass diese Technologie in Bayerns Hauptstadt schon längst genutzt werden könnte. Bisher sind in München nur drei Geothermiekraftwerke am Netz. Für die Gegner der Kohleenergie ist die Abhängigkeit von der Kohlewärme also hausgemacht.

Allerdings pocht die Umweltinitiative auch auf ein Gutachten, das die SWM selbst in Auftrag gaben. Darin steht, dass die Wärmeversorgungssicherheit auch ohne den Kohleblock des HKW gegeben ist. Hierfür müssen allerdings gasbetriebene Heizkessel gebaut werden, die nach dem Ausbau der Geothermie wieder überflüssig werden. Zu teuer und unnötig sagen die Stadtwerke – immer noch besser als mit schmutziger Kohle zu heizen, meinen die Umweltschützer.

Der Ausstieg aus der Kohle wird teuer

Stimmt zwar, aber die Abschaltung wird München sehr viel umweltfreundlicher machen, meinen die Kohlegegner. Die bisherigen Ausgaben für den Klimaschutz hätten nur wenig CO2-Einsparung gebracht. Außerdem könnten die Kosten für das Kraftwerk extrem steigen, wenn die Preise für Emissionsrechte anziehen. Am Ende würde dem vielen Geld, das ein Ausstieg auf jeden Fall kosten wird, auch eine deutliche CO2-Ersparnis gegenüberstehen.

Die SWM würden die 150 bis 350 Millionen Euro lieber woanders investieren. Sie sorgen sich, dass dieses Geld dann nicht mehr den Münchner Bürgern zugute kommt.

 

Kohle belastet Umwelt und Menschen – auch da, wo sie nur abgebaut wird

Kohle ist billig. Sie ist vor allem aus zwei Gründen billig: Es gibt viel davon und sie ist leicht zu fördern. Stein- und Braunkohle kann im sogenannten Tagebau gefördert werden. Soll heißen: man muss nicht erst aufwendige Stollen und Bergwerke anlegen, sondern kann schlicht und einfach große Gruben ausheben. Das Problem: die gigantischen Abbaugebiete fressen Flächen, verwüsten auf Jahre bis dahin unberührte Naturlandschaften. Der Abbau ist dreckig und bringt Giftstoffe an die Oberfläche, die lieber in der Erde bleiben sollten. Zudem kommen die Menschenrechtsverletzung an den Arbeitern. Die Münchner Kohle wird in erster Linie aus Russland, Kolumbien, den USA und Südafrika importiert – alles Länder, die nicht gerade berühmt sind für gute Arbeits- und Umweltgesetze.

Die Stadtwerke beschäftigen sich in ihrer Argumentation nicht mit der Herkunft der Kohle. Es gibt auch schlicht kein Gegenargument. Kohle ist ein Rohstoff, der in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr gefördert wird und daher im Ausland beschafft werden muss. Dort hat man keinen Einfluss auf Arbeitsbedingungen und den Umgang mit der Natur.

Wer auf Menschenrechte Wert legt, kommt an diesem Argument nicht vorbei. Jedoch bleibt es auch eine Wahrheit, dass ein Münchner Kohleausstieg an dieser Problematik nichts ändern wird, aber es wäre ein Anfang und ein Signal für den weltweiten Ausstieg aus fossilen Energieträgern.

 

Das Kohlekraftwerk macht München autark

München produziert eigenen Strom. Das macht die Landeshauptstadt im Falle eines landesweiten Blackouts autark, argumentieren die Stadtwerke. Solange die Nord-Süd-Gleichstromtrasse noch nicht in Betrieb ist, kann Oberbayern nur schlecht mit sauberer Windenergie von Deutschlands Küsten versorgt werden. Die Gefahr eines flächendeckenden Stromausfalls scheint in Deutschland nicht wirklich gegeben zu sein, für die Behörden ist sie aber durchaus real und entscheidend. Nach dem Energiewirtschaftsgesetz darf ein Kraftwerk nicht abgeschaltet werden, falls es „systemrelevant“ ist – also unverzichtbar für die Aufrechterhaltung der Stromversorgung ist. Laut Stellungnahme der SWM Pressestelle sei eine Klassifizierung als systemrelevant „sehr wahrscheinlich“ und daher könne „keine Stilllegung erfolgen“.

Ob ein Kraftwerk systemrelevant ist oder nicht, entscheidet die Bundesnetzagentur auf Antrag des Stromnetzbetreibers, denn in Deutschland sind Stromproduzenten und Stromnetzbetreiber voneinander getrennt. Laut SWM könnte die Bundesnetzagentur dem Votum der Münchner Bürger für einen früheren Kohleausstieg daher auch einen Riegel vorschieben.

Für die Initiative ist klar, dass Münchens Gaskraftwerke die Leistung des Kohlemeilers abfangen kann. Sie sieht nicht, dass Münchens Autarkie von der vergleichsweise geringen Leistung des HKW Nord abhängig ist – dafür seien viel mehr die Gaskraftwerke verantwortlich, die ohnehin schon als systemrelevant klassifiziert wurden. Eine Einstufung des HKW als systemrelevant würde bei einer Abschaltung indes nur bedeuten, dass die SWM das Kraftwerk nicht abreissen darf und beständig warten muss, um es im Falle eines Engpasses schnell im Gasbetrieb wieder hochfahren zu können.

Laut der Betreibergesellschaft haben beide Seiten Recht. Eine Klassifizierung als systemrelevant verhindert eine komplette Abschaltung des Kraftwerkblocks. Die Stromkapazität muss weiterhin verfügbar sein, um einen Blackout zu verhindern, falls es einmal zu wenig Strom gibt. Dieser Fall kann aber auch nie, oder nur an wenigen Tagen im Jahr, beispielsweise im kalten Winter eintreten. Ob das Kraftwerk dann auch mit Gas laufen kann, hängt davon ab, wie systemrelevant es am Ende wirklich ist. Wird es nur für wenige Tage, oder für ganze Monate gebraucht? Das kann bisher niemand wirklich wissen, denn auf Systemrelevanz wird erst dann geprüft, wenn die Abschaltung beim Netzbetreiber beantragt wurde. Dass der Block 2 im Jahr 2020 tatsächlich als systemrelevant klassifiziert wird, ist jedoch nicht „sehr wahrscheinlich“, wie es die SWM darstellt, sondern schlicht ungewiss. Außerdem bedeutet diese Entscheidung noch lange nicht, dass das Kraftwerk nicht de facto abgeschaltet werden kann.

 

Fazit

Um unsere Klimaziele noch zu erreichen, ist ein schneller Ausstieg aus dem Kohlestrom wohl unumgänglich. Allerdings stimmt es, dass wir in München noch nicht so weit sind. Gerade auf die Wärmeproduktion können wir nicht einfach verzichten. Die grüne Alternative, die Geothermie, ist in München noch nicht so weit – möglicherweise durch Versäumnisse der SWM.

Offen ist auch, ob eine Abschaltung global betrachtet wirklich zu einer Reduzierung von CO2-Emissionen führt. Das hängt von der EU-Kommission ab – speziell, ob sie den EU-weiten Emissionsrechtehandel beizeiten reformiert.


Beitragsbild: CC BY-SA 3.0 N p holmes

4 Comments
  • Martin Paulsen
    Posted at 13:19h, 26 Oktober

    Ziemlich seltsamer Schluss, wir müssen was tun, aber doch nicht?? Im Gutachten der SWM steht auf Seite 3/4, dass es möglich ist. Die Energieautarkie ist ein Märchen der SWM, das ist in einem integrierten Netz gar nicht möglich.

  • Andreas Landgraf
    Posted at 16:40h, 26 Oktober

    Lieber Herr Rauschning-Vits,
    schön, dass Sie sich so Ausführlich mit der Thematik auseinander gesetzt haben.

    Allerdings irritiert mich ihr Fazit, München sei noch nicht so weit.
    Dies ist zu relativieren, der Münchner Stadtrat und die SWM sind noch nicht so weit auf die dreckigen Gewinne aus der Kohle verströmen zu verzichten.
    München hat Verantwortung seine Klumaziele zu erreichen.
    Relevant ist dabei der Münchner Strommix der durch unsere Leitungen fließt.

    Da nützt es wenig auf weit entfernte Braunkohlekraftwerke oder den Europäischen Emissionshandel zu verweisen.

    Mit Erfolg der Klimawende wird aus den Gesetzen von Angebot und Nachfrage Kohle und Öl noch billiger. Ziel muss sein die Nachfrage so zu reduzieren, dass sich der Abbau nicht mehr lohnt.

    Auf der anderen Seite muß der Druck erhöht werden, damit München an Fahrt gewinnt bei der Geothermie. Auch wird es höchste Zeit, dass auch Solar auf Münchner Dächern zum Standard wird.

    Nun haben es die Bürgerinnen und Bürger in der Hand um zu zeigen: München ist so weit.

  • we3rwet
    Posted at 22:55h, 26 Oktober

    Die Stadtwerke planen doch eh schon den Ausstieg. Wenn jetzt durch evtl. blinden Auktionismus der Ausstieg eben 5 Jahre früher erfolgen muss, lädt das nur zu schlechten Übergangslösungen ein und verhindert evtl. sinnige Investitionen. Gas als momentane Alternative ist auch nicht clean.

    @Andreas Landgraf: Achso, Klimawandel muss man also lokal denken? Spannende These …

  • Klaus v. Birgelen
    Posted at 20:24h, 27 Oktober

    Seit vielen Jahren wurde von der ÖDP der Kohle-Ausstieg gefordert. Der Ausstieg 2022 ist kein blinder Aktionismus, sondern ein gut vorbereiteter Antrag der sachverständigen Bürger und Organisationen.
    ++ Die Geothermiebohrungen und Dampfnetzumstellung lassen sich beschleunigen und in 4-5 Jahren realisieren. – Damit ließe sich die Wärme-Grundlast schon bald abdecken. – Die SWM und das KVR sind in der Lage das zügig zu planen ohne jegliches „Baustellenchaos“,
    ++ 7 Jahre später auszusteigen heißt doch, dass der Block2 allein 2 Milliarden Euro an Klimafolgeschäden erzeugt. (Quelle: Gutachten Ökoinstitut)

    Beim Strom in M sind nur 2 % aus regenerativen Energien. 98% stellen die SWM fossil her! (Quelle: Untersuchung des Stadtrats 2015)

    @we3rwet: Jeder muss vor seiner Haustür kehren!

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