Aktuell, Kultur

Typisch österreichisch? Jovana Reisinger über ihren Debütroman „Still Halten“

Anna-Elena Knerich

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

Der Schmerz zieht langsam und leise ins Hirn, bis er schneidend und prägnant ist. Dann ist er richtig da! Der Schmerz hält einen dann fest und will einen gar nicht mehr loslassen. Da kann man an alles Mögliche denken, aber der lässt sich nicht austricksen. Selbst die extravagantesten Überlegungen sind nutzlos. Ich stütze mich auf dem Tisch ab, bevor ich mich auf dem Fußboden wälze. Meine Finger bohren sich in meinen Schädel, dass ich glaube, mir gerade sämtliche Haare vom Kopf reißen zu müssen. Schmerz mit Schmerz behandeln.
– „Still Halten“, S. 23

„Was für eine Frau bin ich?“

Schon zu Beginn scheint die junge Protagonistin sich kaum zu spüren, den Bezug zu sich selbst und ihrer Umwelt immer mehr zu verlieren. Sie fragt sich, was für eine Frau sie ist, und erschrickt, wenn Obdachlose sie anschauen wie eine „richtige Frau voll sexueller Kraft“ – während sie sich eher wie ein Mädchen fühlt. Wenn sie nur, wie es auch die Ärzte sagten, ein Jahr lang warte und sich schone, dann werde sie im nächsten Frühjahr wieder „eine gesunde Frau“ sein. Doch für wen?

Makaber, zynisch, gnadenlos

Durch den ganzen Roman zieht sich das Warten. Das Stillhalten, der Schmerz, die vollkommene Vereinsamung, nachdem die namenlose Protagonistin in das Haus ihrer toten Mutter gezogen ist. Bis man es als Leser selbst kaum noch aushält.
Wer ist die Autorin, die diese schmerzvolle, fast qualvolle Geschichte der jungen Frau so gnadenlos destruktiv, doch mit kraftvoller Sprache erzählt?

Die Autorin Jovana Reisinger über „Still Halten“

Jovana Reisinger ist Konzeptkünstlerin, Filmemacherin – etwa vom Video zu Pollyesters Song „Catrina“ – und Autorin (u.a. für Mucbook). Mit „Still Halten“ hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht.

MUCBOOK: Seit wann schreibst Du fiktive Texte und wie kam es zu diesem Roman?
Jovana Reisinger: Die erste Fassung dieses Romans schrieb ich 2012. Texte zu schreiben und veröffentlichen begann ich ein paar Jahre zuvor. Es war dann glücklicherweise sehr früh klar, dass der Verbrecher Verlag dieses Buch machen wird – so schrieb ich Fassung um Fassung, bis ich zufrieden war und hatte schon die Verleger auf meiner Seite. Als es dann in die Endfassung ging, befand ich mich schon mitten im Filmstudium.

Einige Szenen – etwa die auf dem Platz, als niemand einem gestürzten Betrunkenen hilft und Krähen brutal eine Taube zerfetzen – kann man sich auch sehr gut bildlich, als Szene in einem Deiner Videos vorstellen. Prägt Deine Arbeit als Filmemacherin Deinen Schreibstil oder andersherum?
Die Ausbildung an der Filmhochschule hat mir beigebracht, mich zu präzisieren und visuell und in Stories zu denken. Aber abgesehen davon gab es diesen einen Moment – am Ende des ersten Semesters, als jeder einen Film machen musste: Bis dahin ging ich davon aus, dass ich für andere schreiben würde, Texte für Zeitungen, Drehbücher für Regisseure. Doch jetzt wurde ich gezwungen, meine umständlich formulierten Ideen selbst in Bewegtbilder zu übersetzen: zuerst eine Qual – aber als ich den geschnittenen Film den Professoren zeigte, empfand ich das als ungeheure Macht.

Schreiben und Filmemachen: ein Wechselspiel

Danach hatte ich das Glück, dass ich meine eigenen Drehbücher inszenieren durfte: Da ich mich nicht vor mir selbst rechtfertigen muss, war ich ungehemmt in Schreib- und Regiearbeit. Das hat sich gegenseitig sehr beeinflusst und das „in-Filmen-denken“ floss natürlich auch in den Roman. Und der, mit seiner eigenen Struktur und seinem eigenen Ton, hat meine Filme beeinflusst. Es ist einfach ein Wechselspiel.

Dieser Schmerz, dieses Destruktive der Protagonistin – was hat Dich zu dieser Thematik inspiriert?
Ich hatte große Lust, eine Frau, die ohnehin in einer sehr komischen Situation feststeckte – die Wartende, ein Urbild der Frauenrollen – in den Wahnsinn zu treiben und mit ihr eine unsichere Erzählerin zu geben. Ich wollte viele destruktive Beziehungen erzählen: zu einem Mann, zur Natur, zu diesem Heimatbegriff, zur Mutterliebe –  und ihr alle Sicherheiten nehmen. Und sogar ihren Verstand. Es gibt richtig gute Essays und Literatur zu Frauen und Schmerz. Finde ich generell ein gutes Thema.

Wut als Werkzeug der Sprache

Gibt es autobiografische Elemente in dem Buch?
Das einzig Autobiografische in dem Text, das mich und die namenlose Frau verbindet, ist: Österreich. Wir sind beide in Österreich aufgewachsen, auf dem Land. Außerdem autobiografisch im Text ist die Wut. Ich bin sehr häufig sehr wütend, die findet sich aber weniger als Motiv sondern als Werkzeug in meiner Sprache.

Du bist in München geboren und in Österreich aufgewachsen. Nun lebst Du wieder in München. Was hat Dich mehr geprägt?
Ich wüsste nicht wo und wozu ich da einen Strich machen sollte. Alle Länder, Städte in denen ich lebte, aber auch alle Universitäten, an denen ich studierte, haben mich auf ihre Weise geprägt. Jetzt genieße ich die Freiheit, meine Arbeit ansiedeln zu können, wo ich will. Und dieser Roman spielt eben in Österreich und die Filmreihe, an der ich gerade arbeite, die spielt eben in München (mit internationalen Ausflügen).

Makabres, Zynisches und Schwarzer Humor gelten ja als „typisch österreichisch“. So erinnert Dein Roman auch stark an österreichische Literatur – war das bewusst und gewollt?
In dem Text sind unzählige Austriazismen, auch welche, die es so gar nicht gibt, deshalb ist es sicherlich ein österreichisches Buch. Außerdem spielt es in Österreich und zerlegt ein fiktives österreichisches Dort und die österreichische Natur. Das Makabre, Zynische, Sezierende etc. wird in der Kunst gern den Österreichern zugeschrieben, das können aber andere schon auch – auch Deutsche. Aber die Österreicher machen das wohl besonders gut.

Hast Du beim Schreiben von bestimmten Passagen auch an etwas „typisch Münchnerisches“ gedacht ?
Typisch Münchnerisch, so wie Karriere und Geld und geile Autos… Die gibt es genauso gut in Wien und überall sonst auch. Es hat auch einen Grund, warum keine Ortsnamen genannt werden.

„Der Film findet schon im Kopf des Lesers statt, das muss ich nicht nochmal inszenieren“

Die obligatorischen Fragen an Dich als Künstlerin: Warum bleibst Du in München und gehst nicht nach Berlin oder Wien?
Die pragmatische Antwort: Ich bin hier wegen der HFF, für die ich sehr dankbar bin. Ich studiere seit diesem Semester zusätzlich Regie in der Dokumentarfilmabteilung, darf aber trotzdem meinen Drehbuchabschluss machen. Nach dem Abschluss werde ich kaum noch hier bleiben. Trotz meiner großartigen Freunde, mit denen ich auch intensiv zusammen arbeite, trotz meiner Kuratoren und meines Geheimagents. Aber es sind sowieso alle international beschäftigt. Da ist es doch egal, wo man lebt – man wird sich nicht aus den Augen verlieren. Und München hat mich bisher immer wieder zurückgeholt.

Planst Du eine Verfilmung Deines Romans? Wird es einen zweiten Roman geben?
Es wird einen zweiten Roman geben. Aber „Still Halten“ will ich nicht verfilmen. Das kann jemand anderes machen. Vielleicht müsste das Ding auch eher ins Theater. Der Film findet doch schon im Kopf des Lesers statt, das muss ich nicht nochmal neu inszenieren.


Am 8. November liest Jovana Reisinger mit drei anderen Autoren beim „Herbst-Mix“ im Literaturhaus. Karten gibt’s hier.


Fotocredits: © Julia Richter

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