Aktuell, Stadt, Wohnen trotz München

Der letzte Ausweg: Die Notunterkunft des Studentenwerks

In den vergangenen Wochen haben wir bereits über das knappe Gut Wohnraum in München berichtet, was es für Alternativen zum freien Wohnungsmarkt gibt und was das Studentenwerk leistet, um dem enormen Andrang an Studierenden zum Wintersemester 2017/2018 gerecht zu werden. Was passiert aber, wenn das Worst-Case-Szenario Realität wird: Das Semester hat bereits begonnen und man hat noch immer kein Zimmer gefunden? Der letzte Ausweg für derzeit 32 Neu-Studierende, um nicht ohne Dach über dem Kopf ins Semester zu starten, ist die Notunterkunft, die das Studentenwerk für fünf Euro die Nacht in der Schwere-Reiter-Straße in Schwabing stellt.

Die Räumlichkeiten der Notunterkunft

Ingo Wachendorfer steht vor dem Eingang der Notunterkunft, einem ehemaligen Radiosender in der Schwere-Reiter-Straße und erwartet uns bereits. Seit acht Jahren arbeitet er für das Studentenwerk München und nicht zum ersten Mal muss er zum Semesterstart ein Matratzenlager anbieten.

Zunächst führt er uns durch die Unterkunft, die 34 Erstsemester und neue Masterstudent*innen beherbergen kann. Ein großer Raum stellt das Zentrum der Notunterkunft dar.

Hier befinden sich 12 Rückzugsorte von je 4 qm. Eine schwarze Stellwand, jedoch keine Tür, trennt die Bewohner der Notunterkunft voneinander. Jeder dieser „Räume“ hat Platz für eine schmale Matratze, eine Lampe, den eigenen Koffer sowie einen Stuhl, den die Meisten als Ablagefläche nutzen.

Privates und Wertsachen kann man am Ende des Raums in einem kleinen Spind verschließen. Zusätzlich kommt, anders als in anderen Wohnheimanlagen, dreimal die Woche eine Putzfrau.

Um den großen Schlafsaal verteilen sich kleinere Schlafräume mit richtigen Betten für zwei bis fünf Personen, eine große Küche und zwei Bäder.

Diese sind einmal nur mit Toiletten und das andere Mal noch mit zwei Duschkabinen ausgestattet. Die Schlafräume werden den Geschlechtern nach getrennt, die Sanitäranlagen allerdings werden gemeinschaftlich genutzt.Von den 32 Studierenden beanspruchen derzeit zwei Studentinnen die Notunterkunft.

Internationale Studierende in der Notunterkunft

In der Notunterkunft handelt es sich überwiegend um internationale Studierende, besonders aus Pakistan und dem Iran kommen viele. Wachendorfer erklärt uns warum: „Viele der ausländischen Studierenden bekommen erst sehr spät Bescheid und kommen Anfang Oktober nach München. Zu dem Zeitpunkt ist das Meiste schon weg und wegen der Wiesn alles ausgebucht.“ Problematisch sei auch, dass die wenigstens Deutsch sprechen. Die Sprachbarriere stelle sowohl bei der WG-Zimmer Suche, als auch auf dem freien Wohnungsmarkt ein Problem dar.

„For the moment … this is my whole universe.“

Eine Gruppe pakistanischer Masterstudenten, die im Matratzenlager wohnen, erklären uns zudem, dass die Tatsache, dass sie keinen festen Wohnsitz oder ein deutsches Bankkonto angeben können, die Suche erheblich erschwert.

Alle sind aber glücklich darüber, vorrübergehend eine Unterkunft gefunden zu haben. Dass die Privatsphäre fehlt oder auch der Wunsch nach mehr Wohnraum, darüber beschweren sie sich nicht – stattdessen erzählt uns einer der jungen Männer mit dankbarem Blick auf seine 4 qm: „You know, for the moment… this is my whole universe.“

Münchens hohe Fluktuation gibt Hoffnung

Bis Ende November können Studierende hier die Wohnungssuche überbrücken – doch was passiert danach? Herr Wachendorfer entwarnt: „Im Stich gelassen wird von uns niemand“ und die Erfahrung zeige sowieso, dass bis Ende November für jeden ein Platz gefunden wird. Die hohe Fluktuation auf dem Münchner Wohnungsmarkt, so Wachendorfer, bietet den 32 Studierenden aus der Notunterkunft eine Chance, ihr Glück in Form eines eigenen Zimmers oder einer Wohnung zu finden. Allein in den Wohnheimen wurden so von 11.000 Plätzen 7.000 neu belegt.

Die Notunterkunft wird auf der Website des Studentenwerks nicht groß publik gemacht. Durch die Medien und vor allem durch Mundpropaganda der Studierenden selbst gelangen die Informationen nach außen. Die Begründung dafür ist ebenso simpel wie nachvollziehbar: Die Notunterkunft soll denen als Hilfestellung dienen, die wirklich in Not sind.


Fotos: © Mayleen Hähnel

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