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Home Stories aus München: Zu Gast beim Szene-Barkeeper Simon Köster

Anna-Elena Knerich

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

„Super Drinks, coole Bar! Und was machst Du sonst so?“ Fragen wie diese muss sich ein Barkeeper häufig anhören. Zwar jobben viele junge Menschen in der Gastro, um sich Miete und Studium zu finanzieren – aber hauptberuflich hinter der Theke arbeiten, jede Nacht? Das können sich scheinbar doch eher wenige vorstellen, man bedenke bloß die langen Arbeitszeiten.

Dafür genießen Barkeeper gleichzeitig auch großes Ansehen bei den Gästen – besonders, wenn sie außer Cuba Libre und Gin Tonic auch selbskreierte fancy Drinks zaubern können. So wie die Jungs aus der Bar Zephyr, Lukas Motejzik und Simon Köster.

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Die SZ bezeichnete sie als „Künstler hinterm Tresen“, Lukas hat auch schon einige Preise gewonnen. Doch: Wie sieht ihr Leben jenseits des Tresens aus? Wie leben die Barkeeper, was machen sie tagsüber? Und wie viel Alkohol steht bei ihnen zuhause herum?

Wie lebt ein Barkeeper?

Um das herauszufinden mache ich mich an einem sonnigen Herbstvormittag auf nach Untergiesing, um Simon Köster zuhause zu besuchen. Der Weg dorthin führt vom herbstlichen Rosengarten am bekannten Griechen Lucullus vorbei und endet in einem graffitiverzierten Hauseingang. Ich klingle und hoffe, dass Simon nach einer langen Schicht deswegen nicht extra früh aufstehen muss.

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Meine Bedenken sind jedoch beseitigt, als Simon mich gut gelaunt durch die Sprechanlage begrüßt und in den vierten Stock hoch bittet. Dort finde ich ihn am Herd in seiner hellen Küche vor, wo er gerade Rührei macht. Auf einem der schönen Geflecht-Stühle sitzt Jakob, Simons ältester Freund aus Sylt, der „wie ein Bruder“ für ihn ist – und auch maßgeblich zu Simons Wohnungseinrichtung beitrug, wie ich später erfahre.

Bloß kein Helles?

Die beiden haben schon als Jugendliche zusammen in der Sylter Gastro gearbeitet, im Sünhair oder auch bei größeren Veranstaltungen im Sylt Entrée, dem Bistro von Simons Vater. In dieser Zeit sei Simons Lieblingsdrink „FaKo“ (Fanta-Korn) gewesen, erzählt Jakob mit einem Grinsen. Simon lacht: „Kannste ruhig schreiben!“ Hauptsächlich möge er aber Campari Soda, oder auch mal ein kühles Pils. Aber kein Helles – das ist nicht ihr Geschmack, da sind sich die beiden Nordlichter einig.

Im hohen Norden sagt man „Moin“: Simon kommt aus Sylt, seit 2010 lebt er in München.

„Eigentlich bin ich ein Morgenmensch“

Auf dem Küchentisch liegen einige BWL-Bücher, denn Simon studiert nebenher im Fernstudium: „Eine gute Ergänzung zur Ausbildung, und eine Absicherung, falls mal irgendwas schiefläuft“, sagt er. Weil er keinen Schreibtisch hat, lernt er hier in der Küche. „Meistens morgens, da bin ich tatsächlich am produktivsten.“

Er stehe meist zwischen acht und halb zehn auf, frühstücke ausgiebig, gehe zum Sport, lerne für die Uni. Nachmittags dann Kaffeetrinken mit Freunden, Geschäftstermine und ein kurzer Powernap, bevor es gegen sechs zur Arbeit geht.

Über Genuss, Kontrolle…

In seiner Wohnung stehen zwar einige Flaschen Alk herum, doch Simon zufolge sind das meist Geschenke von Messen. Auch die Gin Sul-Lampe im Wohnzimmer hat er von der Hamburger Destillerie geschenkt bekommen, mit der sei er „ziemlich dicke“. Anders als manche Barkeeper, die selbst ihre besten Kunden sind, ist Simon sehr maßvoll: „Ich bin ein Genussmensch und probiere gern neue Drinks. Auch bei der Arbeit – schließlich muss der perfekte Drink dabei rauskommen!“ Die Wirkung von Alkohol möge er aber nicht so sehr. „Wobei, manchmal ist auch das ganz witzig“, fügt er mit einem Grinsen hinzu. Jedoch sei bei seinem Job eine gewisse Distanz sehr wichtig: „Zuhause trinke ich eigentlich nie.“

…Disziplin und Menschlichkeit.

Nach seinem Abitur 2010 zog Simon von Sylt nach München, um (wie sein Vater) seine Hotelfachausbildung im Hilton Munich Park  zu machen. Dort durchlief er alle Abteilungen und lernte, dass es nicht ohne Disziplin geht, ohne Menschlichkeit aber auch nicht. Er traf auf die unterschiedlichsten Menschen und erlebte die absurdesten Situationen, etwa zwei superreiche Araber beim Würfeln, die in ihrer Suite die Rauchmelder abgeklebt und alles mit 500€-Scheinen bedeckt hatten.

Simon liebte das Hotel, doch recht bald war ihm klar, dass er selbstständig sein wollte – und zwar als Barkeeper: „Für mich ist das ein Handwerk, bei dem man gleichzeitig mit Menschen zu tun hat und sie vom Fleck weg glücklich macht.“

Willkommen in der Münchner Barszene

2013 begann Simon in der Bar Reichenbach. Nach drei (nicht immer einfachen) Jahren mit seiner Schwester zog er daraufhin aus ihrer gemeinsamen Wohnung in Bogenhausen aus – und vorübergehend bei einem Freund in der Isarvorstadt ein. Von da an lernte er Leute wie André Meier vom The High oder Tom Graf vom Zephyr richtig kennen, und mit ihnen auch die Münchner Barszene und ihre Geschichte.

New job, new neighbourhood, new friends

Ein ganz besonderes Verhältnis hat er zu Lukas Motejzik, der ihn vor dreieinhalb Jahren ins Zephyr holte und mit dem er mittlerweile auch noch die neue Lausa Bar in Rosenheim betreibt: „Wir ergänzen uns sehr gut, und die intensive Arbeit hat uns richtig eng zusammengeschweißt.“ Wenn sie mal einen Tag nicht telefonieren, sei das schon ein sehr seltsames Gefühl, sagt Simon und lacht.

Sylt mit seinen alten Friesenhäusern, der guten Seeluft und der Entschleunigung ist für Simon zwar „einer der der schönsten Orte, die’s gibt“ – dennoch fühlt er sich hier wohl. Das bestätigt wohl das große München-Bild, das in seinem Wohnzimmer hängt (und von IKEA ist).

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Angekommen & angenommen

War es für ihn als „Zuagroaster“ schwer, sich in der Münchner Gastroszene zu integrieren? „Überhaupt nicht“, antwortet Simon, er fühle sich sehr angenommen. „Ich hatte aber auch enormes Glück mit den Leuten.“ Mit seiner bescheidenen, aber gleichzeitig auch sehr offenen Art entspricht er wirklich dem typischen Bild des zurückhaltenden, herzlichen Norddeutschen. Er erzählt, dass ihn Tom vom Zephyr immer ermutigt, zu seiner Herkunft zu stehen: „Er verbietet mir, bayrisch zu reden.“ (Simon sagt nämlich tatsächlich immer noch „Brötchen“ statt „Semmeln“.)

Arbeiten im Glockenbach – wohnen in Untergiesing

Jahrelang führte Simon eine Fernbeziehung mit seiner Freundin, die von Sylt nach Hamburg gegangen war. Als er 2014 im Zephyr anfing, suchten sie endlich eine gemeinsame Wohnung in München. „Ich mag das Glockenbachviertel, aber irgendwie reizt es mich nicht, dort zu wohnen“, erzählt er.

Sie zogen in diese Wohnung in Untergiesing, wo Simon sich richtig zuhause fühlt. Er könne sich momentan gar nichts besseres vorstellen, sagt er: „Ich komme vom Dorf und mag es, wenn der Bäcker einen kennt oder der Lucullus-Kellner uns umarmt, wenn wir sonntags zum Stammtisch vorbeikommen.“ Außerdem sei er hier super angebunden – auch ohne Auto: In 12 Minuten ist er in der Bar.

Seit Ostern 2016 lebt Simon alleine in der Wohnung. Jakob kam aus Bonn zu Besuch, um ihm beim Umräumen und Streichen zu helfen. Er brachte Simon auch einen Sessel mit: „Sonst wäre die Wohnung wahrscheinlich heute noch leer“, scherzt er. In der Tat schläft Simon seit über einem Jahr auf einer großen Luftmatratze, weil er sich noch kein neues Bett gekauft hat. Und das, obwohl er seit einem Betriebsunfall im Hilton Rückenprobleme hat.

Von nichts zu viel – „die Mischung macht’s“

„Ich brauche eben nicht viel“, sagt Simon zu seiner Verteidigung. Darum kaufe er lieber wenig, aber dafür Gutes, wie etwa die Couch oder die Stühle in der Küche. „Der wichtigste Gegenstand ist für mich der Fernseher, einfach zur Entspannung.“ Über dem Bildschirm stehen eine Menge DVDs und Bücher – neben Cocktail- und Kochbüchern auch die komplette Reihe der Alex Cross-Thriller. Die habe er alle in kürzester Zeit verschlungen, weil sie so spannend sind, erzählt er.

Minimalistisch, aufgeräumt, aber nicht steril

Simon sagt, er brauche zwar eine gewisse Ordnung, aber es dürfe schon auch Spuren davon geben, dass hier jemand lebt. Ein bisschen Krimskrams eben. Manches hat er von seiner Schwester, die bei Westwing arbeitet und mit der er sich mittlerweile wieder gut versteht.

Manches ist einfach improvisiert – so wie das TV-Kabel, das an der Klimmzugstange befestigt ist. Und manches sind Erinnerungsstücke, wie der alte Perserteppich von seiner Oma oder die drei kleinen Fotografien in Schwarz-Weiß, die er mal von einer Reise aus New York mitgebracht hat.

„Ich habe eine Traumvorstellung von einer ganz minimalistischen Wohnung“, sagt Simon. Mit noch mehr Platz und vielleicht noch ein paar mehr Bildern. „Wenn ich mal wieder länger am Stück Zeit habe, werde ich dieses Projekt vielleicht angehen.“ Momentan verreist er aber meist, wenn er Zeit hat: eine größere Reise im Jahr und mindestens einmal nach Hause auf Sylt, zum heimatlichen Strand.

Ein bisschen ziehe es ihn schon wieder in die Heimat, dort könne er sich aber nicht verwirklichen, sagt Simon. Also bleibt er auf jeden Fall hier – schließlich liebt er Untergiesing, den Lärm der Nachbarn und der Lucullus-Gäste, und dass man in München alles mit dem Fahrrad erreichen kann. Irgendwann will er sich aber schon vergrößern; Haus, Garten, Kinder, und nicht mehr jede Nacht in der Bar arbeiten – aber das habe noch Zeit: „Momentan passiert hier gerade richtig viel, und ich bin sehr zufrieden.“

Auf den nächsten Drink!

Beim Abschied verrät mir Simon, dass es im Frühjahr 2018 „einen ganz großen Knall“ geben wird: Scheinbar planen er und Lukas schon wieder ein neues Ding. Es bleibt also spannend – und bis dahin gar nichts anderes übrig, als mal wieder auf einen ihrer grandiosen Drinks (oder einen Fanta Korn) im Zephyr vorbeizuschauen.

Ich habe auf jeden Fall einen interessanten Einblick in das private Leben eines Menschen erhalten, den man hauptsächlich aus dem Münchner Nachtleben kennt. Vielen Dank, lieber Simon, dass ich Dich zuhause besuchen durfte.

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