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Was macht uns eigentlich glücklich? Interview mit einer Glücksforscherin

Leonie Meltzer

Leonie Meltzer

Her mit den Wörtern, den großen der Zeit, den prägenden, die jeden betreffen und über die wir diskutieren. Angst, Hass, Liebe, Mut? "Wieso, weshalb, warum?", frage ich mich und fange eure Münchner Stimmen ein über all jene Wörter, mit denen wir uns täglich auseinandersetzen.
Leonie Meltzer

Her mit dem Schornsteinfeger!

Glück ist ein vierblättriges Kleeblatt, ein Schornsteinfeger, ein Marienkäfer? Das Streben nach dem 1-Cent-Stück? Nein, Glück kann nicht in Formen gepresst werden. Glück sitzt viel tiefer. Jeder Mensch strebt danach und gerade in der Weihnachtszeit ist jedermann erpicht darauf, ein besonders glückliches Fest zu erleben und Zeit mit der Familie zu verbringen. Dafür muss der Tannenbaum perfekt geschmückt sein, die Geschenkwünsche erfüllt und die richtigen Zutaten für das Abendessen an Heilig Abend gekauft werden. All der Stress in der Vorweihnachtszeit – im Grunde alles für eine Weihnachtszeit voller Glück.

Foto Kleeblatt: ©Amy Reed, Unsplash

Ich habe mich mit einigen Münchnern unterhalten und ein paar Stimmen und Tipps für eine besonders glückliche Weihnachtszeit herausgefunden. Außerdem habe ich mich mit einer Glücksforscherin unterhalten und sie gefragt: Woher kommt dieses starke Streben nach Glück und wie erreichen wir diesen wunderbaren Zustand in der Weihnachtszeit, ganz ohne Stress?

Kleine Geschichte des Glücks

Dass Glück mit dem Seelenleben einer Person zusammenhängt und nicht mit Äußerlichkeiten, wie Reichtum oder Erfolg, das wussten schon die frühen Philosophen. Glück trage der Mensch im Herzen, fand zum Beispiel der griechische Naturphilosoph Demokrit. Für Thales war Glück der richtige Mix aus Gesundheit, Zufriedenheit und Bildung. Platon gliederte die Seele des Menschen in Vernunft, Willen und Begehren. Wenn diese drei Teile im Gleichgewicht zueinander stünden, sei der Mensch glücklich. Für Aristoteles war Glück das größte Streben des Menschen. Mit Tugend und Tüchtigkeit, sowie dem Einsatz von Vernunft müssten wir unsere Fähigkeiten in vollen Zügen ausschöpfen – dann würden wir glücklich sein.

Und wie sieht es heute aus?

Glück ist „subjektives Wohlbefinden“

Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Annegret Braun ist unter anderem Spezialistin in Sachen Glück. Sie definierte in unserem Interview Glück als ein sehr komplexes Gebilde aus Persönlichkeit, Lebensumständen, Bewältigungsstrategien, Kultur und Lebenszielen. Leicht definierbar sei es nicht und dessen Empfinden von Person zu Person unterschiedlich. Während des Glücksmoments sei aber alles stimmig. Glück sei außerdem ein Gefühl, das in der Gegenwart gelebt wird. Weiter sagt sie:

„Glück fängt bei Wertschätzung und Dankbarkeit an. Wenn man das Positive in seinem Leben sieht, andere Menschen wertschätzt und das Gute in ihnen sieht. Wenn man dankbar über seine Arbeit ist und über seine Begabungen und Talente, dann sind das gute Voraussetzungen, um Glück zu erleben. Neid, Eifersucht und Missgunst sind Gift für das Glück und auch, wenn man nur sich selbst sieht und seinem eigenen Glück nachjagt.“

Dr. Annegret Braun hat am Institut für Volkskunde/ Europäische Ethnologie an der LMU unterrichtet und ist im Moment freie Mitarbeiterin bei der SZ.
„Ich verbringe gerne Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden. Und ich esse gerne. Wenn beides zusammen kommt, ist das für mich höchstes Glück.“

„Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“
– Hermann Hesse

Was macht denn nun glücklich? Erfolg, Geld, Freundschaft, Sicherheit?

Frau Braun meint: „Lebendige Beziehungen zu anderen Menschen“ oder auch „das Gefühl von Zugehörigkeit“ machen glücklich. Glück sei jedoch ein Kontrasterlebnis. Beziehungen bedeuten auch Konflikte, die notwendig sind, um ein stärkeres Bewusstsein für das Glücksgefühl zu entwickeln. Wer kein Unglück kennt, weiß auch nicht, was es bedeutet glücklich zu sein. Viele Studien beispielsweise zeigen, dass der Mensch in materiell gesicherten Verhältnissen leben muss, damit er sich wohlfühlt. Geld allein kann also durch aus glücklich machen. Ab einer gewissen Summe allerdings, tritt eher ein Gefühl der Gewohnheit ein. Man nimmt es als selbstverständlich wahr und das Glücksgefühl lässt nach. Langfristig zählen, laut der Forscherin, folglich Liebe und Freundschaft. Auch würden Arbeiten oder ehrenamtliche Tätigkeiten, bei denen man seine Begabungen einbringen könne, zum Glück beisteuern.
Sinnliche Erfahrungen, wie warme Sonne auf Haut fühlen, frischgebackene Plätzchen riechen oder Musik hören, die einen zum Beispiel an den letzten Urlaub erinnert, lassen das persönliche Glücks-Barometer höher schlagen.

À propos Plätzchen – 5 Tipps für ganz viel Glück rund um Heiligabend

Die Weihnachtszeit bietet laut Frau Dr. Braun übrigens ein großes Potential an Glücksmomenten an. Um diese in vollen Zügen auszukosten, hier ein paar Tipps für eine besonders glückliche Vor-währenddessen- und nach-Weihnachtszeit.

1. All i want for christmas…

Pures Glück bedeutet aber nicht nur laut bei den Lieblings-Weihnachtsliedern mit zu singen. Vergesst Geschenke-Essenskauf-Vorweihnachtsstress! Draußen ist es sowieso bitter kalt, deshalb nutzt man im kuschlig warmen lieber eine ganz besondere Glücksquelle aus: Zeit mit den Liebsten. Zeit ist bekanntlich sowieso das schönste Geschenk und ein kostbares Gut zugleich. „Freundschaften und Beziehungen pflegen ist die größte Glücksquelle“, sagt auch Frau Braun. Auch „sich mit Freunden zum Adventskaffee zu treffen oder zusammen auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen und Glühwein zu trinken – das macht glücklich.“

2. Sich nicht stressen lassen

So lautet eine weitere Devise. In der Weihnachtszeit entsteht häufig Stress. Viele Aufgaben werden in viel zu wenig Zeit hineingepackt, die Geschenke noch in letzter Minute gekauft. Und das alles zum Alltagsstress hinzu. Und dann sind da noch die hohen Erwartungen von allen Seiten. Alles muss jetzt besonders schön und gemütlich sein, die Geschenke richtig ausgewählt. Kein Wunder, dass man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht und Glück schnell umschlägt in Stress. Tipp von der Forscherin: „Schon vor der Weihnachtszeit darauf achten, was sich Freunde und Familie wünschen, aufschreiben und es gleich besorgen, so dass man nicht in Kauf-Stress gerät.

Wer aber gerade genau dieses Problem hat, der sollte trotzdem nicht nur seine Pflichten erledigen, sondern es sich in mitten der Hektik auch mal zwischendurch auf der Couch gemütlich machen.

„Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen, sobald die erste Adventskerze brennt. Stress kann man vermeiden, indem die Aufgaben in der Weihnachtszeit entzerrt werden. Man sollte Prioritäten setzen und manche Dinge, die sich verschieben lassen, aufs neue Jahr vertagen. Für eine stressreduzierte Weihnachtszeit möglichst Innenstadt, Kaufhäuser und Einkaufszentren vermeiden.“

3. Tea-Time

Die Weihnachtszeit ruft förmlich nach sinnlichen Erfahrungen. Tee oder Glühwein trinken, Plätzchen backen und dahinschmelzen, weil sie so herrlich duften. Zündet die Adventskerzen an und macht es euch zu Hause gemütlich, während draußen die Schneeflöckchen rieseln.

4. Einfach mal nicht auf die Waage schauen

(Ich denke, das kann unkommentiert bleiben)

5. Und noch eine Lichterkette aufhängen…

Auch ist jetzt die Zeit seine Kreativität auszuleben, die im Alltags-Arbeits-Unistress zu kurz kommt. Dekoriert was das Zeug hält und so viel es euch glücklich macht. Hauptsache ihr gestaltet euch das Ganze so gemütlich wie möglich.

Eine monatliche Kolumne der großen Wörter. Ich danke Frau Dr. Braun, die mit mir ihre Gedanken zum Thema Glück aus wissenschaftlicher Sicht geteilt hat und denjenigen, die mir über ihre Glücksmomente in der Weihnachtszeit gesprochen haben.


Beitragsbild: ©Denise Johnson via Unsplash
Foto Frau Braun: Sessner

1Comment
  • Amy
    Posted at 18:02h, 30 Dezember

    Thanks for the photo credit! Blessings!!!

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