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„Alice im Wunderland“: Theaterzauber im Resi gegen den Januar-Blues

Caroline Giles

Caroline Giles

"Likes: Katzenbabies, Leopardenprint und Augustiner.
Dislikes: Spinnen, High Heels und Königsberger Klopse."
Caroline Giles

 

Jetzt ist sie also endgültig vorbei, die funkelnde Weihnachtszeit. Die letzten bunten Feuerwerke wurden verballert. Es ist Januar. Der Ernst des Lebens beginnt erneut und die Tage werden uns noch eine ganze Weile viel zu dunkel und viel zu kurz erscheinen. Zum Glück gibt es einen Ausweg aus der grauen Misere: eine Reise ins Wunderland! Denn derzeit können Groß und Klein gemeinsam mit Alice eine wortwörtlich wundervolle Zeit bei Christina Rasts Adaption von „Alice im Wunderland“ am Residenztheater verbringen.

Wir haben von Regisseurin Christina Rast elektronische Post bekommen. Im Interview erzählt sie uns, warum Lewis Carroll’s Geschichte nach wie vor so sehr fasziniert – und wie das Wunderland auf die Bühne kommt.

© Thomas Aurin, v.l. Mara Widmann (Weißes Kaninchen), Anna Graenzer (Alice)

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf als Regisseurin gekommen? Und was begeistert Sie besonders am Theater?

Ursprünglich habe ich Germanistik und Filmwissenschaften an der Universität Zürich studiert. Für mich wurde aber bald klar, dass mir das zu theoretisch ist und ich direkt mit Menschen arbeiten möchte. Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch.

Theater-machen bedeutet für mich in erster Linie Kommunikation auf ganz vielen Ebenen: Die Möglichkeit, in Form einer künstlerischen Auseinandersetzung mit anderen Menschen, etwas über die Welt und deren Wahrnehmung zu erzählen, das Arbeiten mit Musik als narratives Element, das Eintauchen in assoziative Bildwelten, manchmal sogar selber schreiben, oder, wie jetzt hier bei „Alice im Wunderland“, einen tollen Stoff für die Bühne adaptieren…

Am Theater begeistert mich nach all diesen Jahren immer noch, dass so viele tolle SpezialistInnen an einer einzelnen Produktion mitarbeiten. Und ich mag, dass Theater körperlich und physisch nur im Moment stattfindet und die Menschen sinnlich zum Mit-Denken auffordert.

Carrolls “Alice im Wunderland” ist aus der Popkultur ja nicht wegzudenken. Ob Roman oder Disney-Animation, Kinder und Erwachsene lassen sich von Carrolls Erzählung gleichermaßen verzaubern. Worin besteht für Sie der Charme von “Alice im Wunderland”?

In „Alice im Wunderland“ werden unsere sogenannte Wirklichkeit und unser Selbstverständnis permanent auf den Kopf gestellt. Die Welt verändert ständig ihr Gesicht, Regeln werden hinterfragt und ad absurdum geführt. Insofern begibt man sich mit Alice auf eine Entdeckungsreise durch den Mittelpunkt unserer Gesellschaft. Wir erkennen Typen, Verhaltensweisen, Bekanntes und NachbarInnen. Autoritäten und absolute HerrscherInnen sind nichts weiter als Spielkarten oder Schachfiguren, und Lehrer werden zu zerbrechlichen Eiern auf einer Mauer der Selbstbehauptung. Das ewig gestresste, autoritätsgläubige weiße Kaninchen, das der Zeit ständig hinterherrennt, ist der Prototyp des kleinen Beamten oder heutigen Selbstoptimierers.

Diese Entdeckungsreise macht viel Spaß, zumal diese ganzen Wesen und Charaktere meistens ziemlich geschwätzig sind und gerne absurde Wortspiele veranstalten. Und es gibt eine eigenwillige Heldin in Form eines kleinen Mädchens, das todesmutig, vorlaut und neugierig allen Gefahren trotzt und die herrschenden Strukturen auf den Kopf stellt. Dabei wechselt sie permanent ihre Größe, was ganz schön verwirrend ist. Kindern wird ja oft vermittelt, dass sie für bestimmte Dinge zu alt oder zu groß, für was Anderes dann wieder zu klein sind. Und auch wir Erwachsenen fühlen uns gegenüber der sogenannten Realität und Weltpolitik des Öfteren ohnmächtig – Carroll greift dieses Grundgefühl auf und fragt uns: Wer bin ich denn überhaupt? Hat sich die Welt, oder habe ich mich verändert?

Diese Verbindung von philosophischen Grundfragen und Abenteuerreise macht „Alice“ zu einem Manifest für die Kraft der Phantasie.

© Thomas Aurin, Mara Widmann (Weißes Kaninchen), Tim Werths (Mäusemann), Anna Graenzer (Alice), Till Firit (Hutmacher), Julien Feuillet (Hummer)

Welche Schwierigkeiten ergeben sich bei der Adaption des Originaltexts – der ja ein Roman ist – zu einem Theaterstück? Und wie lässt sich Carrolls Wunderland am besten auf einer Bühne verwirklichen?

Alice fällt auf ihrer Reise durch das Wunderland von einer Begegnung in die nächste. Die Herausforderung beim Erstellen der Spielfassung war, aus diesem Kaleidoskop eine Reise heraus zu kristallisieren, die einer Traumlogik folgt und trotzdem einen Entwicklungsbogen erzählen kann. Auf der praktischen Ebene war es uns wichtig, einfach und zeichenhaft das Groß- und Kleiner Werden zu erzählen: Mal verändert sich die Umgebung – Türen werden groß und klein – mal verändern sich die Menschen und gehen auf Knien, wenn Alice wieder groß wird, was einem ähnlichen Prinzip folgt wie das Verhalten von Kindern, wenn sie spielen.

Ein Auftritt in einem Papierboot kann einen Ozean erzählen, ein großes fahrbares Rohr kann sowohl den Kaninchenbau als auch ein Mäuseloch oder Abflussrohr darstellen. Dabei haben wir die Bühne bewusst abstrakt gehalten, die verschiedenen Räume entstehen durch einfache Elemente. Bei den Kostümen hatten wir dafür Spaß an konkreten Charakter-Details und Verspieltem: Das weiße Kaninchen legt Wert auf ein makelloses Äußeres, der Faselhase hingegen ist zerzaust und hat schon bessere Zeiten gesehen, der Siebenschläfer trägt eine Schlafmütze und einen Schlafanzug, die Spielkarten sind zweidimensional und so weiter…

Eine weitere Erzählebene bildet das Video in Form von Animationen, mal stellt es die Perspektive von Alice dar, mal eine Grinsekatze, mal ist es eine Raumerweiterung.

Natürlich spielt die Musik in diesem Kosmos eine wichtige Rolle, und mir war von Anfang an klar, dass ich gerne mit Live-Musik arbeiten möchte. Felix Müller hat tolle Arrangements und Liedtexte geschrieben, die die Kinder ganz direkt ansprechen und abholen.

Was sind die größten Unterschiede zwischen der Inszenierung eines Theaterstücks für Erwachsene und einer Inszenierung für Kinder? Worauf legen Sie bei einer Inszenierung für Kinder besonders Wert?

Bei einem Familienstück versuchen wir immer, alle Menschen von 6 bis 90 zu erreichen. Wobei die Kinder manchmal an ganz anderen Sachen ihren Spaß haben als die Erwachsenen. Kinder sind ein tolles Publikum. Sie reagieren direkt, lautstark und emotional, während bei uns Erwachsenen ja sämtliche Äußerungen zuerst durch diverse Filter laufen.

Es geht nichts über 1000 Kinder, die aus vollem Hals lachen, mitsingen, dann wieder ganz still werden oder eine kräftiges „Nein“ schmettern, wenn sie was ungerecht finden.

Ich glaube, dass Kinder öfter unterschätzt werden. Dabei verstehen sie meistens viel mehr als wir ihnen zumuten, so lange es eine tolle Identifikationsfigur gibt, die durch das Stück führt. Kinder haben kein Problem mit einer assoziativen Erzählweise, da sie der Welt spielerisch, neugierig und intuitiv begegnen.

Bei Inszenierungen, die sich vor allem an ein junges Publikum richten, hinterfrage ich umso genauer, was für eine Botschaft und was für ein Rollen- oder Weltbild man der jungen Generation vermitteln will. Das ist schließlich unsere Zukunft.

Und zum Abschluss: Worauf können sich unsere Leser bei einem Besuch von “Alice im Wunderland” besonders freuen? Was erwartet die großen und kleinen Besucher?

Freuen kann man sich auf skurrile Gestalten, eine phantastische Abenteuerreise und Bildwelten, die Spaß machen und zum Mitdenken anregen. Es gibt Wortwitz, Theaterzauber und viel zum Kucken. Ganz tolle Live-Musik und kluge Texte. Fein ausgearbeitete Kostüme und Masken. Und ein absolut großartiges Schauspielensemble.

© Thomas Aurin, v.l. Anna Graenzer (Alice), Till Firit (Hutmacher), Barbara Melzl (Herzkönigin)


Infos in aller Kürze

Was: Theaterzauber für Groß und Klein
Wann: Die nächsten Familienvorstellungen von „Alice im Wunderland“ ist am 21. Januar um 11Uhr und um 16 Uhr.
Karten für die Vorstellung am 18. Februar gibt es ab dem 18. Januar im Vorverkauf.
Wo: Residenztheater München
>> Tickets <<

 

Beitragsbild: © Thomas Aurin

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