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Eine Kneipe, Oldtimer und das Hipstertum: „Feierabendbier“-Regisseur Ben Brummer im Interview

Anna-Elena Knerich

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

„Feierabendbier“ handelt von der Identitätskrise des Barkeepers Magnus, der seine Zeit entweder in seiner Kneipe oder mit seinem Oldtimer verbringt. Er lebt getrennt von seiner Ex und ihrem gemeinsamen Sohn, den der neue schnöslige Freund seiner Ex-Freundin adoptieren will. Als dann auch noch Magnus‘ heiß geliebter Oldtimer gestohlen wird, droht seine Welt endgültig zusammenzubrechen. Doch Magnus macht sich auf die Suche nach seinem Auto und nach seinem Glück.

In dem Film geht es nicht nur um geile Autos und Drinks, sondern auch um Hipstertum, Freundschaft, die Widrigkeiten des Lebens und wie man diese überwindet. Seine Premiere hat der Film auf der Berlinale, ab März läuft er dann im Kino.

Wir haben vorab mit Regisseur und Drehbuchautor Ben Brummer gesprochen:

Ben Brummer ©Dean Benici

Ben Brummer, Jahrgang 1980, ist echter Münchner. Er war an der HFF und hat mehrere Werbe- und Kurzfilme realisiert. Für den Kinofilm „Feierabendbier“ hat er das Drehbuch geschrieben, zudem hat er Regie geführt und ihn mitproduziert. Im Interview erzählt er, warum Barkeeper echte Helden sind, welche Herausforderungen der Dreh in München mit sich brachte und was er sich für seine Heimatstadt wünscht.

MUCBOOK: „Feierabendbier“ ist Dein Kino-Debüt. Nun wird der Film seine Premiere bei der Berlinale haben. Hättest Du damit gerechnet?

Ben Brummer: Nein, aber gefreut habe ich mich. Der Film passt gut nach Berlin, auch wenn er in München gedreht ist.

Eine Schlägerei in einem Swingerclub, durchzechte Nächte in einer Kneipe, Hipstertum, geile Oldtimer und Streit mit der Ex: Was hat Dich zu der Geschichte inspiriert?

Anfangs gab es lediglich den Impuls, einen Film über einen Barkeeper zu machen. Ich habe selbst nie in der Gastronomie gearbeitet, mich aber auf der anderen Seite des Tresens immer recht wohl gefühlt. Barmänner bringen alles mit, was ein moderner Held heute braucht: Ihr Alltag ist eine Bühne, der Tresen trennt sie vom Rest der Welt, ihre einfachen Werke (ein Drink, ein gut gezapftes Bier) sind Kultobjekte – er ist das Zentrum des Kneipenuniversums. Das passt zur Lage des heutigen Menschen. Der Rest der Geschichte sind Beobachtungen aus dem Leben von Freunden und Bekannten.

Wann hast Du mit dem Drehbuch begonnen?

Die ersten Buchentwürfe mit anderem Titel gab es schon 2014, die waren aber teilweise noch recht artifiziell. Am Ende habe ich alles verworfen, die Geschichte stark vereinfacht und das Drehbuch in zwei Wochen runtergeschrieben. Wenn es schnell geht, weiß man, dass man das Richtige tut.

Dimi muss jede Woche Magnus’ Auto reparieren. ©GAZE Films

Warum passt München als Schauplatz für die Geschichte?

Der Film spielt in einer nicht näher definierten deutschen Großstadt. Ich wollte das von Anfang an offenhalten. Mir ging es vor allem darum, einen traumhaften Ort zu zeigen. Dabei haben wir uns am urbanen und zugleich heimeligen Flair der alten Bundesrepublik orientiert: Schmucklose Gebäude mit Graffiti-Bemalung und weite, unbebaute Flächen. Der Film hat ja auch insgesamt etwas 80er-Jahre-mäßiges. Es ist aber unglaublich schwer, in München noch solche Orte zu finden. Einige unserer Drehorte gibt es mittlerweile gar nicht mehr, nach uns kam quasi die Abrissbirne.

Über Philosophie und Budget

Es sollen viele Heidegger-Zitate in dem Film vorkommen. Was hat es damit auf sich?

Es ging vor allem darum, die Figur des Dimi auszuschmücken. Er ist ein Kfz-Mechaniker, der in seiner Freizeit Philosophie studiert, um junge Frauen kennenzulernen. Heidegger hat komödiantisches Potential, da seine Sprache etwas Dadaistisches hat. Außerdem bietet sie viel Raum für sexuelle Assoziationen, die Wörter Ekstase und Verfallen spielen eine große Rolle.

Dimi und Vivian staunen über Manfreds Tarotkarten. ©GAZE Films

Der Hauptdarsteller und andere Schauspieler sind eher Newcomer – andererseits spielen aber auch Christian Tramitz oder Skandalpromi Ben Tewaag mit. Wie war es, mit dieser heterogenen Crew zusammenzuarbeiten?

Einfach wunderbar! Nicht mit Stars zu arbeiten hat den Vorteil, dass schnell eine familiäre Atmosphäre entsteht. Die wiederum gefiel aber auch Christian Tramitz gut. Gleichzeitig sorgte ein Auftauchen von ihm oder Ben Tewaag dann zwischendurch auch mal wieder für eine gewisse Anspannung im Sinne von erhöhter Konzentration. Diese Mischung im Cast kam also allen zugute.

Was war die größte Schwierigkeit bei dem Film?

Das Budget. Einen so klassisch produzierten Kinofilm für 150.000 Euro Barmittel zu machen, ist eigentlich unmöglich. Vor allem das Produktionsteam war viel zu klein. Die Produzentin Ina Mikkat und ich selbst haben weit über unser Jobprofil hinaus gearbeitet. Es ist nicht immer leicht, gut Regie zu führen, wenn man nebenbei noch die Dispos schreiben muss.

Über Musik und München

Polina Lapkovskaja von der Münchner Band Pollyester hat eine Gastrolle in dem Film und einer der anderen Schauspieler, James Newton, hat bei dem Deichkind-ähnlichen Song „Schüttel das Ass“ mitgemacht. Welche Rolle spielt die Musik bei dem Film?

Die Musik ist sehr präsent. Wir haben etwa 25 Songs zusammengetragen. Viele davon sind extra für den Film komponiert worden. Die Münchner Blueslegende Dr. Will hat den Großteil produziert und wir konnten auf seinen über Jahrzehnte entstandenen Pool aus Songs zurückgreifen, darunter sogar ein paar unveröffentlichte 80ies-Originale. Auch die Songs von Pollyester passen perfekt in den Film. Diese Mischung aus Urban Blues, Elektropop und Honky Tonk-Piano ist genau das, was so ein Großstadtwestern mit 80er-Jahre-Flair braucht.

Um nochmal auf das herrlich trashige Musikvideo zurückzukommen: Wie ist der Stil des Films? Worauf dürfen wir Zuschauer uns freuen?

„Schüttel das Ass“ ist ein Spin-Off zum Film, der aus der Schauspielarbeit mit James Newton entstanden ist. Er spielt den Antagonisten, einen völlig überdrehten, bisexuellen und zugekoksten Online-Pokerspieler, der sich selbst „Dr. Benis“ nennt. Wenn man an einer Rolle arbeitet, überlegt man ja auch gemeinsam, was die Figur so alles treibt, wenn sie gerade nicht im Film vorkommt, einfach um ein klareres Bild zu bekommen. Dabei ist die Idee entstanden, zusammen mit dem Synthie-Schweizer Guy Mandon einen eigenen Song zu machen und dazu ein Video zu drehen.

Der Stil des Films entspricht dagegen eher der Hauptfigur. Er ist ruhiger, lässiger, eben Western-artiger. In mancherlei Hinsicht ist er vergleichbar mit den frühen Jim Jarmusch-Filmen. Der eine oder andere wird sich auch an Tarantino erinnert fühlen.

Zuletzt: Was wünschst Du Dir für die Münchner Filmszene, beziehungsweise für München an sich?

Eine Münchner Filmszene gibt es eigentlich seit Helmut Dietl gar nicht mehr, nur eine bayerische. In München ist einfach viel zu wenig Platz. Bei meiner mühsamen Location-Tour habe ich realisiert, dass es viel leichter wäre, einen Film über einen psychopathischen Unternehmensberater zu drehen. München muss aufpassen, dass es nicht zur reinen Schlafkaserne seiner Dax-Unternehmen verkommt. Die viel gerühmte und auf der Wiesn mantrisch beschworene „Gemütlichkeit“ ist immer seltener zu finden. Ich bin aber hier geboren und weiß, dass ich nicht der einzige bin, der das merkt. Ich habe also noch Hoffnung.


Fotos: © Dean Benici (Porträt Ben Brummer), GAZE Films (Standbilder vom Film)

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