Aktuell, Leben, Lecker

#foodporn: Warum der Leberkas ein Imageproblem hat

MUCBOOK Magazin

MUCBOOK Magazin

Die Münchner wünschten sich wieder ein eigenes Stadtmagazin. Darum wickelt sich das Online-Magazin mucbook.de zwei Mal im Jahr in Papier und legt sich an den Kiosk. Gemeinsam mit vielen Münchner Bloggern wurden Reportagen, Berichte und Interviews rund um Liebe und kulturelle Vielfalt in München verfasst. Die Leser finden Tipps und Tricks ihrer Lieblingsblogger und Journalisten für den Ernst des Lebens – aber auch fürs Feiern, Einkaufen und Lieben.
MUCBOOK Magazin

In unserer Aktuellen Ausgabe des Mucbook Magazins dreht sich alles um Design – und auf Seite 37 auch um Food Design.

Der Leberkas hat ein Imageproblem, und zwar nicht wegen des unappetitlichen Namens oder der mysteriösen Zusammensetzung, sondern weil er für Instagram schlicht nicht fotogen genug ist. Wie die Plattform immer stärker bestimmt, was auf den Tellern beziehungsweise in den „Bowls“ landet.

Ein herrlicher Herbsttag Ende September. Wie jedes Jahr um diese Zeit ist die Stadt geflutet mit Menschen auf der Suche nach einem Bier-induzierten Filmriss. Wir laufen gerade über den Viktualienmarkt, als uns eine Gruppe junger Amerikaner anspricht. Sie würden gerne etwas essen und ob man denn etwas empfehlen könne. Gönnerhaft erklären wir uns sofort dazu bereit, die Rolle der Fremdenführer zu übernehmen und unsere bajuwarischen Spezialitäten vorzustellen.

Wir spazieren über den sonnigen Marktplatz, das Bier funkelt in den Maßkrügen, München zeigt sich von seiner schönsten Seite. Unsere Gäste aus Übersee lauschen unseren Erklärungen, finden die Stände „amazing“ und „so pretty“. Alles, was irgendwie hübsch aussieht, wird fotografiert, und wir warten ein paar Minuten, bis jeder aus der Gruppe ein Bild mit seinem Smartphone machen konnte. Währenddessen fassen wir den Beschluss, den jungen Amerikanern ein Stück deutsche kulinarische Kultur näherzubringen: Die Leberkassemmel.

Die Leberkassemmel eine gänzlich instagramunwürdige Mahlzeit?

Haxn, Hendl und Schweinsbraten gibt es schließlich in der einen oder anderen Form in vielen Ländern. Brühwurst hingegen, zu der auch der Leberkas zählt, ist typisch deutsch. Nur hier gibt es die besondere Vorliebe, Fleisch zu einer homogenen Paste zu kuttern und anschließend in Form zu pressen. Deshalb spricht man im angelsächsischen Raum auch von „German Wurst“, wenn der klassische deutsche Brotbelag gemeint ist.

Also hinein in die nächste Traditionsmetzgerei und eine Runde Leberkassemmeln bestellt. Was folgt, ist eine herbe Enttäuschung für beide Seiten. Die Amerikaner sind enttäuscht, weil sie eine so gänzlich instagramunwürdige Mahlzeit serviert bekommen. Wir sind enttäuscht, weil unser geliebter Leberkas auf sein Äußeres reduziert wird. Auf die Frage hin, ob sie ihr Mittagessen denn nicht auch eines Bildes würdigen wollen, werden die Smartphones nur widerwillig gezückt.

Obwohl ich mich mittlerweile weitestgehend vegetarisch ernähre, hege ich ausgerechnet zum Leberkas eine im Kindesalter geprägte, fast emotionale Verbindung. Als wir früher noch häufiger Familienausflüge in die Berge machten, hielten wir immer an derselben Metzgerei, um uns mit einer Leberkassemmel für die kommende Tour zu stärken. In der Schule war sie die erste warme Mahlzeit, die man sich von seinem Taschengeld leisten konnte. Und als ich das erste Mal für längere Zeit alleine reisen ging, war die Leberkassemmel auf dem Weg zum Flughafen so was wie ein kleines Abschiedsessen.

Essen als Selbstinszenierung

Doch die geliebte Semmel hat ein Problem, für das die kurze Begegnung auf dem Viktualienmarkt paradigmatisch ist. Sie wird von einem Phänomen bedroht, das gerade weltweit Essgewohnheiten in Frage stellt. Das Phänomen lautet: Essen als Selbstinszenierung. Und die Leberkassemmel eignet sich dafür nur schwerlich.

Eine Suche auf Instagram nach dem Hashtag #foodporn ergibt ca. 140 Millionen Beiträge. Zu sehen bekommt man dann viele Bilder von Avocado-Toasts, Cheeseburgern, Açai-Bowls und pochierten Eiern. Die bescheidene Leberkassemmel sucht man vergeblich.

Verglichen mit Burger, Bagel & Co. ist die Leberkassemmel das hässliche Entlein der belegten Brote.

Leberkas harmoniert nicht besonders gut mit Avocado, er lässt sich schlecht in Bowls anrichten und auch mit Chiasamen-Kruste ist er mir noch nie begegnet. Auch die Variante Pizza-Leberkäse ist nicht wirklich foodporn-tauglich, da er mit seiner eiterähnlichen Paprika-Käse-Optik selbst so manchem Leberkasliebhaber den Appetit verdirbt.

Wer somit ein Foto von seiner Leberkassemmel postet, bringt im besten Fall ein fehlendes Ästhetikgespür zum Ausdruck, im schlechtesten Fall wird er für einen geschmacklosen Hinterwäldler gehalten, dem völlig egal ist, was in seinem Körper landet. Das kann zum existentiellen Problem für den unansehnlichen Leberkas werden.

Dabei muss die zunehmende Fokussierung auf das Aussehen unseres Essens nicht unbedingt schlecht sein. Viele der aktuellen Foodtrends sind von Gedanken an Gesundheit und Nachhaltigkeit geprägt. Eine bewusstere Auseinandersetzung mit unserer Ernährung kann dafür sorgen, dass die Landwirtschaft umwelt- und tierfreundlicher wird und sich weniger Menschen wegen Diabetes ein Bein amputieren lassen müssen. So betrachtet kann es durchaus begrüßenswert sein, wenn aufgrund von Instagram weniger Leberkassemmeln verzehrt werden.

Problematisch wird es allerdings, wenn sich unser Essverhalten nur noch an der Fotogenität der verwendeten Zutaten orientiert. Denn die meisten Gerichte sehen eben nicht gerade spektakulär aus, auch wenn sie in ihrer Schmackhaftigkeit einem perfekt designten Chia-Pudding in nichts nachstehen. Das gilt für die Leberkassemmel genauso wie für den Linseneintopf.

Dafür spricht auch unsere Begegnung mit den Amerikanern, die nämlich doch noch ein glückliches Ende nahm. Die bestellten Semmeln wurden von ausnahmslos allen vollständig verputzt. Einem schmeckte es so gut, dass er sich glatt eine zweite bestellte. Rundum zufriedene Gesichter; und das ganz ohne #foodporn.

Text: Wolfgang Westermeier
FOTO: Philip Westermeier

Das MUCBOOK-Magazin erscheint mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten 2 x im Jahr.
Du willst es haben?

cover-9

1Comment
  • Stefan Göttler
    Posted at 22:39h, 06 Februar

    Danke für den Artikel und der damit verbundenen Wertschätzung unseres geliebten Lerberkas. #bavarianhautecuisine #nurmitsenf

Post A Comment

Das Heft über die Münchner Stadtviertel

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons