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Hilfe für Nichtversicherte: Die Hilfsorganisation Ärzte der Welt in München

Ein gewöhnlicher Dezembertag in der Fußgängerzone. Die Münchner sind beschäftigt mit Weihnachtseinkäufen. Plötzlich tritt eine Gruppen Menschen in weißen Arztkitteln hervor. Wie von unsichtbaren Kugeln getroffen, fallen sie und bleiben regungslos auf dem Boden liegen. In den Händen Plakate. „Nervös wegen einer OP? Dann stellen Sie sich mal vor, Ihr Chirurg wird kurz vorher angeschossen.“

Mit dieser Aktion soll im Rahmen der Kampagne #targetsoftheworld drauf aufmerksam gemacht werden, dass weltweit hunderte  Ärzte, Pflegekräfte und Patienten von Bombardierungen in Kriegsgebieten bedroht werden. Die Menschen in den weißen Kitteln gehören zu der Hilfsorganisation  Ärzte der Welt, die in über 80 Ländern aktiv ist.

In München gibt es beispielsweise das open.med. Hier bekommen Nichtversicherte – Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstaus, aber auch Menschen, die sich die Kassenbeiträge nicht leisten können – medizinische Hilfe. Kostenlos und auf Wunsch anonym. Neben den allgemeinen Sprechstunden, speziellen Sprechstunden für Frauen und Kinder, chronisch oder psychisch Kranken ist außerdem ein mobiler Behandlungsbus unterwegs. Der hilft am Hauptbahnhof Wohnungslosen, Tagelöhnern, Drogenkonsumenten und Sexarbeitern. Im Winter hält der Bus auch zweimal wöchentlich vor der Notunterkunft Bayernkaserne, die nachts Zuflucht vor den eisigen Temperaturen bietet.

Wir haben bei Ärzte der Welt nachgefragt

Woher kommt der Name eures Projekts? Und was bedeutet er?
Den Namen haben wir von der kleinen Gruppe von Ärzten, die 1980 unter dem Eindruck der Massenflucht über das Südchinesische Meer nach dem Ende des Vietnamkriegs die Hilfsorganisation Médecins Du Monde gründeten. Fünfzehn von ihnen hatten in einer öffentlichkeitswirksamen Aktion viele Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet. Sie wollten nicht nur unmittelbar Hilfe leisten, sondern es ging ihnen auch darum, die humanitäre Katastrophe auf hoher See zu dokumentieren. Daraus ist inzwischen ein weltweites Netzwerk mit fast 400 Projekten in über 80 Ländern geworden. Die deutsche Sektion, Ärzte der Welt, existiert seit dem Jahr 2000.

Was ist einzigartig an eurem Projekt?
Noch heute sehen wir es als eine unserer Aufgaben, Verstöße gegen Menschenrechte zu bezeugen und denen eine Stimme zu geben, die häufig nicht gehört werden. Daneben unterscheidet uns von anderen internationalen Hilfsorganisationen, dass wir auch im Inland arbeiten. So helfen wir in München, Berlin, Hamburg und Stuttgart Menschen, die keine reguläre Arztpraxis aufsuchen können – zum Beispiel weil sie zu den Hunderttausenden in Deutschland gehören, die nicht krankenversichert sind. Wichtig ist uns auch, dass unsere Projekte nachhaltig sind. Wir versuchen, die Gesundheitsstrukturen an den Einsatzorten zu stärken und arbeiten viel mit lokalen Kräften. Auf diese Weise profitiert das jeweilige Land auch nach dem Ende eines Projekts noch von unserer Expertise und unseren Mitteln.

 

Wie viel Zeit investiert ihr?
Das unterscheidet sich von Mitarbeiterin zu Mitarbeiter. Wir sind stolz auf unsere vielen Ehrenamtlichen, die einen Teil ihrer Freizeit opfern, um anderen zu helfen. Aber wir haben auch einige angestellte Mitarbeiter, die den ganzen Tag im Einsatz sind – und nicht selten darüber hinaus.

Wo findet man euch?
Unsere medizinische Anlaufstelle in München ist in der Dachauerstraße 161. Mit unserem Behandlungsbus sind wir auch mobil im Einsatz – zum Beispiel am Hauptbahnhof oder beim Kälteschutz in der Bayernkaserne, wo wir im Winter Wohnungslosen medizinische Hilfe leisten. Unser Zentrale ist in Milbertshofen.

Wer unterstützt euch?
Unser Netzwerk von Ärzten und anderen ehrenamtlichen Helfern. Besonders dankbar sind wir auch unseren vielen Spender und zahlreichen Kooperationspartnern. Zum Teil finanzieren wir uns auch durch öffentliche Gelder.

Was macht ihr, wenn ihr nicht an eurem Projekt arbeitet?
Je nach Jahreszeit kann man unser Team auf der Wiesn oder beim Tollwood-Festival treffen. Im vergangenen Jahr haben wir beim B2Run-Firmenlauf im Olympiapark mitgemacht. Unser Direktor François De Keersmaeker ist begeisterter Bergsteiger und leitet am Wochenende manchmal Klettertouren.

Was liebt ihr an München besonders? 
Die vielen netten Münchner, die uns unterstützen.

Wenn Ärzte der Welt eine Person wäre, wie wäre diese Person?
Menschlich, weltoffen, vielseitig und engagiert.

Eure Infos im Netz?

Instagram: aerztederwelt
 

Ein Song, der mit eurem Projekt zu tun hat?
Bitte nicht ‚Heal the World‘ von Michael Jackson! Da steckt uns ein bisschen zu viel Pathos drin. Wir sind nicht die Helden in Weiß, die eben mal die Welt retten, sondern begegnen unseren Patienten auf Augenhöhe. Dann schon lieber ein Song von Jane Birkin, einer unserer Unterstützerinnen. In Deutschland haben wir auch öfter mit Klienten zu tun, die der Minderheit der Roma angehören. Musik von Taraf de Haidouks oder Fanfare Ciocarlia würde also auch passen.


Bilder: David Gohlke, Katharina Meier, Mike Yousaf

Giulia Gangl

Giulia Gangl

"Überladung mit überflüssigen Fremdwörtern,
ausgiebige Verwendung von Modewörtern.
Die grauenhafte Unsitte, sich mit Klammern (als könnte mans vor Einfällen gar nicht aushalten) und Gedankenstrichen dauernd selber - bevor es ein anderer tut - zu unterbrechen, und so (beiläufig) andere Leute zu kopieren und dem Leser - mag er sich doch daran gewöhnen! - die größte Qual zu breiten.
Aufplustern der einfachsten Gedanken zu einer wunderkindhaften und verquollenen Form."
(Kurt Tucholsky)

Ups.
Giulia Gangl
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