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Ein Blick auf die Täter – „Der Hauptmann“ ab 15. März im Kino

Thomas Empl

Thomas Empl

Schreibt seit 2012 für mucbook über Kino, meistens Filmkritiken, hin und wieder auch mal Theater. Als Münchner in Köln unterwandert er im Moment den Westen und arbeitet dort als Schriftsteller. Ist aber trotzdem ständig in München, der besten Stadt der Welt.
Thomas Empl

Deutschland, April 1945. Der zweite Weltkrieg befindet sich in seiner Endphase, Deserteure und Plünderer überall. Auch der 21-jährige Gefreite Willi Herold desertiert und lebt als Dieb von der Hand in den Mund. Bis er eine Offiziersuniform findet, sie überstreift und plötzlich ein anderer ist. Herold gibt sich als Hauptmann aus, sammelt Soldaten um sich und übernimmt die Kontrolle über ein Kriegsgefangenenlager, wo er die Gefangenen nach und nach unbefugt ermorden lässt.

Der Stuttgarter Robert Schwentke, zuletzt in Hollywood unterwegs (R.E.D., Die Bestimmung 2 & 3), verfilmt mit Der Hauptmann die wahre Geschichte dieses Kriegsverbrechers, in Schwarzweiß und mit viel deutscher Schauspielprominenz.

24 Minuten dauert es, bis der Titel eingeblendet wird, es sind die stärksten des Films. Herold stolpert durchs verschneite Niemandsland, Dörfer und Scheunen, es wird kaum gesprochen, Kameramann Florian Ballhaus‘ Bilder wecken Western-Assoziationen. Eine Dorfgemeinschaft, in der er als Hauptmann ein Abendessen abgreift, fordert von ihm die Erschießung eines Plünderers. Herold zögert nicht.

Schwentke versucht sich nicht an einer Vermenschlichung seines Protagonisten, Herold ist von Anfang an ein kalkulierendes Arschloch ohne Gewissensbisse und bleibt es auch. Wer er war, bevor er die Uniform nahm, erfahren wir nicht. Auch die anderen Protagonisten treten fast ausschließlich als skrupellose Mörder, Frauenschläger, Vergewaltiger auf.

Die Banalität des Bösen

Eine Perspektive der Opfer oder gar Sympathieträger gibt es im Hauptmann so gut wie nicht – eine gewagte Entscheidung, die Folgen hat. Für einen Großteil der zwei Stunden Laufzeit wird durch eine Hauptfrage Spannung erzeugt: Fliegt der Deserteur in seiner Hauptmanns-Verkleidung jetzt auf oder nicht? Herold blufft und heilhitlert sich immer weiter durch, doch das Spannungsprinzip hat einen Haken: Wenn der Held ein Nazi-Arsch ist, ist es dem Zuschauer doch egal, ob er erwischt wird oder nicht.

Und spätestens nachdem Herold in seiner neuen Funktion gleich mehrere Massenerschießungen begehen lässt, wartet man nur noch auf seinen Niedergang. Der kommt allerdings nicht – stattdessen sehen wir in zahlreichen Szenen Nazis beim Streiten zu, ob Herold denn die nötigen Genehmigungen hat. Es geht um Dienststellen, Justizämter und Beschwerden über „die nichtordnungsgemäße Beseitigung von 90 Gefangenen“.

Eine Verwechslungskomödie… mit Nazis?!

Wäre die Bürokratie des Verbrechens hier zentrales Thema, wäre dieser zwischenzeitliche Fokus auf Genehmigungen ja notwendig. Aber das bürokratische Ringen führt letzten Endes zu gar nichts und wird vom Film auch unkommentiert hinter sich gelassen.

Überhaupt bleibt oft unpräzise, in welchem Ton die Kriegsverbrechergeschichte erzählt werden soll. Zwischen Grauen und Massenerschießungen wagt sich Der Hauptmann immer mal wieder an komödiantische Momente, etwa wenn Herold eine pathetische Rede ohne Hose hält.

Richtig bizarr gerät der Abspann, in dessen Hintergrund das Kommando durch eine moderne Stadt zieht und Passanten Sweatshirts und Smartphones stiehlt. Wenn man zehn Minuten davor noch dieselben Männer beim Erschießen von Zivilisten in ähnlichen Straßen gesehen hat, weiß man wirklich nicht mehr, wie man das einordnen soll.

Man fühlt sich – wie so oft während des Films – unwohl.

War genau das Robert Schwentkes Absicht, als er diesen Film geschrieben und gedreht hat? Oder hat er ein paar abwegige Entscheidungen getroffen, die schiefgegangen sind? Schwer zu sagen. Der Hauptmann ist ein tonal sehr eigenartiger Film, aus dem unterschiedliche Zuschauer sehr unterschiedliche Dinge mitnehmen werden und über den sich beim Bier danach vortrefflich diskutieren lässt.

 


 

Der Hauptmann
mit Max Hubacher, Frederick Lau, Alexander Fehling, Milan Peschel, Bernd Hölscher
Regie und Buch: Robert Schwentke
Kinostart: 15.03.2018


Foto-Credit: © Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih

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