Achim Bergmann (16.05.1943 – 01.03.2018)Achim Bergmann (16.05.1943 – 01.03.2018)
Aktuell, Gute Sache, Leben

Bayerischer Anarchist im weiß-blauen Dickschädelhimmel: Achim Bergmann

„Wir wissen, wo du bist, lieber Achim: im weiß-blauen Dickschädelhimmel! Dein Werk, der Trikont-Verlag, wird auf ewig bleiben“, schreibt Richard Herten, Drummer der ehemaligen Kölner Politrock-Anarcho-Band Schroeder Roadshow, auf Facebook.

Achim Bergmann, der Gründer des legendären Münchner Independent-Labels Trikont, ist gestorben und sein Tod hinterlässt eine große Leerstelle – nicht nur in der bayerischen Kulturlandschaft, wie die vielen Nachrufe quer durch alle Medien bezeugen. Auch die unzähligen persönlichen Nachrichten, Beileids- und Liebesbekundungen aus alle Ecken der Welt zeugen im Internet davon, dass mit dem „bayerischen Anarchisten“ ein großer Musikförderer und Mensch die Bühne verlassen hat.

„Danke für den Gegenwind! Diese Stadt hat ihn gebraucht“

„Immer, wirklich immer auf der Leipziger Buchmesse war der erste Gang zu Trikont. Nie, wirklich nie bin ich mit leeren Händen dort wieder weg. Sei es die neue Funny van Dannen, obskure Sampler mit italienischen Mafialiedern oder Rembetiko oder gleich mal die Komplettausgabe von Karl Valentin, immer ist und war Trikont großartig. Ihr werdet es auch nach diesem Verlust sein. Mein aufrichtiges Beileid. Ich hoffe, bei Euch läuft Dead & Gone 1 und 2 jetzt in Dauerschleife. Bei mir auf jeden Fall….“, kommentiert einer auf Facebook.

Eine Münchnerin schreibt: „Danke für den Gegenwind! Diese Stadt hat ihn gebraucht und braucht ihn immer noch mehr den je. Du wirst fehlen!“

Punk auf eine ganz eigene Art

Und wer sich die Liste der Künstler anschaut, die ihre Alben auf Trikont veröffentlicht haben, weiß wie recht sie damit hat: Hans Söllner, Georg Ringsgwandl, Coconami, LaBrassBanda, Koflgschroa, Attwenger, um nur die bekanntesten Namen zu nennen.

Was mit Söllner und Ringsgwandl seinen Anfang nahm, war über die Jahre sukzessive weitergewachsen und hat Trikont zu einem einzigartigen Schatz alternativer Mundartmusik gemacht, der jenseits der üblichen Klischees nicht nur das Erbe des musikalischen Rebellentums und Andersseins hochhält (Die Stimmen Bayerns, Karl Valentin-Gesamtausgabe, Rare Schellacks), sondern dessen Geschichte selbst immer maßgeblicher mit weiterschreibt, ganz ohne Alpenkitsch. Auch wenn diese volksmusikalische Kulturpflege auf die ersten Klänge mitunter altbacken oder gar konservativ wirken mag, ist sie doch ihrer Verschrobenheit und Eigenwilligkeit gerade das Gegenteil: Punk. Nur eben auf eine ganz eigene Art.

Insofern sind auch die Anfänge von Trikont als linker Buchverlag, der Ende der 1960er Jahre Schriften wie die Mao-Bibel und das bolivianische Tagebuch von Che Guevara auf den deutsche Markt brachte und publizistischer Arm der linken Studentenbewegung war, keine echte Überraschung. Vielmehr zieht sich dieser eigenwillige Standpunkt zur Gesellschaft als dicker roter Faden durch die Geschichte des Verlags – nur hat er sich nicht im letzten Jahrhundert irgendwo verheddert, sondern hat sich seinen Weg selbst gesucht.

Ton Steine Scherben in München? Nicht ohne Hausbesetzung

In den Siebzigern machte der Verlag neben dem Publizistischen die ersten Gehversuche in der Musik und übernahm beispielsweise den Vertrieb für die legendäre Ton-Steine-Scherben-LP „Keine Macht für Niemand“. Um die Band nach München zu holen, organisierte Bergmann sogar eine Hausbesetzung vor Ort: „Als wir sie zum ersten Mal nach München zu einem Auftritt holen wollten, verlangten die Scherben, dass vom Konzert aus ein Haus besetzt werden müsste. Was tun? Jugendliche besetzten daraufhin ein städtisches Freizeitzentrum“, erinnerte er sich in „Die Trikont-Story“, der gesammelten Verlagsgeschichte(n) zum 50-jährigen Jubiläum.

In den Achtzigern wurde aus dem Verlag schließlich die Firma, wie wir sie heute kennen und die sich mit Achim Bergmann als Geschäftsführer fortan nur noch dem Musikalischen widmete: „Trikont – Unsere Stimme“. Neben Ringsgwandl und Söllner kamen in den Neunzigern dann auch Funny van Dannen und Rocko Schamoni zum Verlag.

Musikarchäologische Schätze: Songs of Gastarbeiter, Russendisko oder American Yodeling

Aber neben dem Heimathafen für musikalische Outsider und Rebellen waren es vor allem die genialen wie absonderlichen Compilations, die Trikont international bekannt und geliebt machte: Sammlungen von Trauermärschen und Totenliedern (Dead & Gone), Gastarbeiter-Songs (Songs of Gastarbeiter, Finnischen Tangos, afroamerikanischen Gefängnissongs (In Prison), Amerikanischen Jodlern (American Yodeling 1911-1946) oder sechs ganze Sampler gefüllt von nur einem einzigen Lied, dem Evergreen schlechthin: La Paloma (La Paloma I – VI).

Neben der musikalischen Ebene sind diese gut recherchierten Sammlungen oft echte musikarchäologische Schätze, die manche schon fast verblichene Perlen neu aufpolieren, dokumentieren und bewahren, bevor sie – wie die Gastarbeiterlieder -von der Zeit ganz fortgespült werden. Mitunter haben die Compilations auch kleine Szenen selbst ausfindig und zugänglich gemacht, die sonst womöglich spurlos an einem vorbeigerauscht wären, wie Russendisko, Shtetl Superstars oder Beyond Istanbul.

Gerade noch im November 2017 hatte Achim Bergmann zusammen mit dem Trikont-Team und seiner kongenialen Partnerin Eva Mair-Holmes, die seit dem Ende der 80er das zweite große Herzstücks des Verlags bildet, noch das 50-jährige Bestehen des Verlags gefeiert. Zum Glück wurde seitens Trikont schon Entwarnung gegeben, dass mit Bergmann zwar eine Ära zu Ende, aber der Kampf weitergeht:

„La Lotta Continua – wir machen weiter. Für Dich Achim und den Rest der Welt.“


Beitragsbild: © Trikont

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