Aktuell, Rathausschau, Stadt

Aktuelles aus der Schlafstadt: Die CSU hat keinen Bock mehr auf Matthias Lilienthal

Jan Krattiger

Jan Krattiger

Irgendwas mit Medien, Videokameras und Gitarren. Gitarren sind immer gut.
Jan Krattiger

Das sorgt gerade über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus für Schlagzeilen: Matthias Lilienthal, seit 2015 Intendant der Kammerspiele, wird das Theater zum Ende seiner Vertragslaufzeit im Sommer 2020 verlassen. Der Grund ist bei der CSU-Stadtratsfraktion zu finden – weil diese voreilig beschlossen hat, eine Verlängerung seines Vertrags nicht zu unterstützen. Somit vermisst der Intendant die nötige Rückendeckung und will die Kammerspiele verlassen.

Wo ist das Problem wirklich?

Die CSU kritisiert vordergründig die zu geringe Auslastung des Theaters von 63 Prozent und beklagt eine „Abo-Misere“. Diese Kritik ist zwar rein zahlenbasiert berechtigt, ignoriert aber einige Umstände. Zum Beispiel, dass die meisten Theater nach einem Intendanz- und Kurswechsel erstmal einige Jahre brauchen, um ihr (neues) Publikum zu finden. Und: An den Kammerspielen hat sich das Publikum tatsächlich verjüngt (was ja an sich schon eine Leistung ist). Dennoch ist es so: es kamen weniger Zuschauer.

Was aber neben der Zahlendebatte – die ohnehin immer schwierig ist im kulturellen Umfeld – wirklich aufhorchen lässt, sind die Kommentare von Richard Quaas, dem kulturpolitischen Sprecher der CSU: „Die Zeit der finanziellen und künstlerischen Experimente ist vorbei„, zitiert ihn der Münchner Merkur zum Entscheid seiner Fraktion.

Noch deutlicher wird er in einem Kommentar auf der Facebook-Seite der Kammerspiele, den man sich in voller Länge geben sollte:

Sehr treffend weist der Regisseur Ersan Mondtag (auch schon an den Kammerspielen tätig) darauf hin, wie diese Aussagen einzuordnen sind, nämlich als politischen Angriff:

Nur CSU-gerechte Kunst?

Viel mehr als um finanzielle Fragen geht es hier also um die künstlerische Ausrichtung, die den konservativen Kulturpolitikern nicht in den Kram passt. Es geht um den frischen Wind, den Lilienthal nach München gebracht hat, der ein eher jüngeres Publikum anzieht und das althergebrachte Sprechtheater erstmal nicht priorisiert (…was für eine Wohltat!).

Dieses politische Gezerre ist aus mehreren Gründen fragwürdig:

  • Soll es wirklich Sinn und Zweck eines städtischen Parlaments sein, so direkt über die Qualität künstlerischen Schaffens zu urteilen?
  • Soll die Intendanz eines Stadttheaters wirklich parteipolitischen (und so auch von Wahlkampfgetöse geprägten) Dynamiken unterworfen sein?

Oder wäre es nicht eher Aufgabe der Politik, freie künstlerische Arbeit zu ermöglichen, ohne inhaltlich mitreden zu wollen? Dass München kulturell so viel mehr zu bieten hat, als der Horizont von Richard Quaas und seinen Mitstreitern hergibt, muss ich hier nicht weiter erläutern – das zeigen wir (und sehr, sehr viele andere engagierte Menschen) hier täglich.

(Kleiner Tipp an Richard Quaas an der Stelle: Vielleicht mal auf der eigenen Webseite nachlesen, was man sich als Politiker so vorgenommen hat, nämlich z.B. „Die Vielfalt der Münchner Kulturlandschaft zu erhalten, auszubauen und zu fördern“.)

Schützenhilfe vom Feuilleton

Selbstverständlich kann und soll über die Stadttheater und deren Inhalte diskutiert werden – und diese Diskussion wird auch rege geführt. Gerade vonseiten DES Leitmediums der Stadt, der Süddeutschen Zeitung, wurde seit Beginn von Lilienthals Intendanz schwer geschossen und wurden gerne auch mal Tiefschläge ausgeteilt (die Kritik zu Anta Helena Reckes Appropriation von „Mittelreich“ sei hier als extremes Negativbeispiel genannt). Es scheint halt doch ein Problem zu sein, wenn da einer aus Berlin (pfui, böse) kommt und versucht, alles etwas anders zu machen als bisher.

Noch zwei Jahre

Was wir von der Redaktion in den vergangenen zwei Jahren an den Kammerspielen erlebt haben, war neben tollen Theaterstücken auch Konzertabende, lange Partynächte und Karaoke im TamTam Tanzlokal, Diskussionsabende, Lesungen, das Welcome Café, Festivals und noch vieles mehr. Kurzum: Die Kammerspiele wurden zu einem Ort, an den man hingehen konnte und es war mehr oder weniger egal, was gerade angesagt ist. (Und ja: es waren auch schlechte Produktionen dabei, aber wo gibt’s die nicht?)

Ist doch schade, wenn das jetzt so bald schon abgewürgt wird.

 

+++Update (22.3., 16:35)+++

Das Ensemble der Kammerspiele meldet sich mit einem offenen Brief zum kommenden Abgang von Matthias Lilienthal:


Beitragsbild © Tien Nguyen The

No Comments

Post A Comment

Das neue MUCBOOK Magazin #9

Design in München

Bestellen unter:
https://shop.mucbook.de

E-MAIL SCHREIBEN, BRIEFKASTEN ÖFFNEN UND DANN IN MÜNCHENS VERGANGENHEIT, GEGENWART UND ZUKUNFT SCHAUEN!
Preis: 4 Euro
zzgl. €1 Versandkosten

MUCBOOK – Das Münchner Stadtmagazin

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons