Aktuell, Münchner Gesichter

Münchner Gesichter – #NoPAG-Edition: Jessica Dettinger

Jan Krattiger

Jan Krattiger

Irgendwas mit Medien, Videokameras und Gitarren. Gitarren sind immer gut.
Jan Krattiger

In dieser Sonderserie unserer Reihe „Münchner Gesichter“ zeigen wir dir ab jetzt regelmäßig MünchnerInnen, die sich gegen das neue Polizeiaufgabengesetz (PAG) der bayerischen Staatsregierung zur Wehr setzen. Sie waren ziemlich sicher bei der Großdemo am 10. Mai mit dabei und engagieren sich auch sonst politisch für eine freie und offene Gesellschaft. Wir unterstützen diesen Protest und wollen unseren Teil dazu beitragen, dass er lebendig und sichtbar bleibt.

Heute mit:

Jessica Dettinger (Form of interest.)

Jessica, warum engagierst du dich für politische/gesellschaftliche Themen (wie das #NoPAG) und warum ist das wichtig? 

Weil ich nicht mehr schweigend zusehen möchte, wie irgendwelche Politiker, die eigentlich im Vertrauen gewählt wurden, ihre Macht missbrauchen. Es macht mich wütend, dass es heute nur noch um Macht und oft um das eigene Ego geht, anstatt sich dem anzunehmen, was wirklich wichtig ist in einer Gesellschaft. An zu vielen Orten sieht man mittlerweile, dass Populismus und „hohle“ – konservative Phrasen laut werden ohne jeglichen Bezug zu wirklich wichtigen sozialen Themen. Ein Gleichgewicht muss wieder her – bei dem es um moralische, ethische und menschliche Werte geht.

Persönlich gehöre ich keiner Partei an und bin auch eher kritisch – aber man sollte hier einen Unterschied machen zwischen Politik, die nur dem Machterhalt dient und gesellschaftlichen Werten, die uns einfach alle angehen. Ich kann und möchte nicht in einer Welt leben, in der Menschen diskriminiert werden – und der Kapitalismus durch ein politisches System Menschen gegeneinander aufhetzt. Am Ende hat niemand etwas davon, da es nur zusammen geht. Wer nur an sich denkt, kann auf Dauer nicht zufrieden sein. Als Mensch die Größe und Empathie haben, sich nicht nur um sich selbst zu drehen – gerade in Zeiten wie diesen, wo der Individualisierunsgwahn boomt und der Leistungsdruck, ein gelungenes Leben zu haben – sondern Teil einer Sache sein. Für Menschen, gegen Macht und EGO!!!

Warum sollte mich das interessieren? 

Persönlich bin ich davon überzeugt, dass jeder eine Meinung haben sollte und auch hat. Wir gestalten alle zusammen eine Gesellschaft, in der wir leben – jeder einzelne. Natürlich kann ich verstehen, dass es viele gibt, die sich machtlos und ausgeschlossen fühlen – aber dennoch sollte man Entscheidungen nicht den wenigen überlassen, die schon die Macht haben. Eine Zukunft und eine Gegenwart ist Teil der Verantwortung eines jeden Einzelnen. Dass im Moment vieles über Bord geschmissen, wird wofür unsere Mütter, Väter und Großeltern hart gekämpft haben, darf nicht sein. Nicht alles ist selbstverständlich (siehe Europa), der bequeme Wege alles zu revidieren sollte nicht der Anspruch des Einzelnen sein. Es hat jeden zu interessieren, solange er Teil einer Gesellschaft ist. Du bist gefragt 🙂

Wir diskutieren momentan über verschärfte Polizeigesetze, krasse Überwachung und Kruzifixe in öffentlichen Gebäuden, also eine Politik von vorgestern. Was können wir da tun, um das zu ändern?   

Laut werden, die Meinung äußern, aktiv werden, sich mit Freunden zusammentun. Sich manchmal von außen betrachten und in Frage stellen, ob man sich nur um sich selbst dreht oder auch für eine Sache einstehen kann, außerhalb seiner eigenen kleinen Welt. Plant Aktionen, diskutiert, habt eine Meinung. Der Druck von Links – auch wenn ich das nicht gerne als Wort verwende – muss lauter werden. Für mich hat das nichts mit rechts oder links zu tun – auch wenn die rechten Meinung gerade die Welt beherrschen.

Das Herz und auch die Vernunft sagen einem, dass man andere Menschen nur so behandeln sollte, wie man selbst gesehen und behandelt werden will – es geht am Ende um den Humanismus. „Zusammen ist man weniger alleine“ sagt ein großartiger französischer Film. Und genau darum geht es: laut werden für ein Zusammenhalten – ein Gefühl von einem wir. Unangepasst sein – keine Angst haben und auf das Herz hören … seid Herzenskämpfer für Empathie.

Was bedeutet dir Demokratie?  Eine Haltung haben / Protest zu zeigen?

Zerlegt man das Wort  DEMO – kratie, bedeutet es für mich gerade Demonstration. In einer Demokratie geht es eigentlich um Vertrauen, um Loyalität und ein „Wir“ für etwas Besseres, für eine Gemeinschaft. All das sehe ich gerade nicht. Das Vertrauen des einzelnen wird missbraucht zugunsten von Populismus, von Lobbyismus und was weiß ich. Eine Haltung zu haben, bedeutet für mich auch im Alltäglichen meine eigene Integrität zu bewahren, Sachverhalte in meinem Handeln infrage zu stellen und für eine bessere Welt einzustehen. Man kann auch im Kleinen aktiv sein. Der Kapitalismus zwingt viele, nur noch an sich zu denken. Aber hier würde ich gerne ansetzen und dafür appellieren, dass Empathie – ein Miteinander das ist, was die Menschen weiter bringt und nicht ein Gegeneinander. Eine Gemeinschaft braucht sicher Regeln – aber eine Demokratie braucht keine einzelnen Personen, die alles bestimmen. Demokratie fängt bei Vertrauen an und beim Engagement dafür.

Wo trifft man dich in München, wenn du dich nicht gerade politisch engagierst? 

Mich trifft man meistens in meinem Atelier (und Wohnung), wo ich für mein Modelabel Form of interest. arbeite. Bisweilen und gerne häufig auch in der Cucurucu Bar, da sie wie meine Wohnung im schönen Multikulti-Viertel in München liegt. Sehr oft auch an der Isar, aber eher an ruhigeren Orten oder Samstag in der Ifog, einer private Akademie für Kommunikationsdesign. Unterrichten ist eine große Leidenschaft für mich, denn genau hier fängt Politik an – im eigenständigen Denken und Handeln. Das wäre doch mal ein wichtiges Thema – eine Bildungsreform – liebe CSU, anstatt Altherrenquatsch. Um all mein Wirbeln beruflich und privat fokudsiert zu halten, gehe ich seit 1,5 Jahren regelmäßig Boxen im Gym Mariposa.


Fotos: © Jessica Dettinger

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Das Heft über die Münchner Stadtviertel

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