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Die Heroin Kids kommen und wollen provozieren

Die Heroin Kids kommen diese Woche ins Bob Beaman und bringen „Kunst, Hedonismus, Techno und Exzess“. Da werden wir doch hellhörig.

Heroin-Chic und so

Das Berliner Kunst- und Modelabel der Kirchseeoner Fotokünstler Corinna Elena Engel und Chris Kaiserengel spiegelt nach eigener Aussage „die Generation zwischen Gruppensex, Gewalt, Party und Absturz“ wider und versteht sich als „Ausschnitt eines wilden und freien Lebens, das an der Grenze zur Selbstzerstörung gelebt wird und keine Regeln oder festen Werte kennt.“

Und damit das auch jeder ohne Probleme erkennen kann, steht auf den Klamotten des Labels in großen Blockbuchstaben „Heroin Kids“ geschrieben. „Heroin Kids“ auf schwarzen Shirts, „Heroin Kids“ auf schwarzen Kapuzenpullis, auf Jacken, auf Mützen, auf Caps, auf Turnbeuteln und sogar String-Tangas gibt es mit „Heroin Kids“-Aufdruck. So ist man also bestens gerüstet, um in jeder erdenklichen Lebens- und Wetterlage auf den eigenen Drogenkonsum hinzuweisen. Der – so nehme ich als Teil der heutigen Feiergeneration es mal an – in den seltensten Fällen Heroin beinhalten dürfte.

Auf unsere Frage, ob die beiden Label-Gründer denn auch selbst Heroin nehmen oder warum sie denken, gerade Heroin würde die Feiergewohnheiten der heutigen Jugend, die sie ja so gut zu kennen scheinen, am passendsten beschreiben (KetaKids oder G-Kids klingt doch auch viel geschmeidiger), gab es übrigens nur eine ausweichende Antwort. Es geht ja gar nicht um Heroin. Kate Moss-Chic und so. Yves Saint Laurent.

Naja.

Schaut mich an, ich nehme Drogen!

Drogen sind cool. Gerade wenn man erst angefangen hat, Drogen zu nehmen, würde man es am liebsten jeden auf die Nase binden: Schaut mich an, ich nehme Drogen! Stolz trägt man den Grinsekatze-Turnbeutel spazieren, lässt sich sogar das Logo tätowieren. In Berlin setzt man sich den obligatorischen Berghain-Emoji in die Instagram-Beschreibung, postet Selfies mit geweiteten Pupillen. Hashtag Berghain Wasted Youth. Wir sind ja alle so abgefuckt.

Je älter man wird und je mehr man feststellt, dass man nichts besonderes ist, nur weil man Drogen nimmt, umso weniger hat man es nötig, mit seinem Konsum zu prahlen. Geschweige denn, mit einem „Heroin Kids“-Printshirt herumzulaufen, das designtechnisch eher nach NewYorker-Sale als nach Berliner Clubszene aussieht.

Provokation um jeden Preis

Ich schließe mich also den von Kaiserengel in ihrer Pressemitteilung stolz zitierten Kritikern an und sage: Ich fühle mich provoziert. Jedoch nicht von dem bisschen nackter Haut und dem offenen Drogenkonsum, sondern von dem „trying too hard“-Faktor, der mich auch bei anderen Münchner Veranstaltungen regelmäßig auf die Palme bringt.

Kritiker bezeichnen das Label als drogenverherrlichend, menschenverachtend und „sozial-ethisch desorientierend“, als pornografisch, sexistisch und obszön und sogar als Sex-Sekte, die junge Menschen zu Drogen und mehr verführt. Jetzt kommt es also ins BobBeaman und verspricht eine hedonistische Techno Party mit provokanter Kunstausstellung. Die Frage ist nur, wer hier provoziert werden soll: Der bayrische CSU-Opi, für den der Joint schon den kompletten Drogenabsturz darstellt? Oder wir, die „Generation zwischen Gruppensex, Gewalt, Party und Absturz“, die das ja gewöhnt sein dürfte?

Über Modegeschmack lässt sich bekanntlich streiten, deswegen möchten wir die Klamotten und die Kunst des Labels getrennt von einander betrachten. Denn dass dünne Mädchen auf schmutzigen Matratzen, der Afterhour-Couchtisch und weiße Lines auf schwarzen Handydisplays durchaus etwas ästhetisches haben können, ja sogar meiner Auffassung von Ästhetik entsprechen, möchte ich überhaupt nicht leugnen.

Ich verfolge viele Künstler, die den „ästhetischen Abfuck“ – Drogen, Sex, Exzess – zum Gegenstand ihrer Werke gemacht haben. Nur irgendwie haben die alle keine Probleme mit Zensurversuchen von Seiten des Staates. Da wird höchstens mal ein Bild von Instagram gelöscht oder der Account gesperrt. Aber sich in einer Pressemitteilung nur durch Gerichtsverfahren und die Aussagen der Kritiker zu definieren, hat irgendwie niemand nötig.

Werdet erwachsen, liebe Heroin Kids

Liebe Heroin Kids, ich möchte eure Kunst (im Gegensatz zu euren Klamotten) überhaupt nicht schlecht reden. Aber eine Spur weniger „Schaut uns an, wir sind ja sooo krass“ in eurem Marketing würde den Fremdschäm-Faktor garantiert reduzieren. Und vielleicht auch dem CSU-Opi dabei helfen, euch als Künstler statt als Kinder zu sehen, die einfach nur verzweifelt provozieren wollen.

(Da wir keine Probleme mit Facebook bekommen möchten – aber auch nichts zensieren -, haben wir uns dazu entschieden, hier keine Fotografien des Künstler-Duos zu posten. Aber natürlich möchten wir niemanden die Chance nehmen, sich selbst ein Bild zu machen. Deshalb hier trotzdem der Veranstaltungshinweis: Die Heroin Kids Exhibition und Techno Party findet am Freitag, den 29. Juni im BobBeaman statt. Ob ihr dort den versprochenen Exzess findet, seht ihr dann selbst. Findet man ja meistens gerade auf den Partys, bei denen groß darauf hingewiesen wird…) 


Beitragsbild: © Kaiserengel HeroinKids

Giulia Gangl

Giulia Gangl

"Überladung mit überflüssigen Fremdwörtern,
ausgiebige Verwendung von Modewörtern.
Die grauenhafte Unsitte, sich mit Klammern (als könnte mans vor Einfällen gar nicht aushalten) und Gedankenstrichen dauernd selber - bevor es ein anderer tut - zu unterbrechen, und so (beiläufig) andere Leute zu kopieren und dem Leser - mag er sich doch daran gewöhnen! - die größte Qual zu breiten.
Aufplustern der einfachsten Gedanken zu einer wunderkindhaften und verquollenen Form."
(Kurt Tucholsky)

Ups.
Giulia Gangl
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