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Drüben auf dem Hügel möchte ich sein: Das war das Monticule Festival 2018

Mit der Wahrheit ist es im Journalismus so eine Sache. Bevor jetzt alle mit dem Finger zeigen und ich mich zu Julian Reichelt in die Lügenpresse-Ecke stellen muss, möchte ich behaupten, dass es legitime Gründe gibt, ab und an die Wahrheit zu verschweigen. 

Beispielsweise, wenn man bei einem Interview Dinge erzählt bekommt, die so privat sind, dass man sie unmöglich aufschreiben kann. Auch lieb gewonnene Orte persönlicher Glückseligkeit müssen nicht unbedingt im Namen der Veritas geopfert werden.

Wo es in München den besten Döner gibt, werde ich hier niemals verraten.

Die Wahrheit über das Monticule-Festival zu schreiben, das vorletzte Woche zum vierten Mal stattgefunden hat, fällt mir ebenfalls nicht leicht. Aber ich vergesse mich. Zurück auf Anfang.

Das Monticule-Festival: Einmal im Jahr verwandelt sich ein ehemaliges Gut auf der Spitze eines Hügels im Südwesten Frankreichs für fünf Tage in eine Party-Oase. Es gibt Zeltplatz, Saftbar und Pommesstand, drei Stages, auf denen rund um die Uhr Musik läuft und gut gelauntes Feiervolk, das mit lauwarmem Rosé in der Hand zum Eingang des Geländes pilgert.

Warum bitte?

So weit, so normal. Aber vielleicht müssen wir noch weiter zurück, zu der ganz grundsätzlichen Frage, warum man überhaupt auf ein Festival fahren sollte. Zwar suggerieren die von Armbändchen geschmückten Handgelenke unserer Mitmenschen, dass es die gesellschaftliche Norm ist, im Sommer das eine oder andere Festival mitzunehmen. 

Es ist aber alles andere als selbsterklärend, dass die Menschen freiwillig und für mehrere Tage den Komfort der heimischen Toilettenschüssel gegen das olfaktorische Abenteuer tauschen, das so eine Festival-Toilette nun mal ist. Isomatte statt Bett, Zahnpasta im Schlafsack, das Zelt eine Sauna und die Dusche eine Kneipp-Kur. Kein Wunder, dass für manche(n) FestivalbesucherIn der magischste Moment derjenige ist, an dem man seine Sachen packt und den Zeltplatz hinter sich lässt.

Das so beliebte Festival bedarf offensichtlich einer Rechtfertigung. Meine These lautet folgendermaßen: Die Menschen gehen allen Unannehmlichkeiten zum Trotz deshalb auf Festivals, weil sie dort — wenigstens für ein paar Tage — eine kleinere und vermeintlich bessere Welt vorfinden.

Aus groß mach klein

(Über)fordernde Fragen des Alltags (Job, Studium, Söder etc.) werden vorübergehend beiseite gelegt. Die Anforderungen an unsere Entscheidungskompetenz werden auf ein erträgliches Maß an Komplexität reduziert. Welche Acts möchte ich sehen? Cornflakes oder Nutellabrot? Bier – vor, während oder nach dem Duschen?

Aber nicht jedes Festival schafft es, die Welt auf diese Art von Mikrokosmos zu kondensieren. Womit wir wieder beim eigentlichen Thema wären: Dem Monticule-Festival. Große oder kleine Welt? Abschalten und da sein oder Newsticker lesen und Insta-Stories machen?

Eine ordentlich geschrumpfte Welt lässt sich jedenfalls an Dreierlei erkennen:

1. Eine gelebte Utopie

Wer ein Festival organisiert, hat für eine begrenzte Zeit die Möglichkeit, seine Version einer besseren Gesellschaft umzusetzen. Ein Haufen Menschen kommt zusammen und unterwirft sich den Regeln des Veranstalters, der für ein paar Tage wohlwollender Diktator spielen darf. Ist die Vision dieses Menschen vom Glauben an das Gute und Schöne geprägt, fällt es uns leichter, uns darauf einzulassen und die ganze restliche Welt und ihre Probleme vorübergehend zu vergessen.

Beispielsweise kann man sagen, dass man Plastikmüll scheiße findet und deshalb die Getränke in Bechern mit Pfand ausschenkt.

Man darf Dixie-Klos und die blau-giftige Chemie darin aus seinem Reich verbannen und stattdessen umweltfreundliche Trockentoiletten aufstellen. 

Man darf liebenswerte Anleitungen mit „How to shit“ aufhängen, die sogar Tipps für Smalltalk liefern („Tell the person next in line that you feel so much better now…“).

Man darf befinden, dass die Einheitspampe der Großkonzerne seiner Untertanen unwürdig ist und stattdessen auf regionale und weitestgehend vegetarische Produkte setzen. 

Man darf einen Belgier namens Sebastian einladen, der Belgische Pommes mit selbstgemachten Karottenketchup und anderen köstlichen Saucen serviert. 

Man darf die Hügelbewohner André und Jean-Etienne damit beauftragen, am Aussichtspunkt eine Champagner-Bar aufzubauen und den Leuten endlich zu erklären, wie man so eine Flasche richtig öffnet (fyi: „you twist ze ass of ze bottle — not ze cork“).

Alles so geschehen auf dem Monticule-Festival. Fünf Tage gelebte Utopie unter Eichenbäumen. Fünf Tage eine klitzekleine Welt, in die man mit gutem Gewissen eintauchen konnte. Und am Ende die Frage, warum das „echte“ Leben nicht ein bisschen mehr wie das auf dem Hügel ist.

2. Musik als Religion

Utopien, Visionen, ein Traum vom besseren Leben — alles schön und gut, doch das alles verbindende Element ist ein anderes: die Musik. Sie lockt die Menschen auf die Festivals, strukturiert dort den Tagesablauf und sorgt für verzückte Gesichter. Aber auch hier kann einiges schief gehen. Ein lieblos zusammengewürfeltes Line-up mit möglichst vielen großen Namen. DJs, die in Belgien „Good evening Paris!“ in ihren Drop reinbrüllen. Musik von Steve Aoki — musikalische Katastrophen lauern überall. Stimmt die Musik nicht, ist auch nix mit kleiner Welt. 

Ein gutes Line-up zeichnet sich dadurch aus, dass sich jemand intensiv Gedanken über Gäste, Location und Stimmung gemacht hat. Ist das der Fall, fühlen sich auch die Künstler verstanden und spulen nicht einfach ihre Standardshow ab. Dass das Monticule-Festival in dieser Hinsicht sehr viel richtig gemacht hat, merkt man spätestens dann, wenn man um 8 Uhr morgens müde und zufrieden aus „la grange“ — der (Techno-)Scheune — in den Sonnenschein stolpert. Schon wieder.

Dass man nicht so richtig Lust auf Pause, geschweige denn Schlafen hat, liegt unter anderem daran, dass die einzelnen Stages programmlich sehr gut aufeinander abgestimmt sind.

Die Pool-Stage – Oase in der Wüste popkultureller Verarmung

Man startet den Tag an der Pool-Stage zu entspannter Tanzmusik. House, Tech House, Funk — gespielt wird, was zu 30 Grad Sonnenschein, Lavendel-Weißwein-Schorle und Planschen im Pool passt. Herausragend waren die Sets von Immanuel Zanzibar, das Malka Tuti Showcase, Nicola Cruz, Fez, mit anderen Worten: Jedes Mal, wenn ich an der Pool-Stage war, war die Musik ein echter Genuss.

Woran man außerdem merkt, dass man auf einer guten Party ist? Der Gastgeber bricht irgendwann die eigenen Regeln. Beim Monticule-Festival wäre die geplante Dinner Break zu nennen, also die Regel, dass von 18 bis 20 Uhr Ruhe ist, damit alle stressfrei zusammen Abendessen können. Beim Set von Public Possession wäre deshalb eigentlich um sechs Schluss gewesen. Es wurde weitergespielt und zwar nicht für die Länge von ein bis zwei zusätzlichen Tracks, sondern für die vollen zwei Stunden. Zu breit war das Grinsen auf den Gesichtern der Tanzenden. 

Nach der (mit o.g. Ausnahme immer eingehaltenen) Dinner Break geht es auf der Principal Stage weiter, die dieses Jahr u.a. von Lena Willikens, Modeselektor und John Talabot bespielt wurde. Auch hier hat man gemerkt, dass die Künstler Freude daran hatten, ein Set auf dem vergleichsweise kleinen Monticule-Festival zu spielen. Modeselektor, auch sonst nicht unbedingt bekannt für Zurückhaltung, hat noch ein paar Scheite mehr in den Ofen geschmissen und ein Set abgeliefert, das mit „donnernd“ wohl am besten beschrieben ist. Auf einer Techno-Party ist mir jedenfalls noch nie „Thunderstruck“ von AC/DC untergekommen und ich hätte kaum erwartet, dass es sich so perfekt in das Gesamtwerk einfügen würde. 

Und dann ist es auch schon drei Uhr in der Früh. Jetzt zurück zum Zeltplatz? Lieber nochmal kurz in die Grange schauen, man muss ja nicht ewig bleiben. Es sei denn, die ultra sympathischen FJAAK spielen und hauen ein Brett (Kylie Minogue? Kylie Minogue!) nach dem anderen raus. Dann muss man bleiben, bis zum Schluss. 

Wie gut die Musik war, ließ sich auch an der Post-Festival-Diskussion auf Facebook feststellen. Noch immer landet der eine oder andere verwackelte Video-Schnipsel im Netz. Die Hoffnung der UrheberInnen: Das Lied finden, das in dem Video zu hören ist, um an trüben Tagen in der Erinnerung an diesen sonnigen Nachmittag im Südwesten Frankreichs schwelgen zu können. 

Musik als alles verbindendes Element, als Kraft, die die Menschen zusammenbringt? Volle Punktzahl, liebes Monticule-Festival.

3. Liebe

„Liebe“ lässt sich gut vermarkten, weshalb der Begriff mittlerweile allgegenwärtig ist. Ich warte auf die erste Zapfsäule, auf der „Mit Liebe raffiniert!“ draufsteht. Folglich ist nicht überall, wo Liebe draufsteht, auch wirklich Liebe drin. Die Stiftung Warentest würde wohl schreiben, dass von 14 getesteten Festivals ganze acht lediglich Spuren von echter Liebe enthielten und zwei weitere (Tomorrowland, Southside) völlig frei von Liebe waren. 

Beim Monticule-Festival bekommt man immer wieder fette Portionen echter Liebe serviert. Zum Beispiel von Lilo, die Mutter von Richard und die Betreiberin der Domaine de Gayfié, die morgens mit Milchkaffee und frischen Croissants für einen guten Start in den Tag sorgt. Oder von einem der 300 Crewmitglieder, der buntes Wassereis am Pool verteilt. 

Testsieger Monticule-Festival

Ja, die Liebe war so allgegenwärtig, dass es bereits am zweiten Tag zum spontanen Nackttanzen kam. Man ist hilfsbereit und aufgeschlossen und auch die gelegentlichen Sprachbarrieren tun dem keinen Abbruch. Im Sinne noch besserer Völkerverständigung habe ich mir jedenfalls vorgenommen, mein Schulfranzösisch wieder so weit aufzubessern, dass ich auf die Frage „Vous savez où je pourrais trouver des champignons?“ nicht mehr auf Englisch mit „I’m sorry, I think all of the food stalls are already closed“ antworte.

Eine starke Vision, klasse Musik und viel Liebe — beim Monticule-Festival war alles gegeben, um für fünf Tage einen Mikrokosmos zu schaffen, in dem sich die Menschen voll und ganz vergessen konnten. Widmen wir uns abschließend also noch der eingangs erwähnten Frage nach der Wahrheit. 

Wie du dir mittlerweile denken kannst, fällt es mir deshalb nicht leicht, sie aufzuschreiben, weil das Festival seit diesem Jahr klar in die Kategorie „lieb gewonnener Ort persönlicher Glückseligkeit“ fällt. Auf das Risiko hin, für nächstes Jahr kein Ticket zu erwischen, verkünde ich sie hiermit trotzdem:

Wer nicht jetzt schon Urlaub beim Arbeitgeber anmeldet, wer keine Lust hat, eine Odyssee mit Bus/Bahn/Flugzeug/per Anhalter auf sich zu nehmen, wer nicht mit Freude das heimische Bett und Klo hinter sich lässt, um sich 2019 auf den Weg nach Frankreich zu machen, der/die ist vor allem eines: deppert.


Bilder: © Rubens Ben

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