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„unterwegs“ – berührende Kunst von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung im Kösk

Ein fliegender Teppich, dazu ein Universum in Form eines Schrankes und ein großes Schiff aus Papier – hört sich nach einer zauberhaften Märchenwelt an. Und das kommt dem Ganzen eigentlich schon recht nahe. Denn es handelt sich hier um Kunstwerke, die im Kösk zur Ausstellung „unterwegs“ der „Refugio Kunstwerkstatt“ für Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund gehören.

Jungs und Mädchen haben gemalt, gezeichnet, gebastelt und fotografiert. Sie haben ihrer Fantasie und Kreativität freien Lauf gelassen und erzählen so ihre ganz eigene Geschichte: Kleine Märchen in Form von Kunstwerken, die aus sehr realen Bausteinen bestehen, aber auch vor lauter Fantasie nur so sprühen. Bis zum 12. Juli ist die Ausstellung noch im Kösk zu sehen.

Voller Ideen und Temperament

„Unsere Kunstwerkstatt arbeitet nun schon seit 25 Jahren künstlerisch, pädagogisch und kunsttherapeutisch mit Kindern und Jugendlichen zusammen“, sagt Margit Papamokos, die Leiterin des Refugio-Projekts, „und es ist für mich immer wieder erstaunlich, was für eine positive Kraft in jedem einzelnen dieser kleinen Künstler steckt. Die Kinder haben einiges zu erzählen, sind voller Ideen und Temperament.“

Auch wenn die Bilder teilweise sehr dramatische Szenen zeigen – wie beispielsweise die, auf dem ein mit Menschen überfülltes Schlauchboot von einer riesigen Welle erfasst wird. Genauso gibt es fast romantische Momente und Einblicke: Auf ein rotes Segelboot, das im Mondschein durch die Nacht und über den Ozean segelt. Aber auch ganz abstrakte Kunstwerke, die aus Farbtupfern und wilden Linien bestehen, die etwas von einer weit entfernten Galaxie ausstrahlen.

Wer bin ich? Was bin ich?

Dabei sollte laut Papamokos der Fokus gar nicht so sehr auf das Thema Flucht gelegt werden. Mit dem Wort „unterwegs“ könne man so viele Themen verbinden: Abenteuer, Reisen, Menschen, Kulturen, Neues oder Bewegung. „Doch das Thema Flucht bewegt die Jungs und Mädchen natürlich immer noch sehr“, meint Margit Papamokos. „Das können sie hier nun durch ihre Bilder noch einmal frei zum Ausdruck bringen und ausleben.“

Neben den Boot-Bildern zeigt die Ausstellung Fotografien, eine Graffiti-Performance aus der Bayernkaserne, selbst kreierte Rucksäcke und Taschen sowie Selbstportraits – alles in sehr bunten und lebendigen Farben. Papamokos: „Über die Kunst lernen die Kinder und Jugendlichen sich auszudrücken, sich selbst zu hinterfragen: Wer bin ich? Was bin ich?“ Das helfe den jungen Menschen sehr, die plötzlich in einem fremden Land, einer fremden Kultur leben und sich oft verloren fühlen.

Yasmin (Name geändert) ist aus dem Irak. Sie kennt die Refugio Kuntwerkstatt sehr gut, ist 15 Jahre alt, wohnt seit zwei Jahren mit ihrer Familie in einer Gemeinschaftsunterkunft in München und hat das bereits erwähnte Bild mit den Farbtupfern und Linien gemalt. „Ich fühle mich beim Malen sehr frei“, erzählt sie. „Denn ich denke an nichts – und spüre mich plötzlich ganz neu und bewusster.“

Über 500 Kinder und Jugendliche

Im Kösk gibt es während der Refugio-Ausstellung nicht nur Kunstwerke zu sehen. So gab es bereits einen kleinen Kinobeitrag – wie den Kurzfilm „Bon Voyage“. Zuvor konnte jeder Interessierte bei „1000 Drawings“ selbst zum Stift greifen und munter drauflos zeichnen, malen, kleben und fotografieren, um das dann auf ein A5-Format zu bringen. Am Mittwoch, 11. Juli läuft von 14.30 Uhr bis 17 Uhr ein Fotoworkshop für Jugendliche und junge Erwachsene.

Über 500 Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund betreut und begleitet die „Refugio Kunstwerkstatt“ in Gemeinschaftsunterkünften sowie im Projektraum am Luise-Kiesselbach-Platz in München. Damit geben Margit Papamokos und ihr Team den Jungs und Mädchen Raum, um sich entfalten zu können – und um ihrer Fantasie und Kreativität freien Lauf zu lassen. Wenn dabei ein Gefühl von Freiheit entsteht, ist das doch märchenhaft.


In aller Kürze:

Was? unterwegs – Ausstellung der REFUGIO Kunstwerkstatt für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung

Wann? Noch bis Donnerstag, 12.7.2018

Wo? Kösk, Schrenkstraße 8

Wieviel? Eintritt frei


Fotos: © Sebastian Schulke

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