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Wenn Rufus Beck seinen Arm streckt, schreien alle „Schnatz“

Stefanie Witterauf

Stefanie Witterauf

Stefi ist eine junge Journalistin aus München. Sie liebt Neologismen, Dadaismus und Kaffee. Den trinkt sie am liebsten auf Reisen. Bevor sie dreißig Jahre alt wird, möchte sie alle europäischen Hauptstädte gesehen haben.

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Stefanie Witterauf

Ein Zischen geht durch die Zuschauer. Ein Raunen. Es wird gejubelt. Und wenn Rufus Beck seinen Arm streckt, dann schreien alle: „Schnatz“.  Für mich ein wahr gewordener Traum.

Da erzählt der Held meiner Kindheit, Jugend und meines bisherigen Erwachsenenlebens die Geschichten von Harry Potter – und das interaktiv. Und an der Decke der Reithalle in München schwirren Lichtreflektionen von den Discokugeln, als wäre man in der großen Halle direkt in Hogwarts.

Sieben Bände liest der Münchner

Rufus Beck ist Schauspieler und Musiker. Doch bekannt ist vor allem seine Stimme. Sieben Bände liest der gebürtige Münchner. 136 Stunden und 56 Minuten gibt er den Dursleys, Dumbledore und Dobby eine Stimme.

Wer die Hörbücher nicht kennt, dem empfehle ich dringend, das zu ändern. Wegen Rufus Beck wusste eine ganze Generation, die im zarten Grundschulalter schon 300 Seiten dicke Romane von J.K. Rowling verschlungen hat, wie man beispielsweise die strenge Professorin Minerva McGonagall ausspricht.

Treffen beim Sommernachtstraum

Einmal traf ich Rufus Beck vor vier Jahren im Residenztheater. Schon während der Vorstellung des Sommernachtstraums entdeckte ich ihn zwischen den anderen Zuschauern. In der Pause ging ich zu ihm hin.

Ich: „Sind Sie Rufus Beck?“

Er (freudig): „Ja!“

Ich: „Ich habe Ihre Stimme mehr gehört als die Stimmen aller meiner Großeltern zusammen…“

Er (erschrocken)

Ich: „Können Sie meine Mailboxansage besprechen?“

Er: „…“

Ich (habe vor Freude gewippt und die Augen aufgerissen)

Er: „… nach der Vorstellung.“

Doch dazu ist es leider nie gekommen. Denn obwohl er in der linken Hälfte des Saals saß, entschieden sich Rufus Beck und seine Begleitung nicht mehr links (wo ich saß) den Saal zu verlassen, sondern auf der rechten Seite. Und so verschwand er, als wäre er appariert.

Rufus Beck auf der Bucket List

Seither steht eine Mailbox-Ansage, gesprochen von Rufus Beck, auf meiner Bucket List. Die Jahre vergingen und die Hörbücher des Zauberschülers hörte ich weiterhin zum Einschlafen. Statt auf Kassetten oder CDs mittlerweile digital.

Teilweise kann ich sie mitsprechen – ich erinnere mich auch an eine Kinderwette bei „Wetten dass…?“, wo ein Junge gewann, weil er die Sätze des ersten Bands beenden konnte. Das wäre auch heute noch kein Problem für mich.

Am wenigsten gut kenne ich die „Kammer des Schreckens“, denn da taucht Dobby auf und Rufus Beck verleiht dem Hauselfen eine so schrille Stimme, dass ich regelmäßig durch das „Harry Potter, Siiiiir“ aus dem Schlaf gerissen wurde.

Mein Backstreet Boy

Was für die einen die Backstreets Boys, für die anderen Elyas M’Barek, das ist für mich Rufus Beck. Neulich entdeckte ich im Buchhandel des Vertrauens ein Poster: „Zurück nach Hogwarts“. Nach etwa fünfzehn Jahren ist Rufus Beck auf Lesereise! Zwanzig Jahre Harry Potter in Deutschland.

Während sich andere mit Sternzeichen und Horoskopen beschäftigen, unterteile ich die Menschen, die ich kennenlerne, in die Häuser von Hogwarts und mache mich über die Muggel lustig, die weder die Winkelgasse noch Butterbier kennen.

In deinem Kopf, Harry!

Mit dem Zitat meines Lieblingsschulleiters ging es los: „Natürlich passiert es in deinem Kopf, Harry, aber warum um alles in der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?“

Zwischen jüngeren, gleich alten und älteren Zauberei-Fans saß ich gebannt da, von der ersten Minute an als Rufus Beck ein Quidditch-Spiel kommentierte. Bis zum Ende, als er einen Song des sprechenden Huts interpretierte.

Live verlieh Rufus Beck Madam Hooch ein wenig die Stimme von Horace Slughorn. Und auch Tante Petunia klang zwischendrin der Maulenden Myrte sehr ähnlich. Hagrid war an diesem Abend sogar noch toller gelesen und Rufus Beck beschrieb in einem kurzen Gespräch vor der Pause, dass er sich diesen immer als Gestalt in Motorradkluft zwischen Schanze und Reeperbahn vorgestellt hatte.

Rufus Potter, Harry Beck

Rufus Beck ist selbst in einem Internat aufgewachsen und hat den Figuren ein Vorbild gegeben von Menschen, die er aus dem echten Leben kennt.

Wer das Vorbild für Dudley, den gemeinen Cousin von Harry ist, das wollte er nicht verraten. Harry Potter habe er eine normale Stimme verliehen, weil Kinder auch keine Superhelden sein wollen, sondern einfach nur normal.

Er plauderte noch von einer Lesung vor achtzehn Jahren zusammen mit J.K. Rowling. Eine Zugabe gab es nicht, aber am Ende Autogramme.

Meine Chance also, nochmal zu fragen ob er mir meine Mailbox-Ansage besprechen würde.

Zu viel des Guten?

In einem Interview hatte ich gelesen, dass es ihm recht oft passieren würde, dass Menschen ihn auf der Straße ansprachen, ob er nicht Harry Potter gelesen hätte. Irgendwie klang es zwischen den Zeilen so, als ob er sich damit nicht so wohl fühlen würde.

Nicht dass Menschen ihn ansprechen würden, sondern eher so, als ob er den Grund nicht so toll finden würde.

Aber als Schauspieler sehe ich Rufus Beck nicht und als Musiker auch nicht. Für mich – und eben die ganze deutschsprachige Horde an Potter-Fans – ist Rufus Beck der, der Harry Potter vorliest.

Manchmal hätte ich mir auch gewünscht, dass Rufus Beck mein Papa wäre, dann hätte er mir jeden Abend vorlesen können. Wie er erzählte, sogar noch bevor die Romane offiziell rausgekommen sind – so weit habe ich aber damals gar nicht gedacht. Aber noch heute denke ich, dass die Kinder von Rufus Beck eine wunderschöne Kindheit gehabt haben müssen.

Keine Abfuhr, bitte

Als sich nach der Lesung hunderte von Fans anstellten, wurde mir klar, dass ich es heute Abend erneut vergessen könnte, meine Ansage zu bekommen. Ich liess es also bleiben, weil ich keine Abfuhr erhalten wollte. Denn der Abend war – zwar ohne Dobby und Zugabe – ein wunderschöner Herbstbeginn.

Ich hoffe, dass Rufus Beck (und nicht meine Großeltern) diesen Artikel lesen und sein Herz sich erweichen möge und das nächste Mal, wenn ihr mich anrufen wollt, ertönt:

„Dies ist die Mailbox von Stefanie Witterauf … gelesen von Rufus Beck.“


Fotos: © Stefanie Witterauf

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