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Meine Halte: „Max-Weber-Platz“ ist doch eigentlich kein Platz

Carolin Dithenhof

Carolin Dithenhof

Münchner Kindl wieder zurück in der Heimat. Liebe zum Wiener Schmäh und Kaffeehäusern mit ausgelegten Zeitungen. Marillenknödel for life.
Carolin Dithenhof

Meine Haltestelle seit ich Kind bin, meine damals tägliche Verbindung zur Schule ins Lehel und auch jetzt noch mein erster Ausgangspunkt, um in viele Ecken Münchens zu gelangen – vorausgesetzt meinem Fahrrad und mir wird durch höhere Gewalt ein Strich durch die Rechnung gemacht.

Fade Farben, antiquare Ausstellungsstücke – dafür viele kommerzielle Möglichkeiten

Geändert hat sich über die Jahre nicht sehr viel. Noch immer ist es eine eher altmodische, in fadem graublau und ausgeblichenem gelb gehaltene U-Bahnhaltestelle. Ein Relikt von einem altem Trambahnwagon ziert ohne ästhetischen Mehrwert das Haltestellen-Entrée Ebene 1. Mit der Ebenengestaltung – es gibt drei – geht nämlich auch eine sehr großzügige Bauweise einher.

Logischerweise führt es einen äußerst tief ins Erdreich, wenn man am Ende des Berges auch noch die Isar unterqueren muss. Sobald man jedoch die erste Rolltreppe betreten hat und sich in den typisch staubig-muffig, keineswegs jedoch unangenehmen Geruch von U-Bahnhöfen begibt, vergisst man irgendwie immer die wahnsinnige Vorstellung, einen Tunnel unter einem Fluss zu passieren.

Zwar kann man der Haltstelle keinen Orden der Schönheit verleihen, doch darf sie sich in ziviler Bestlage behaupten. Trafikant, Krankenhaus, Bäckerei, Bayerischer Landtag, Blumenladen, Bank, Apotheke und nicht zu vergessen: perfekte Anbindung zu Bus und Trambahn – alles quasi aus der Haltestelle rausfallend zu erreichen.

Max Weber ist nicht gleich ein Soziologe

Wer sich der Namensgebung jetzt sofort mächtig fühlt, der sei womöglich eines besseren zu belehren. Der Name trügt denn ein wenig, wenn einem als erstes doch das ein oder andere Schlagwort wie Verantwortungs- oder Gesinnungsethik einfällt.

Ursprünglich wurde der Name Max-Weber-Platz nämlich nicht zu Ehren des deutschen Soziologen und Nationalökonomen Max Weber verliehen, sondern im Jahre 1905 dem Haidhauser Gemeindeschreiber und späteren Münchner Magistratsrat Max Weber gewidmet. Die Hommage und gedanklich richtig assoziierte Ehrung an den bekannten Soziologen wurde erst 1998 manifestiert.

Haidhausen ist cool – nicht super-hip

Nicht zu vergessen ist auch das wunderschöne Viertel außenrum. Haidhausen stellt für mich die perfekte Mischung aus ganz vielen Gefühlen dar. Cool aber nicht hip, lässig weil früher auch Kreativen- und Künstlerviertel, kann schick, muss aber nicht, und zu guter Letzt von Gentrifizierung noch nicht vereinnahmt.

Der Max-Weber-Platz mit seiner Umgebung ist wie eine kleine Stadt in der Stadt. Alles was man braucht, verknüpft mit Individualität und Charme. Den schönsten Café gibt es auf dem Trottoir im Café Fortuna, den besten Spritz auf den Tischen mit Orangen im Mezzodi, eine Fischsemmel im Fischhäusl, und das Bier schmeckt doch immer sehr gut bei Olaf im Johanniscafé.

Leider findet so viel Schönes, das man von meiner Halte schnell erreichen kann, hier jetzt gar keinen Platz. Aber das wissen bestimmt auch einige, und alle anderen können sich ja selbst mal auf Erkundungstour begeben.

Meine Halte war die erste kleine Begrüßung, wenn ich aus meiner früheren Wahlheimat Wien kam und dieses Gefühl, glaube ich, werde ich mein Leben lang verspüren, wenn die U-Bahn einfährt am „Max-Weber-Platz“.

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