Kultur, Live

Aghet 99+1 — escaping amnesia

Sebastian Huber

In Deutschland, wo die Geschichte des Holocaust dank großartiger Aufklärungsarbeit bereits in der Schule vermittelt wird, wo es etliche Gedenk-, Informations-, und Erinnerungsstätten zum Thema gibt, ist die Frage nach der Wahrheit der Ereignisse bis auf wenige Ausnahmen glücklicherweise kaum mehr noch ein Thema. Das haben wir vor allem den Alliierten zu verdanken.

Dass Informationskultur und nationale Traumabewältigung nicht immer so verlaufen, zeigt die (fehlende) Narrativisierung von Ereignissen wie etwa den Portugiesischen Kolonialkriegen oder Aghet – dem Völkermord an den Armeniern im osmanischen Reich.

Gerade weil der Begriff ‚Aghet‘ vielen Menschen in Deutschland nicht besonders viel sagen wird, sollte die Ausstellung ‚Aghet 99+1‘, die Ende März in der Münchner Galerie Kullukcu & Gregorian als Möglichkeit verstanden werden, sich mit den Ereignissen des Völkermordes an den Armeniern zu beschäftigen.

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Wem die Sache als unwichtig erscheint, als etwas, das ‚die‘ mit ‚denen‘ aushandeln sollten, dem sei gesagt, dass auch die deutsche Beteiligung am Projekt der Deportierung und anschließenden Ermordung der Armenier nicht unerheblich war.

1903 begann der Bau der Bagdad-Bahn im Osmanischen Reich. Die Philipp Holzmann AG aus Frankfurt übernahm den Bau. Die Schienen lieferte die Krupp AG, und die Lokomotiven stammten von Borsig, Cail, Hanomag, Henschel und Maffei, also allesamt aus Deutschland. Auch militärisch waren beide Länder als Waffenbrüder eng miteinander verbunden. Deutsche Offiziere bildeten das osmanische Militär aus und befehligten größere Einheiten. Während des Ersten Weltkriegs spielte die Bagdad-Bahn für sie eine kriegswichtige Rolle in der militärischen Logistik gegen die Entente.

Vor 99 Jahren, ab Oktober 1915, diente die Bahn im Zuge des Völkermords an den Armeniern mit deutscher Unterstützung auch als Transportmittel für die systematische Deportation der Armenier aus ihren Siedlungsgebieten in Richtung der Syrischen Wüste. Das Deutsche Reich war als militärischer Hauptverbündeter des Osmanischen Reiches ebenfalls tief in diese Vorgänge involviert. Sowohl die politische als auch die militärische Führung des Deutschen Reichs war von Anfang an über die Verfolgung und Ermordung der Armenier informiert.

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Aghet 99+1 ist der Auftakt einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armeniern. Diese historischen und politisch immer noch aktuellen Vorgänge und internationalen Verstrickungen werden an drei Abenden durch einen halbdokumentarisch-theatralen Vortrag (kommentierter Nachbau der Bagdad-Bahn mit einem Urenkel eines verantwortlichen Ingenieurs), Video-Installationen (über die internationale armenische Diaspora), einen Dokumentarfilm (über das Leben in der Türkei und in Deutschland nach dem Genozid anhand von fünf Essensgerichten erzählt), behandelt, aufgedeckt und dargestellt.

Der Nachbau der Bagdadbahn im Rahmen des halbdokumentarisch-theatralen Vortrages findet jeden Abend statt, zusätzlich gibt es am jedem der drei Tage die Videoinstallation ‚Terra Armenia‘ über die armenische Diaspora von Erol Guira zu sehen. Am Freitag steht ein zusätzliches Gespräch mit dem Künstler auf dem Plan und Samstag wird der Dokumentarfilm ‚Die Gerichte meines Vaters‘ mit Kevork Gregorian gezeigt. Zum Film gibt es auch ein Gespräch und typische Gerichte werden serviert.

Donnerstag, Freitag und Samstag, 20. bis 22. März 2014
20.30 bis 23:30 Uhr
in der Galerie Kullukcu & Gregorian.

Kullukcu & Gregorian
Schillerstrasse 23 –  3. Etage
80336 München, Germany

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