Leben, Stadt

Circus Krone: Wildtiere in der Manege und das qualvolle Verharren im Zirkus-Kitsch

Alissa Muench

Ich bin meistens mit einem Buch in der Trambahn, zu Hause im Kuschelbett oder in der Weltgeschichte reisend anzutreffen.
Alissa Muench

Die neue Tournee des Circus Krone nennt sich EVOLUTION und feierte mit großem Tam-Tam vor wenigen Tagen ihre Premiere auf der Münchner Theresienwiese.

EVOLUTION da, wo überhaupt keine vorhanden ist

Bis zum 12. April steht das große blaue Zelt auf der Theresienwiese, danach ziehen Artisten und Tiere von Ort zu Ort durch die Lande. Mit „dem größten Circuszelt der Welt und über 350 Wagen. Dazu riesige Stallzelte mit großraumigen Außengehegen“ wirbt Circus Krone für dieses Superlative-Event auf den Ticketportalen. Warum der Traditionszirkus noch immer Wildtiere in die Manege treibt, will uns nicht in den Kopf.

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Ein Rundgang auf der Theresienwiese: Der Circus Krone nimmt für Zelt und Gehege nicht einmal ein Drittel des Geländes in Anspruch. Auf dieser Fläche reihen sich vor allem alte Zirkus- und moderne Wohnwägen aneinander, fein säuberlich in Reih und Glied aufgestellt. Rund herum beginnen die Aufbauarbeiten für das Münchner Frühlingsfest.

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Hauptteil der Theresienwiese für Frühlingsfest-Aufbau leer stehend.

Wenn man das Gelände umrundet, sind laute Seelöwenschreie zu hören – das angeblich große Gehege bleibt jedoch unauffindbar, Elefanten sind ebenfalls keine in Sicht.

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Weit und breit keine großen Auslaufgehege zu sehen.

Nach großem Auslauf sieht es jedenfalls nicht aus – sechs Elefanten müssten dabei schließlich auffallen. Der Spiegel veröffentlichte bereits 2008 eine Studie britischer Forscher, die nachweisen, dass afrikanische Elefanten in Gefangenschaft durchschnittlich nur ein Drittel so alt werden wie frei lebende Tiere.

Was sagt der Circus Krone dazu?

Circus Krone spricht auf seiner Website davon, dass die langen Transporte von Spielort zu Spielort „ohne jedes Unbehagen“ von den Tieren aufgenommen werden. „Ein Circus-Elefant steigt so selbstverständlich in seinen Transportwagen ein wie ein Hund in das Auto seines Herrchens“, heißt es dort. Aber ist es nicht schon grundlegend falsch, einen Elefanten mit einem Haustier zu vergleichen? Außerdem widerspricht die Aussage einer weiteren Erkenntnis der oben genannten Studie: Vor allem die vielen Transporte und frühe Trennung der Babys von Muttertieren fügen den Tieren großen Schaden zu.

Die Elefanten sind „jede Nacht an zwei Beinen fixiert und angekettet, Transporte können oft an die 30 Stunden dauern“ erklärt uns Peter Hornung von PETA.

„Zirkusdirektor wollte ich werden…“

Traurige Wahrheit: In Deutschland gibt es noch genügend Politiker, die lieber zwei Augen zudrücken, anstatt die vollkommen veralteten Zirkusrichtlinien abzuschaffen. Auch Beppo Brem, Vorsitzender der Münchner Grünen, munkelt, dass die Lobby von Zirkusunternehmen in Deutschland immer noch einen großen Einfluss hat, und strengere Richtlinien verhindert.

Dieter Stier, tierschutzpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion geht da mit bestem Beispiel voran: Er gibt offen zu, dass er „nicht auf das Leuchten von Kinderaugen im Zirkus verzichten“ wolle. Kritiker sehen das anders: Ihrer Meinung nach wird Kindern durch Zirkusse ein völlig falsches Bild von Wildtieren vermittelt. Viele Kinder wenden sich bereits selber von Zoo und Zirkus ab, da das Bewusstsein für artgerechte Behandlung auch schon in jungen Jahren sehr wach ist.

Auch Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag, gibt klar zu erkennen, dass Deutschland nicht mit einem Verbot von Wildtier-Shows rechnen braucht, und sagt von sich selbst: „Zirkusdirektor wollte ich werden…“

volkerkauderwebsiteVolker Kauders Online-Auftritt.

Doch es gibt auch Stimmen, die das anders sehen: Die Münchner Grünen sprechen sich seit Jahren gegen die Wildtierhaltung und Zurschaustellung der Tiere aus. Der Zirkus „perversiert die Natur eines Wildtieres“, erklärt Beppo Brem im Interview mit MUCBOOK. Das Aufwachsen und Dressieren im Zirkus entspreche niemals einer natürlichen Umgebung, diese sei in Zoo und Tierpark schwer herzustellen. Brem macht deutlich, wie wichtig für ihn daher das Verbot der Wildtier-Vorstellungen ist.

Auf unserem Rundweg um das Zirkus-Krone-Gelände entdecken wir das Nashorn: es bewegt sich schwerfällig durch sein tatsächlich offenes Gehege: Dafür hat es etwa so viel Platz wie ein Kind im Planschbecken und müsste nur über eine 30cm-hohe Holzsperre steigen, um herauszutreten. Tut es aber nicht.

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Das Nashorn in seinem „großen Außengehege“.

Am meisten gespannt waren wir natürlich auf das Löwengehege: Zu sehen bekamen wir allerdings nur die Weibchen, und das aus weiter Entfernung: Unruhig laufen sie immer und immer wieder im Kreis am Gitter vorbei, die Nase am Hintern der Vorgängerin klebend.

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Ganz im Hintergrund eine Löwin auf ihrer Runde durch den Gitterkäfig.

Doch damit hat das Schauspiel kein Ende: Zuletzt entdecken wir Südamerikanische Papageien, die kreischend in kleinen Käfigen sitzen. Lamas und Ponys stehen in Ställen, genauso wie die Pferde, werden sie in so großen Boxen gehalten, wie das im Reitstall üblich ist – nur fehlt hier die Koppel.

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Hier wäre Platz für mehr Auslauf – aber die Tiere bleiben in den kleinen Paddocks.

In München ist das Auftreten von Wildtieren verboten – mit Ausnahme der Theresienwiese

„Leider gibt es immer noch zu viele Politiker, die schützend ihre Hand über das Zirkus-Gewerbe halten, derzeit kann da kommen was will, so wird sich nichts ändern“, sagt Hornung von PETA.

Ironischerweise gehört München seit 2011 zu einer der wenigen Städte, die das Auftreten von Wildtieren verbietet – nur  auf der Theresienwiese ist es weiterhin gestattet, mitten in der Stadt. Schon 2009 hatte eine fraktionsübergreifende Initiative (ohne die SPD) im Münchner Stadtrat ein Verbot von 20 Wildtierarten auf städtischem Grund gefordert. Auslöser dafür waren alarmierende Berichte über angebliche Tierquälerei im Circus Krone – das ARD-Magazin Report Mainz meldete fragwürdige Methoden der Tierhaltung auf einer Tournee.

Dass es bereits seit Jahrzehnten Zirkusse gibt, die exzellent ohne die Hilfe von tierischer Begleitung für brilliante Unterhaltung sorgen, dürfte kein Geheimnis sein. Ein Beispiel hierfür wäre der Cirque du Soleil, der mit menschlichen Glanzleistungen Besucherrekorde erzielt.

Es ist erschreckend, wie manche Politiker dem romantisch verklärten Bild der durchs Land reisenden Zirkus-Karawane mit Löwen und Elefanten glauben und einer Erneuerung der Richtlinien im Weg stehen.

Falls du dich weiter über dieses Thema informieren möchtest, hier ein paar Links:

zdf frontal21: Mehrheit der Deutschen gegen Wildtiere im Zirkus

PETA über Circus Krone

Facebook-Aktionsseite

Fotocredit: Anika Landsteiner

2 Comments
  • Martin Schmitz
    Posted at 21:30h, 13 April

    Warum geht man/frau nicht einfach rein statt über den Zaun zu gucken und sich was zusammenzureimen? Wenn man Presse ist, kostet es auch nichts, man muss also den Circus nicht finanziell unterstützen, wenn das das Problem sein sollte. Es würde sicher eine objektivere Darstellung ermöglichen dank klarerem Blick auf das Ganze statt durch Schlitze zwischen Wohnwagen fotografiert pseudo-investigativ zu wirken versuchen. Die Leute beantworten dort auch all ihre Fragen, die sich stellen zu Themen, die man vielleicht sich ohne mehr zu wissen (..wissen zu wollen..) sonst zusammenreimt. Wäre mal ein journalistischerer Ansatz…

  • Chicki
    Posted at 21:48h, 28 April

    Was für ein grandioser Beitrag! Man muss anmerken, dass dies natürlich nicht der einzigste ist. Ich bin sehr froh, dass über die Zustände, wie sie auf der Theresienwiese waren, berichtet wird. Ich war selbst im Krone-Zoo und das ist wirklich alles andere als Tierfreundlich und noch Meilenweit von Artgerecht entfernt. Das Elefantengehege war ja der Oberbrüller, so etwas grausames habe ich in meinen Lebtagen noch nicht gesehen. Krone sollte sich etwas schämen. Und die Menschen und Besucher sollten sich über all die Strafanzeigen, Auflagen, und Verurteilungen informieren. Soetwas unterstützt kein normaler Mensch mit Herz!
    Als ob all die negativ Berichte und fotografierten und gefilmten Wahrheiten nicht reichen würden. Und unsere Politiker, da fällt mir kein Wort mehr ein. Wenn die Politik hier schon die augen verschließt, für’s persönliche Vergnügen und zum Erhalt einer sinnlosen „Tradition“, will ich nicht wissen, wie das sonst so läuft bei den Menschen die die Fäden in der Hand haben. Mal ganz davon abgesehen, dass sich mehr als 60% der Deutschen FÜR einen WILDTIERFREIEN Zirkus ausgesprochen haben. Auch mehr als 60 % der CDU/CSU Whäler. Demokratie? Fehlanzeige!

    Bei alle dem was ich über Krone recherchiert habe, gesehen habe (ich war selbst lange Zeit besucher der Show, seid Kindauf – bis ich mein Hirn selbst zum denken benutzen konnte) könnte ich mich im Dreieck springend übergeben.
    Wildtiere oder generell Tiere izur Unterhaltung – das ist absolut Überholt.

    Wie pervers muss ein Mensch sein um sich an dem Leid anderer zu ergötzen? Müsste eig. schon genug sein, dass der Gründer Karl Krone damals Menschen mit Behinderung zur Schau stellte. Nichts anderes passiert mit den Tieren. Grausamkeit auf höchstem Niveau.

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