Kultur, Stadt

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint – oder wenn Künstler sich spüren wollen

Ein Kommentar

Ja, es gibt sie auch hier im reichen München: die Obdachlosen, die Menschen am äußersten Rand der Gesellschaft. Und es werden immer mehr. Das weiß jeder und doch verdrängen wir es viel zu gern. Das zu thematisieren – und vor allem den Menschen auch zu helfen ist darum wahnsinnig wichtig.

Das haben sich wohl auch die beiden Künstler Paul Huf, Uli Oesterle und der SPD-Lokalpolitiker Lars Mentrup gedacht, als sie sich in ihren (ich rate einfach mal:) gemütlichen Ateliers/Co-Working Spaces/Lieblings-Cafés getroffen und die Idee für ihre Kunstaktion „Von hier aus!“ entwickelt haben. Drei Tage lang haben sie nun Handy, Bargeld, Kreditkarte, etc. abgegeben und in München obdachlos gespielt.

„Furchtbar!“

Das war laut Interview auf SZ.de – Achtung, Überraschung! – „furchtbar“, „eine existenzielle Erfahrung“ und „entwürdigend“.

Die drei kamen dann noch auf die glorreiche Idee, zur Vorbereitung Obdachlose zu fragen, wie man denn am besten überlebt auf der Straße. Ob es eine gute Idee ist, drei Tage lang denen, die es wirklich bräuchten, einigermaßen trockene Schlafplätze wegzunehmen und auch noch die Flaschen vor der Nase wegzusammeln, um etwas Geld zusammenzukriegen für Essen. Diese Frage haben sie sich wohl nicht gestellt. Und dann der größte Schockmoment: die Ärmsten mussten dann auch noch feststellen, dass sie nach zwei Tagen auf der Straße anfangen, streng zu riechen. Igitt aber auch!

Und jetzt? Jetzt sind die drei Tage rum, sie dürfen den versammelten Medien erzählen, wie schrecklich das alles war – und?

Nichts.

Nichts weiter wird passieren, außer dass ein paar lokale Kunstschaffende ihre Namen in der Zeitung lesen konnten und für sich und ihr Kunstprojekt (mit dem hochtrabenden Namen „Infra_Beuys“ – was hantieren Kunstschaffenden eigentlich immer mit diesen umständlichen Unterstrichen, was sollen die bedeuten? …Entschuldigung, ich schweife ab.) Werbung gemacht haben. Ich glaube, es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn ich behaupte, dass es keinem einzigen Obdachlosen in nächster Zukunft besser gehen wird, weil die drei sich ein paar Tage selber spüren durften.

So haut die Aktion leider in genau dieselbe Kerbe, in die auch die ganzen „Ein-Tag-in-einer-Burka“-Selbsttests hauen. Die Spiegel Online-Kolumnistin Margarete Stokowski hat das sehr schön beschrieben.

Nutzt eure Talente!

Das Fazit, analog zu unserem Beispiel: Redet doch mit den Betroffenen, denn die wissen ganz genau was es bedeutet, in dieser Situation zu sein. Wenn ihr schon was bewegen wollt, dann macht was mit den Leuten, gebt ihnen die Aufmerksamkeit! Ihr seid doch Künstler, Autoren, Illustratoren, ja gar Politiker. Nutzt eure Talente – die wirklich toll sind, nebenbei bemerkt – um die Betroffenen ins Zentrum zu setzen, anstatt eure eigene Abenteuerlust.

Und wenn das nicht genügend inspirierend ist: Spenden hilft immer. Ist zwar unglamourös und nicht künstlerisch, aber hilft. Denen, dies brauchen.


Beitragsbild (bearbeitet): Dierk Schaefer CC by 2.0 via Flickr

6 Comments
  • Maximilian Breitling
    Posted at 17:53h, 12 Oktober

    Miserabler Kommentar. Geschrieben aus einer hippen bloggerloungegarnitur. Weitere hämische Unterstellungen unterlasse ich, weil ich ja sonst im Stil des Kommentators schreiben würde. Ist ein Blogger nicht auch irgendwie an objektive Maßstäbe gebunden?

  • Julia Richter
    Posted at 12:54h, 18 Oktober

    Lieber Jan, es gibt da so einen Spruch ‚ Urteile nicht über jemanden, in dessen Schuhen Du nicht gelaufen bist‘ . Du hast Dir Dein Urteil offensichtlich sehr schnell gebildet über die 3 und ein Teil von mir versteht Dich auch, so im ersten Impuls – Wohlstands-Söhnchen wollen’s mal rough und schlachten das hinterher richtig aus. So bisschen wie Dschungelcamp. In diesem Fall sehe ich das aber anders, denn die 3 haben 3 Tage lang gespürt, wie es ist, außerhalb der Gesellschaft zu stehen, wie schwierig es ist, einen Wasch- oder Schlafplatz zu finden und wie schwer es ist, aus den hohen Mülleimern die Pfandflaschen herauszufischen. Die 3 werden sicherlich nie mehr an Obdachlosen achtlos vorbeigehen. 3 Menschen mehr, die hinschauen. Sie haben etwas entwickelt, das vielen von uns vielleicht heute abgeht: Empathie. Und wie toll, dass sie darüber reden, dass das Thema in der Presse behandelt wird und wir dadurch teilhaben können. Ich lese Uli Oesterle’s illustrierte Geschichte gerade auf seinem facebook account und es berührt mich. Nicht nur, weil ich weiß, dass Uli’s Vater selbst eine ähnliche Geschichte hatte. Wenn wir durch diese Aktion auch nur den Begriff ‚Obdachlose‘ neu beleuchten, wenn wir nicht nur eine undefinierte Menge sehen, sondern die Menschen dahinter, dann war die Aktion schon sinnvoll. Die 3 haben eine Idee davon bekommen, wie es sich anfühlt obdachlos zu sein und sie geben dieses Bild an uns weiter – weil sie die Möglichkeit dazu haben. Ich bin darüber dankbar und ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, mich so nackt zu machen wie sie..

  • Uli Oesterle
    Posted at 18:47h, 21 Oktober

    Also Jan…

    … erst mal eine Richtigstellung. Die beiden Künstler sind Lars Mentrup und Paul Huf. Sie bilden die Künstlergruppe Infra_Beuys und haben diese Aktion ins Leben gerufen, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zwar auch auf die Künstler, aber eben in erster Linie auf das Thema lenkt. Der zeitgleich ebenfalls in der SZ erschienene Bericht über Obdachlose in Amerika belegt das. Ich habe an der Aktion teilgenommen, da mich das Thema Obdachlosigkeit aus sehr persönlichen Gründen interessiert. Zufälligerweise bin ich zwar auch Künstler, aber vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne.

    Zu Deiner Forderung „Nutzt eure Talente“. Genau das tun wir. Paul Huf ist Sozialarbeiter und Künstler. Er befasst sich in seiner künstlerischen Arbeit stets mit sozialen Themen, um auf Missstände hinzuweisen – dazu braucht es die Öffentlichkeit. Lars Mentrup ist unter anderem Politiker und hat die Möglichkeit von dieser Seite anzusetzen und etwas zu bewegen. Ich selbst bin Comicautor- und Zeichner. Ich berichte seit meiner Rückkehr von meinen Erfahrungen ausführlich auf meinem Facebook Account. Ich bekomme viel Lob, Anteilnahme und Dank dafür, dass ich eben auf die Probleme und Enbehrungen, die zum Obdachlosen-Alltag gehören, hinweise und somit Ideen und Impulse gebe. Klar, gibt es auch negative Stimmen, meistens vereinzelte Nörgler, denen es nach meiner ausführlichen Antwort plötzlich die Sprache verschlägt. Dennoch gehe ich auf alle Stimmen gleichermassen ein, weil ich finde, dass sie die Diskussion anregen. In die Diskussion auf FB hat sich zum Beispiel auch ein ehemaliger Obdachloser eingeschaltet, der die Aktion zwar teilweise hinterfragt, aber sie doch im Grossen und Ganzen gut heisst. Die paar Kritiker konnte ich meistens von meinem Standpunkten überzeugen. Ich gebe Spendenadressen an und mache Vorschläge, wie man helfen kann. In jedem Fall wird diskutiert und hält so das Thema am Leben. Wie kannst Du nur behaupten, dadurch würde sich nichts ändern?

    Mach Dir die Mühe, lies Dir das alles mal durch und urteile dann erneut. Ich habe am Mittwoch in der Akademie U5, in der ich normalerweise das Fach Illustration unterrichte, einen Vortrag über diese drei Tage vor ca. 70 Leuten gehalten. Hier wurden viele Zwischenfragen gestellt und auch am Ende gab es noch Fragen, die allesamt damit zu tun hatten, wie können wir helfen. Zum Beispiel indem man seine Pfandflaschen- und Dosen nicht mehr selbst einlöst, sondern auf den Rand der Mülleimer stellt (womit die Flaschen und Dosen, die wir ihnen in diesen drei Tagen weggenommen hat, um ein vielfaches zurückgezahlt wären. Ich selbst handle seitdem ebenfalls danach), indem man eine Werbe-Aktion anleiert, die dazu aufruft Schlafsäcke für Obdachlose zu spenden, manche können Thermosflaschen gebrauchen, die sie sich in den Suppenküchen mit Heissgetränken auffüllen können. All das bringt NICHTS?

    Fazit: Über all das hätte ich so nicht berichten können, wenn ich mir nicht selbst diesen tiefen Einblick verschafft hätte, sondern wie die meisten, wie auch Du mein junger Freund, es halten. Schön im warmen sitzen bleiben und warten was passiert, damit man hurtig einen flapsigen Kommentar posten kann. Das ist einfach. Reagieren kann jeder, aber handeln tun die wenigsten. Aktion statt Reaktion. Und wenn man schon über etwas urteilen will, sollte man sich die Sache erst mal genau von allen Seiten betrachten.

  • Andreas
    Posted at 15:27h, 22 Oktober

    Ich fand die Aktion toll – hat zumindest meine Aufmerksamkeit erregt und mich wieder mehr mit der Thematik beschäftigen lassen. Alleine die Interviews und Kommentare der Initiatoren und der Obdachlosen, die beim Projekt geholfen haben, haben mir bleibende Eindrücke vermittelt. Danke dafür.

  • Jan Krattiger
    Jan Krattiger
    Posted at 14:08h, 24 Oktober

    Lieber Uli,
    erstmal freut es mich sehr, dass ihr nach meiner Aufforderung vor einer Woche doch noch eine Antwort auf meinen Kommentar schreibt. Denn darum ging es mir in erster Linie mit meinem Text: eine Diskussion anzustossen.
    Zunächst mal kann ich dir versichern, dass ich mir sehr viel durchgelesen und angeschaut habe zu euer Aktion – in den Medien, die darüber berichtet haben, aber auch in den Sozialen Medien. Von „hurtig“ und „flapsig einen Kommentar posten“ kann also nicht die Rede sein (wir haben uns übrigens auch schon bei eurer Presse-Einladung zu der Aktion darüber diskutiert, wie wir damit umgehen wollen bei Mucbook).

    Ich muß dir aber auch ein wenig Recht geben. Vielleicht habe ich tatsächlich ein Stück weit den Sack geschlagen und den Esel gemeint. Denn in der medialen Berichterstattung über eure Aktion kamen genau die Sachen, die du mir jetzt in diesem Post erzählst, überhaupt nicht vor. Es ging nur darum, wie sehr ihr drei gelitten habt während den drei Tagen und was das für ein „Abenteuer“ war, und daran habe ich Anstoß genommen. Ich bin der letzte, der es kritisieren würde dass ihr in Vorträgen Leute z.B. dafür sensibilisiert, Pfandflaschen am Rand stehen zu lassen oder dass ihr eine Spendenaktion für Schlafsäcke anleiert. Aber das sind alles Dinge, die nicht die breite mediale Aufmerksamkeit bekommen, die sie vielleicht eher verdient hätten.
    Ich bleibe also dabei, dass meine Kritik berechtigt ist und dass bei einer solchen Aktion mitgedacht werden sollte, wie das nach Außen wirkt und rezipiert wird. Denn das könnt ihr sehr wohl steuern.

  • Uli Oesterle
    Posted at 16:31h, 24 Oktober

    Lieber Jan.
    Freut mich, dass Du deine eigene Meinung auch kritisch hinterfragst. Es ist wirklich nicht immer ganz leicht von Zeitungsartikeln auf den tatsächlichen Wahrheitsgehalt zu schliessen das vielbesungene gefährliche Halbwissen. Wie kann man auch. Niemand hat die Zeit sich so umfassend zu informieren. Danke für Deine Antwort.

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