Kultur, Nach(t)kritik

Das Theater…und so fort scheitert immer schöner

C.Käßner

C.Käßner

Wahlmünchnerin. Langschläferin. Feministin. Schreibt gern über kleine Projekte mit großem Potential.
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Als ich das Theater…und so fort betrete, ist es schon gut gefüllt. Neben den bekannten Theaterstühlen sind Tische und weitere Stühle aufgestellt. Ich werde von einer rothaarigen Frau mit französischem Akzent mit der Frage begrüßt, ob ich lieber in der Reihe oder an einem Tisch sitzen will.

Ich entscheide mich für letzteres und sehe schon meine Freund_innen, die es sich an einem der Tischgruppen mit einem Bier bequem gemacht haben. Ich deute der schönen Rothaarigen an, dass ich zu eben diesen gehöre. Sie überreicht mir ein Feuerzeug, welches mich fragt, ob ich heute schon gescheitert bin. Ich denke kurz darüber nach, verwerfe den Gedanken aber lieber wieder.
Ich habe von meinem Stuhl aus einen guten Blick auf die Bühne, auf der zwei weiße rechteckige Säulen stehen. Sonst nichts.
Heute ist Premiere von Und wir scheitern immer schöner.

Inszeniert wird Dirk Bernemanns gleichnamiges Buch, eine Sammlung von 18 Kurzgeschichten. Darin zeigt Bernemann das scheinbare Abseits unserer Gesellschaft auf. Seine Sprache ist direkt. Nahezu brachial drängen sich seine Worte in den Verstand. Poetisch polemisch. Und es gibt kein Entkommen. Denn so ist das Leben. In all seiner Schönheit ist es eben auch genau das. Bernemanns Kunst besteht darin, an sich selbst oder der gegenwärtigen Kultur gescheiterte Menschen sprechen zu lassen. Mit aller Offenheit, die nichts beschönt, die nicht versöhnen will. Ausgestattet mit einem Hammer voller Humor.

16 Kurzgeschichten des Buches werden heute hier im Theater von 5 Schauspieler_innen aufgeführt: Sarah Dorsel, Noelle Cartier von Dissel, Johannes Haag, Wolfgang Haas und Heiko Dietz, der gleichzeitig auch Regie führt und Inhaber des Theaters ist. Die Musik wird beigesteuert von Tobias Bosse. Das Stück ist ausverkauft.

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20.13 Uhr dunkelt der Raum langsam ab. Die kleine Bühne füllt sich. Drei Männer stehen um ein Mikrophon. Da ist sie wieder, die rothaarige Platzanweiserin, die sich nun Ihren Weg durch das Publikum zur Bühne sucht und das Stück einleitet. Sie ist buchstäblich der rote Faden durch die nun folgende Inszenierung, die genau genommen schon mit dem Eintreten ins Theater begonnen hat. Die Zielgruppe wird definiert. Und alle wissen: sie sind es.

Bernemanns Kurzgeschichten werden nahezu unverändert eine nach der anderen mit einem Minimalismus an Kulisse und Requisiten in einer fast schon rasanten Abfolge varietéhaft dargeboten. Da ist der „Fickmensch“, der betrunkene Frauen aufgabelt. Oder der Pastor mit der Sadomaso-affinen Haushälterin. Da ist das „Scherbenmädchen“ mit dem gewalttätigen Erzeuger und der aidskranke Familienvater, der eigentlich gar nicht schwul ist. Da ist das rauchende Vergewaltigungsopfer in einer Weihnachtsgeschichte und die Eizelle, die kein Mensch werden durfte. Die Charaktere wechseln von Szene zu Szene. Doch die Verbindung zwischen Ihnen bleibt bestehen. Ob mitten im Publikum sitzend, oder am Klavier. Alle Fünf sind immer dabei. Eine kleine Familie von Gescheiterten. Heiko Dietz schafft es damit auszudrücken, was in Bernemanns Geschichten immer präsent ist: Es ist nicht eine_r. Es geht um alle. Grandios ist die ständig wechselnde ambivalente Wirkung des Stücks von Humor und Tragik. In der einen Sekunde lacht das Publikum, ein bisschen bitter zwar. In der Anderen verschluckt sich das Lachen und die Gesichter werden ernst und betroffen. Eine Höchstleistung des Regisseurs und der Schauspieler_innen. Eindrucksvoll sind vor allem auch die Passagen, die mit der Musik von Tobias Bosse untermauert werden. Die Melodien des Schöner Scheiterns gehen tief.
Am Leben scheitern. Und überleben. Nicht immer. Dabei ist Sex der rosa Knebel des Stücks. Die Suche nach Liebe, die Sucht nach sexueller Befriedigung. Unreflektiert Gescheiterte. Scheinbar. Ausgedrückt wird dies durch Teilnahmslosigkeit, Trunkenheit oder verzweifelten Witz. Ein scharfer Cocktail, den die Schauspieler_innen auftischen.

Am Ende tobender Applaus. Bernemann selbst ist anwesend und wird auf die Bühne geholt. Es herrscht eine euphorische Stimmung im Raum vor. Alles richtig gemacht.

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Schlussendlich sei noch gesagt, dass Und wir scheitern immer schöner der Nachfolger von Ich hab die Unschuld kotzen sehen ist, das im April diesen Jahres Premiere feierte und ebenfalls aktuell wieder aufgeführt wird. Das Erstlingswerk von Bernemann. Ich möchte keine Vergleiche anstellen, das werden andere zu Genüge tun. Ich kann nur sagen: Ich bin über die heutige Inszenierung überrascht. Schwere Kost in intensive Leichtigkeit zu verpacken ist bestens gelungen. Danke.

Weitere Termine:
Und wir scheitern immer schöner:
10./14./15./17./21./23./28./29./30.11.2012
jeweils 20.13 Uhr

Ich hab die Unschuld kotzen sehen:
16./20./22./27.11.2012
jeweils 20.13 Uhr

Double-Feature (Ich hab die Unschuld kotzen sehen / Und wir scheitern immer schöner)
01.12.2012
17.13 Uhr / 20.13 Uhr – auch einzeln buchbar

Weiterführende Links:
Theater…und so fort, Kurfürstenstr. 8, 80799 München
Karten Reservierung

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Fotos: mit freundlicher Genehmigung vom Theater…und so fort

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