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Dating: Der Kampf zwischen digital und analog

Als ich neulich einen netten Typen kennen lernte, geschah das ganz einfach. Am Abend in einer Bar bei einem Bier. Er war nett, sah gut aus und fragte mich schließlich nach meiner Handynummer. Ich war verblüfft, dass das noch in Zeiten von Tinder, Once und diversen anderen Dating-Plattformen passieren kann. Ganz so einfach ist es nämlich nicht (mehr) im „echten“ Leben jemanden kennenzulernen.

Schon 2015 zeigte der Regisseur Samuel Abrahams in seiner Kurzdokumentation „Offline“ wie hart es sein kann, jemanden direkt und ohne die Online-Hilfe um ein Date oder die Handynummer zu bitten.

Waaas du tinderst?

Wie schön, dass ab dem Jahr 2000 Apps und Dating-Plattformen den gestressten Singels zur Hilfe eilten. Mittlerweile sehen die Mitgliederzahlen der größten Dating-Plattformen so aus:

  • Auf Parship tummeln sich 4,5 Millionen Paarungswillige in Deutschland.
  • Tinder: etwas mehr als 2 Millionen Nutzer in Deutschland.
  • Okcupid: 4 Millionen Nutzer weltweit.
  • Münchner Singles: über 65.000 Mitglieder im Münchner Raum.
  • Elitepartner: hat 3 Millionen Nutzer in Deutschland.

 

Trotzdem darf man sich als Single immer wieder diese blöde Frage anhören, ob man denn jetzt tindert. Und gerne zugeben tut man es auch nicht. Auf die Frage „Wo hast du ihn kennen gelernt“ nuschelt man dann verschämt „online“ oder „im Internet“. Aber warum ist es uns so unangenehm das zuzugeben?

Die Dating-Dinos

Tja, schuld sind mitunter die Paare im Freundeskreis, die sich noch analog kennen lernten und nun völlig baff die neue Dating-Kultur (oder -Unkultur) ihrer Single-Freunde beäugen. Wer vor ein paar Jahren seinen Partner gefunden hat, tat das meistens noch auf die gute alte, also analoge Art: entweder über den gemeinsamen Freundeskreis, in einer Bar oder im Club. Nicht selten lief das dann so: fünf Bier reinstellen – Körbe zu kassieren sind immerhin schmerzhaft und müssen angemessen betäubt werden – und dann alles anlallen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Die einschlägige Hoffnung: einen netten Menschen kennen zu lernen.

Sind Tinder-Liebhaber Bekanntschaften zweiter Klasse?

Hört sich irgendwie auch komisch an, oder? Ist es auch. Dennoch erlauben sich die Analogen-Dating-Menschen über Tinder-Bekanntschaften herzuziehen als seien sie Bekanntschaften zweiter Klasse. Ist das Neid, weil es heute so einfach wie nie zuvor ist einen potenziellen Partner, auch wenn es nur für eine Nacht ist, kennen zu lernen? Oder Verachtung für das vermeintlich oberflächlichere Online-Dating, das den analogen Prozess auf den Kopf stellt?

Oberflächlich bleibt oberflächlich

Liebe Langzeitpaare – das Kennenlernen in einer schummrigen Bar oder im erweiterten Freundeskreis ist auch nicht weniger oberflächlich. Natürlich entscheidet stets die Optik, Gestik und der Geruch des Gegenübers, ob da mehr geht oder nicht. Tinder zeigt uns nur die Quintessenz des im Unterbewusstseins ablaufenden Bewertungsverfahren – und das basiert zunächst eben nur auf dem Erscheinungsbild. Das „Abchecken“ dauert auch beim offline-Kennenlernen nicht länger als ein paar Sekunden.liebe

Aber Online-Dating tötet den ersten Moment, oder?

Dieses ganze Online-Dating nimmt einem den romantischen ersten Moment, höre ich jetzt eine gute Freundin sagen. Dieses heimliche Anschauen. Das verlegene Wegblicken, wenn man beim Anstarren erwischt wurde. Nur um dann vielleicht – vielleicht – mal irgendwann sagen zu können, „du bist mir sofort aufgefallen“.

Natürlich nur, wenn man sich vorher traut, den ersten Schritt zu machen. Klar. Fakt ist aber in den meisten Fällen, dass man nicht weiß, ob die gerade gesichtete Schönheit nicht schon vergeben ist? Ob sie oder er vielleicht die AfD wählt und Trump gut findet? Wobei, letzteres jetzt eh rum ums Eck ist.

Andererseits – würde einem jemand auffallen, der vielleicht nicht auf den ersten Blick gefällt, aber einen Bomben-Charme und einen guten Charakter hat?

Braucht es mehr Mut beim Flirten oder mehr Akzeptanz?

Ist eben so eine Sache mit dem Kennenlernen, egal ob online oder offline. Und klar: an dieser Stelle könnte man jetzt für mehr Mut beim Flirten plädieren oder eben für mehr Akzeptanz gegenüber Online-Dates. Schließlich lernen sich hier zwei Menschen kennen, ob via Internet oder im echten Leben, sollte doch eigentlich egal sein.

 

 


(c) Beitragsbild: Unsplash Clem OnojeghuoBrighton, United Kingdom
Bild im Fließtext: Flickr MikeCC BY 2.0

Ronja Lotz

Aus der Mucbook Chefetage gibt es Kunst und Kultur, aber verständlich!
Ronja Lotz
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