tagebook von Philomena Poetis

Datteln und Wasser

Tagebook Archiv

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Meine Erziehung bezüglich Religion beschreibe ich als konservativ-liberal – Meine Eltern haben uns Werte durch Informationen und Bildung vermittelt, aber durch oftmals hitzige Diskussionen tauschten und tauschen wir uns aus und bilden unsere eigene Meinung. Mein Vater ist griechisch-orthodox, meine Mutter evangelisch und aufgewachsen bin ich im katholischen Bayern. Auf Zypern habe ich als

kleines Mädchen schon die Osterkerze in fünfstündigen Ostermessen halten „dürfen“, mitten in der Pubertät wurde ich auf eigenen Wunsch hin konfirmiert und musikalisch habe ich über die Jahre Messen und Hochzeiten jeglicher Religion und Kultur begleitet. Ich würde mich als Christin bezeichnen, obwohl ich nur unregelmäßig an hohen Feiertagen die Kirche besuche, aber ich glaube (An was genau ist unwichtig und nicht wirklich relevant). Hinzu kommt, dass ich seit Jahren mit und für Pakistanis in Deutschland arbeite und somit viel über ihre Kultur und ihre muslimische Religion kennen und schätzen lernen konnte.

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Ich bin aufgeregt, denn in diesem heiligen Ramadan, der in die Zeit vom 18. Juni bis 16. Juli 2015 fällt, bin ich von meinen neu-gewonnenen Freunden zu meinem ersten Iftar, dem Fastenbrechen, in die Moschee des Münchner Forum für Islam eingeladen.

Durch meinen pakistanischen Kollegen und seine muslimische Familie habe ich erlebt, dass das Fasten im Monat Ramadan zu den fünf Säulen des Islams gehört und als Gottesdienst eines gläubigen Muslims gesehen wird. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang verzichtet der Gläubige alljährlich an 29 bzw. 30 aufeinander folgenden Tagen auf Nahrung und Wasser – wie es einst der Prophet Muhammad tat – um sich auf seinen Glauben zu besinnen. Es geht jedoch auch um eine innere Dimension, eine gedankliche Reinigung in dieser Zeit, da Lügen vermieden und Beschuldigungen nicht ausgesprochen bzw. gedacht werden sollen. Der Ramadan steht für die Loslösung von weltlichen Dingen und schlechten Gedanken und für die Besinnung auf das Wesentliche und somit die Möglichkeit mit offenerem Herzen und offeneren Augen unter Allah durchs Leben zu gehen. So sind die Grundprinzipien des Ramadan dem Fasten in anderen Religionen gar nicht so fremd.

Zur Vorbereitung auf mein erstes Iftar lese ich neben Ramadan-Artikeln, die in diesem Jahr zahlreich in allen Medien erscheinen, entsprechende Suren aus dem Koran und bitte pakistanische Frauen um Rat, wie ich mich richtig verhalte.

Es gelobt der Respekt, sich passend anzuziehen und meine Haare bedecke ich mit einem Schleier, den meine Mutter auf ihrer letzten Reise durch Pakistan geschenkt bekommen hat.

Vor der Moschee warte ich auf meine Freundin, Studierende der evangelischen Theologie und christlichen Glaubens, die den diesjährigen Ramadan ebenfalls praktiziert, um sich der muslimischen Religion zu öffnen und diese verstehen zu lernen – ich bin schwer beeindruckt.

In der Moschee herrscht, bereits zwei Stunden vor Sonnenuntergang, geschäftiges Treiben. Tafeln werden gedeckt, Datteln auf die Tische verteilt und ein üppiges Buffet vorbereitet. Alle sind herzlich und begrüßen uns freundlich. Ich halte mich zurück, aber als ich unseren muslimischen Freund in der Menge entdecke, breite ich die Arme weit aus, um ihn herzlich zu begrüßen. Geschickt weicht er meiner Umarmung aus und bietet mir mit einem entschuldigenden Lächeln ein „High-Five“ an – Stimmt, kein Körperkontakt! Schön, dass ich trotz aller Vorbereitung geschickt das größte aller Fettnäpfchen erwischt habe!

Von diesem peinlichen Moment an geht’s glücklicherweise wieder bergauf. Wir unterhalten uns angeregt mit Mitgliedern der Gemeinde und es stellen sich islamische Vereine vor. Neben unseren Poetry-Freunden von I,Slam, stattet NourEnergy Moscheen mit erneuerbaren Energiequellen aus und dialogRAUM besucht sämtliche Moschee im München und Umgebung, um den Dialog der muslimischen Gemeinden untereinander zu fördern. Die Organisation ZahnräderX bietet talentierten Muslimen finanzielle Hilfe und eine Plattform, auf der sie ihre Projekte entwickeln können; Islamische Heiratsevents hingegen übernehmen die Funktion einer Dating-Plattform für Muslime, die die Absicht haben zu heiraten. Es dreht sich halt doch auch immer um die Liebe…

Fasziniert bin ich von einer App, die den Gläubigen genau sagt, um wie viel Uhr an welchem Tag die Sonne in ihrer Stadt untergeht und das Fasten gebrochen werden kann. Nach dem Bittgebet um 21:18 Uhr darf jeder der 150 Gäste eine Dattel essen und Wasser trinken. Ich beobachte, wie – trotz des längsten Tages des Jahres – jeder vorsichtig und andächtig in die Frucht beißt; Schlingen gibt’s hier nicht.

Im gemeinsamen Gebet mit den Frauen erlebe ich, welch positive Schwingungen die rezitierten Suren haben. Ich verstehe nichts, jedoch kann ich Klänge bewerten, und diese heute, empfinde ich als wohltuend.

Ich denke über den wichtigen Aspekt der Barmherzigkeit gegenüber Bedürftigen im Ramadan nach: So muss jeder Muslim seine Zakat-Abgabe ausrechnen und im heiligen Monat an Bedürftige übergeben. Mein pakistanischer Kollege hatte mir mal erklärt, dass er 2.5 % seines jährlichen Ersparten ausrechnet und an arme Bewohner seines Dorfes in Pakistan überweist. Bei Frauen ist es üblich, dass sie ihren Goldschmuck, den sie meist zur Hochzeit von Familienmitgliedern geschenkt bekommen, wiegen und 2.5% dieses Wertes monetär an Bedürftige weitergeben. Und eben habe ich im Gemeindesaal erfahren, dass Mitglieder dieser multi-enthnischen Moschee Freunde in Syrien mit Geld unterstützen.

So geht es im Ramadan nicht nur um einen selbst und die persönliche Reise zu Gott, sondern auch um Gemeinschaft, Familie und Freunde und das Zusammensein, das durch das Zakat aber auch, nach Sonnenuntergang, durch das gemeinsame Fastenbrechen, Gebete und das anschließende Abendmahl gefeiert wird.

Das Buffet nach dem Abendgebet ist ein Festmahl; jeder hat eine Spezialität gekocht oder angerichtet und die Tische biegen sich unter der Last der gut duftenden Gerichte; vom frischen Salat mit Minze und Granatapfel bis zum Kichererbsen-Curry mit Couscous und gefüllten Paprika in Tomatensauce mit mir unbekannten Gewürzen. Noch bis in die Morgenstunden sitzen wir zusammen und feiern – die Köstlichkeiten genießend – wohl eine der größten Lehren jeden Glaubens und jeder Religion – die des friedlichen und glücklichen Beisammenseins.

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Weitere Infos und Fotos findet ihr hier.

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