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Der ewige Widerspruch: Rechte Bands im „linken“ Backstage

Benjamin Brown

Und irgendwie lande ich dann doch immer wieder in München…
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Benjamin Brown

Um das Backstage ist es laut geworden. Mal wieder. Nach einem offenen Brief des „Linken Bündnisses gegen Antisemitismus München“ sagte das Backstage den Auftritt der polnischen Bands Mgła und Deus Mortem ab. Das Bündnis hatte öffentlich darauf aufmerksam gemacht, dass Musiker der Vorband Deus Mortem in der Band Infernal War spielen, die in Interviews und ihren Veröffentlichungen offen antisemitisch aufgetreten waren. Zudem vertreibe das Label von Mgła auch NSBM (National Socialist Black Metal, eine Neonazi-Strömung im Black Metal) -Bands.

Solche Debatten sind nicht neu. Seit über zehn Jahren kommt es regelmäßig zu Diskussionen darüber, welchen Bands das Backstage eine Bühne bietet. Mal geht es um homophobe Bands, mal Bands mit sexistischen Inhalten und immer wieder um rassistische und antisemitische Musiker*innen. Zu Konzertabsagen kommt es hingegen selten. Nach dem Aufschrei gegen das Konzert von Mgła und Deus Mortem sah sich das Backstage gezwungen, das Konzert abzusagen. Stattdessen wurde kurzfristig ein „Bash Against Antisemitism“ organisiert, bei dem Münchner Künstler*innen auftreten und ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen durften.

Lob und Kritik für das Backstage

Das Backstage hat daraufhin medial und auf politischer Ebene viel Lob erhalten. So hat beispielsweise der Bayerische Antisemitismus-Beauftragte Ludwig Spaenle (CSU) das Backstage für das deutliche Zeichen gegen Antisemitismus gelobt, das mit Blick auf den finanziellen Verlust des Backstages an jenem Abend umso lobenswerter sei.

Schöne, heile Welt also? Könnte man meinen. Mit einem Twitter-Thread hat der Journalist Robert Andreasch, der die rechte Szene dokumentiert und für den Bayerischen Rundfunk als Experte zum Thema aufgetreten ist, die Debatte um rechte Bands im Backstage nämlich neu entfacht.

Das Backstage habe keine Anerkennung für die „unter Druck“ erfolgte Entscheidung verdient, das Konzert abzusagen. Zudem sei eine antifaschistische Einstellung nicht glaubwürdig, wenn Bands wie Taake nur Tage zuvor aufgetreten waren. Der Sänger der norwegischen Band Taake war 2007 in Essen mit einem aufgemalten Hakenkreuz auf der Brust aufgetreten. In einem Facebook-Post zu dem Vorfall hatte er den Essener Clubbetreiber als „Untermenschen“ bezeichnet.

Kampf gegen Rechts oder Bühne für Rechtsextreme?

Und so war sie wieder da. Die Debatte um das Backstage als Club, der rechts(-radikalen) Bands eine Bühne bietet, sich gleichzeitig aber in der Öffentlichkeit als eifriger Partner im Kampf gegen rechtes Gedankengut präsentiert. Robert Andreasch erzählt im Interview mit MUCBOOK, dass das Backstage seit Jahrzehnten „der Ort“ für rechte Bands in München sei. Das Verhalten des Clubs würde stark von den verbalen Stellungnahmen und Bekenntnissen zu Antirassismus und gegen Antisemitismus abweichen. Er halte es für „besonders gefährlich“, dass sich der Club ein „alternatives Mäntelchen“ umhänge, da er somit rechte Bands normalisiere. Dass sich das Backstage – und allen voran der Gründer und Geschäftsführer Hans-Georg Stocker – mit solchen Vorwürfen konfrontiert sehen, sei für Andreasch eine Folge daraus: „Wer den Anspruch des Antifaschistisch-Seins vor sich herträgt, müsse sich daran auch messen lassen“.

Backstage-Chef Stocker ist im Interview mit MUCBOOK redefreudig, es wird deutlich, dass hier einen spricht, dem es wichtig ist, nicht als rechts zu gelten oder denen eine Bühne zu bieten, die es sind. Er ist wütend über die Vorwürfe, er biete Nazis eine Platform – noch dazu aus finanziellen Gründen. Als müsse er sein Engagement gegen Rechts unter Beweis stellen, erzählt er Anekdoten: Aus seiner Jugend, in der er mit 14 Jahren von Nazis verprügelt wurde. Und aus seinem Leben als Clubbetreiber, in dem ein klares Bekenntnis gegen Rechts immer höchste Priorität genießen würde.

Prüfung von Bands nicht möglich – und nicht gewollt

Im Gespräch mit Stocker wird klar: Das ist nicht so dahergesagt, der Mann meint das ernst. Nur: Reicht das? Reicht es, Engagement gegen Rechte zu betonen und tatsächlich dahinter zu stehen, wenn letztendlich aber doch Antisemiten auf seinen Bühnen spielen? Ist er ein tragischer Held – das Herz am linken Fleck, aber gefangen in den Zwängen des echten Lebens, in der er beteuert, seine Bands gar nicht überprüfen zu können – geschweige denn zu wollen? „Ich frage mich, ob man Bands Stasi-mäßig überwachen sollte, vor allem weil das, was im Internet steht, nicht immer wahr ist“, sagt Stocker. Ohnehin sei es für einen Club seiner Größe letztlich unmöglich, im Vorhinein alle Künstler*innen zu überprüfen, zudem insbesondere bei Vorbands häufig unklar sei, wer denn wirklich auftreten würde – die Hauptband oder das jeweilige Label würde dies meist selbstständig und ohne Rücksprache mit dem Backstage organisieren.

Stocker appelliert stattdessen an „aufmerksame Konzertgäste“. Man solle ihn – „direkt und nicht wie immer nur öffentlichkeitswirksam online“ – auf mögliche Vorwürfe hinweisen. Im Backstage würde man das dann prüfen. Man sei sehr dankbar, dass ein „Metal-Fan“ in Zukunft ehrenamtlich bei der Bewertung der Bands mithelfen wolle.

Programm zeigt: Weiterhin Bühne für Rechts

Robert Andreasch hat für die Linie des Backstage kein Verständnis: „Als Veranstalter trägt Hans-Georg Stocker die Verantwortung für die Bands, die bei ihm spielen. Nach jedem Vorwurf erneut ‚Die hätten mich warnen können‘ zu schreien, ist eine Frechheit“. Es sei die Aufgabe eines kommerziell-betriebenen Ladens, sein eigenes Booking zu überprüfen – nicht aber von Privatpersonen oder Gruppen wie dem „Linken Bündnis gegen Antisemitismus“. Wenn Vorwürfe dann doch wieder hochschwappen, würde Stocker Kritiker*innen diffamieren und sich über die Meinung von Expert*innen hinwegsetzen und diesen vorwerfen, sie würden sich nicht auskennen.

Stocker hingegen spricht von Missverständnissen: Bands seien aufgrund einzelner vermeintlicher Vorfälle schnell in eine bestimmte Ecke gestellt, die ihnen fern sei. Bands wie Frei.Wild seien „definitiv nicht links“, aber „auch nicht rechts“. Ohnehin würde laut Stocker viel zu schnell gefordert, Konzerte abzusagen. „Das häuft sich enorm. Mal sind es Walschützer, die Bands von den Färöern behindern wollen, mal werden Bands, die ganz klar gegen rechts sind, als Nazis beschimpft“, so Stocker. Er sieht bei „Bands, die rechtsoffen sind“, eine klare Grenze, bei der er Bands ausladen würde.

Ein Blick in das Programm des Backstage zeigt diese widersprüchliche Position einmal mehr auf: Am 3. Juli spielt mit Phil Anselmo ein Musiker im Backstage, der 2016 bei einem Konzert auf der Bühne den Hitlergruß zeigte und „White Power“ rief.

„Ich möchte Herrn Stocker nicht unterstellen, dass er nicht gegen Rechts ist. Ich weiß auch nicht, ob er sich wirklich im Klaren ist, wie Rechtsextremismus sich in der Realität äußert und wie man das erkennt“, fasst Andreasch seine Position zum Backstage zusammen. „Egal wie es ist: sein Bekenntnis, gegen Nazis zu sein, passt nicht mit dem Verhalten des Clubs zusammen. Dieser Widerspruch muss aufgelöst werden.“


Beitragsbild: © Ed Schipul (CC BY-SA 2.0 )

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