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Der schlafende Riese an der Stammstrecke: Was passiert mit der Paketposthalle?

Seit letzten Sommer ist Gewissheit, was länger schon vermutet wurde: die Deutsche Post AG wird aus der alten Paketposthalle im Laufe der nächsten Jahre ausziehen. Käufer des Areals zwischen Arnulfstraße und Backstage-Konzerthalle ist die Unternehmensgruppe Büschl, einer der bekanntesten Bauherren aus dem Raum München.

Was an dieser Stelle passieren wird, dürfte wohl DAS Münchner Großbauprojekt der nächsten Jahre werden. Mehr als eine Randnotiz ist auch die Verpflichtung des weltweit renommierten Basler Architekturbüros Herzog & De Meuron durch den Bauherren. Diese zeichnen etwa für die Planung der Fünf Höfe und der Allianz Arena in München und des Tate Modern-Museums in London verantwortlich. Um gleich beim Fussball zu bleiben: mit seinen 19.000 qm Fläche ist die Posthalle in etwa so groß wie ganze vier Fussballfelder nach DFB-Norm. Das ist jede Menge Raum, der kreativ genutzt werden kann und auch soll, wenn es nach dem Bauherren und den Stararchitekten geht.

Gestern hat dazu die Büschl Unternehmensgruppe im Backstage eine erste Diskussionsrunde mit allen beteiligten Parteien angestoßen. Auch anwesend war je ein Vertreter des Referats für Stadtplanung und Bauordnung, des Bezirksausschusses Neuhausen-Nymphenburg und Robert Hösl vom Architekturbüro Herzog & De Meuron. Die Bürger im Publikum konnten sich anschließend zu Wort melden mit Anregungen und Fragen.

Erste öffentliche Runde mit Bauherr, Architekt und Verwaltung

Diese stellten sich gestern in öffentlicher Runde allen Interessierten vor, passenderweise direkt in der Konzerthalle des Backstage, die zukünftig direkter Nachbar sein wird.

Was alle Beteiligten beteuerten: dass das insgesamt 8,5 Hektar große Areal keiner „Monostruktur“ überführt werden soll, also nicht NUR Wohnraum oder NUR Gewerbe sein wird. Klar, Wohnungen wird es wohl einige geben. Darüber hinaus wurde gestern aber vieles angedacht und angesprochen. Wohlgemerkt sind die Planungen, so man denn den Äußerungen der Entscheider trauen darf, noch keinesfalls in feste Bahnen gelenkt. Noch darf laut gedacht werden, wie es gestern eben auch getan wurde.

Ein paar abgefahrene Vorschläge aus dem Plenum: Bahnhof für Flugtaxis, (Extrem-)Sporthalle, High-Tech-Zentrum. Wenn es nach dem Bauherren geht, soll es wohl eine Mixtur aus Kultur- und Lebensraum sein, ein urbaner Stadtkern mitten um die Paketposthalle.

Eine ganz besondere Halle

Zunächst gilt es aber, einen neuen Bebauungsplan aufzustellen, beziehungsweise den bestehenden Bebauungsplan abzuändern, falls man große Sprünge wagen will. „Der bisherige Bebauungsplan ist ein limitierende Faktor“ heißt es da seitens des Planungsreferats. Der ist von 2007 und sah damals noch vor, dass die Post dauerhaft mit der dafür vorgesehenen Nutzung bestehen bleibt. Nun muss höchstwahrscheinlich ein neuer her, damit die Planungsvorhaben des Bauherren, sobald sie sich konkretisiert haben, umgesetzt werden können.

Auch der Denkmalschutz der Halle an sich ist zu beachten. Mit ihrer geschwungenen Architektur ist das ehemalige Paketzentrum sehr markant: die größte freitragende Betonfertigteilhalle der Welt war sie seinerzeit, als sie zwischen 1965 und 1969 gebaut wurde. Einen Teilnehmer aus dem Publikum erinnert sie glatt an ein wildes Tier, so schwungvoll, gebogen und unklobig, wie sie sich präsentiert. Die jüngsten Neubauten in dem Gebiet an der Friedenheimer Brücke konterkarieren diesen Eindruck: sie zeigen sich schlicht, modern und quadratisch, funktional eben.

Der Hausherr meldet sich zu Wort

In die Runde kommt etwas Schwung, als sich Backstage-Betreiber Hans-Georg Stocker bei der Fragerunde zu Wort meldet, was er als Hausherr an diesem Abend eigentlich nicht tun wollte, wie er beteuert. Er hat Sorge, dass nach anfänglichen und vollmundigen Bekenntnissen zur Offenheit doch wieder eine verkorkste Konsens-Lösung oder ein langweiliger Mix zustande kommt. Nix halbes und nix Ganzes quasi. Das Backstage muss ja ohnehin immer wieder um seine Existenz bangen, denn auch die zweite Stammstrecke wird dem Kulturort gefährlich nahe rücken.

Wie die Umgestaltung des Posthallen-Areals sich auf den Backstage-Betrieb auswirkt, ist noch offen. Stocker hofft auf eine große Vision. Als Beispiel nennt er den misslungenen „Gasteig-Wahnsinn“, der ein „finanzielles Desaster“ werden wird und macht prompt den Vorschlag, die Konzerthalle stattdessen in der Posthalle komplett neu zu planen. Das würde sich auch mit dem Backstage als subkultureller Location perfekt ergänzen und sei „noch nicht zu spät“. Ein paar Stadträte hat er offenbar im Publikum entdeckt und adressiert diese. Eine anwesende Anwohnerin hat eine weitere Ad-hoc-Lösung für die momentane Situation parat: „Backstage weg und dann kommt des andere her!“ Applaus auf den Sitzen neben ihr – hier wurden wohl die privaten Konflikte mit in den Abend getragen.

Subkultur ist nicht planbar

Konsens scheint dagegen darüber zu herrschen, dass man Subkultur ja nicht planen könne, falls man darauf abziele. Sie passiert einfach und das mache letztlich auch diese Art der Urbanität aus, die als solche oft dort am besten funktioniert, wo sie wildwüchsig entsteht. Ein zweites Werksviertel braucht es also vielleicht nicht, sofern das denn überhaupt im Interesse der Bauherren liegt. Der lässt aber schon auch die Worte „Kunst“ und „Kultur“ fallen. Die Anregung „bezahlbares Wohnen“ kommt dagegen aus Reihen des Publikums. Büschl wünscht sich dies insbesondere für Berufsgruppen, die der Allgemeinheit dienen und sich selbst bald keine Wohnung in der Innenstadt mehr bezahlen können: Krankenschwestern, Polizisten und Feuerwehrmänner.

Der Basler Architekt Robert Hösl sprach in einer kurzen Präsentation viel über die bedeutenden Projekte seines Büros aus der Vergangenheit (s.o.) und das Büro an sich. Das spricht für die These, dass die Planungen für das neue Projekt wohl tatsächlich noch nicht allzu weit voran geschritten sind.

Der Auftakt für die Planungen ist nun gemacht und es wurde vom Publikum logischerweise sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass die Öffentlichkeit von Anfang an Anteil daran nehmen kann. Weitere Veranstaltungen mit Bürgerbeteiligung in diesem Format sollen folgen.


Beitragsbild: © AHert/Wikipedia (via CC BY-SA 3.0)

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