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Die Liebe in Zeiten ihrer unbegrenzten Besprechbarkeit

Philipp Bovermann

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Ein Theaterstück: Männlein und Weiblein. Die Liebe. Mal wieder. – Was wie der Auftakt zu einer vernichtenden Kritik klingt, ist das eigentliche Leitmotiv von „Die Liebe in Zeiten ihrer unbegrenzten Besprechbarkeit“, an dem sich die Jung-Regisseurin Lina Hölscher derzeit versucht. Am Samstag und Sonntag, 12. und 13. März, wird es auf der Studiobühne der LMU zu sehen sein. mucbook hat sich das Stück vorab bei einer Probe angeschaut.

Es ist zumindest keine ganz neue Erkenntnis, dass alles schon einmal ausgesprochen und ausprobiert worden ist, wo es um die ganz großen Dinge geht: Die Gefühle zwischen zwei Menschen, das Leben und seine Abgründe, das Theater. Die Bewegung hat längst aufgehört; eingeschmolzen zum Ideal verzweifelter Sinnlichkeit hängt er da: Paul, das Model, „Modell Paul, 120 Euro“, Waschbrettbauch, zum Boden gewandter Blick. „Er schweigt“, sagt sie. Ansonsten wird im Stück wenig geschwiegen. Denn wenn es eigentlich nichts mehr zu sagen gibt, wird es ja gerade erst interessant. Er zitiert Romeo und Julia. „Einzelne Textpassagen gehen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf.“ Das kann sie verstehen, schließlich versucht sie sich als Schauspielerin. Vergeblich, wie wir später erfahren; doch noch sind die Masken nicht gefallen.

Die beiden kommen sich per Telefonsex näher. Immer wieder fallen sie aus ihren Rollen, durchbrechen sie manchmal bewusst, manchmal weil sie nicht anders können. Sie haben Angst; der muskulöse Götze hängt wie ein Damoklesschwert über der Szene. In den Hörer zu stöhnen ist ihr Brotberuf, er sitzt als Laie auf ihrem Sofa und will es gern einmal versuchen. Warum sie das mit dem Telefonsex mache, fragt er. Wo sie doch eigentlich Reclam auswendig lernt und eine durch und durch echte Rolle spielen will, die ihres Lebens nämlich. „Weil man dem Mann nur erzählen muss, dass man ihm einen bläst.“ Hinter vorgehaltener Hand, einem imaginären Telefonhörer, findet plötzlich ein Gespräch statt. Menschliche Berührung in einer Welt orgiastischer Floskeln und Körperplastik. Die Flucht nach vorne in einen artifiziellen Raum perfekter Sexualität. Da können sie reden. „Weiter im Text?“, fragt sie; während er, befreit vom Zwang zu trügerischer Ehrlichkeit, allen Honig aufbietet, den er irgendwo aufgeschnappt hat. Dennoch: Er meint es auch so. Er tut sein Bestes. Menschlichkeit gerät zur Performance – und umgekehrt: Das ist die eben doch noch mögliche Erleichterung.

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Es entspinnt sich ein liebesrhetorischer Tanz, der die Grenzen zwischen Maske und Mensch durcheinander wirbelt; bis es ihnen (beinahe) zu viel wird. Hinter den Worten lauert grauenhafte Versagensangst, Leere, Zweifel, Leidenschaft. „Schluss mit der Schauspielerei!“ – „Scheiß auf die Kunst!“ Wenn es nur so einfach wäre. Sie wollen ihre Klamotten lieber anbehalten, da sind sie sich einig. Die Atmosphäre verdichtet sich; Klaustrophobie im eigenen Kostüm. „Wie geht es weiter?“ „Du kennst doch das Stück: Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.“ Und das tut sie auch. Aus dem menschlichen Trümmerhaufen erhebt sich zuletzt etwas, an das Worte nicht mehr hinreichen. Romeo hat das ganze Gift ausgetrunken und Julia nicht einen letzten Tropfen übrig gelassen. Vielleicht hängt ja an seinen Lippen noch etwas. „Für uns wird es nicht der letzte Kuss sein, sondern der erste.“

Nähere Informationen? http://www.theaterwissenschaft.uni-muenchen.de/forschung_und_praxis/studiobuehne_twm/sommerspiele11/liebezeitunbegrbes/index.html

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