Leben

Die Mode zum DIY-Lebensgefühl

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Foto: scissabob / ragtreasure

Foto: scissabob / ragtreasure

Körperkult, Jugendwahn, Design-Diktatur. „Nicht mit uns“, sagt eine Bewegung aus dem Münchner Design-Untergrund. Ein Atelierbesuch bei Stephanie Müller.

Stephanie Müller sagt mit ihrem Modelabel rag*treasure der Massenindustrie den Kampf an. Unter dem Pseudonym Ragarella näht sie Pullover aus alten Abdeckplanen, Mützen aus kaputten Kassettenbändern, Hochzeitskleider aus Flugzeugdeckchen.

Nichts an den Stoffen erinnert noch an deren ursprüngliche Funktion, nachdem Ragarella sie mit ihrer Nähmaschine in extravagante Unikate verwandelt hat. Möglichst ausrangierte Sachen sollen es sein, Sachen, die andere Menschen nicht mehr brauchen, die sie wegwerfen und liegen lassen. Die Künstlerin mit den wilden roten Haaren entreißt die Dinge ihrem Kontext und gibt ihnen eine neue Bedeutung. Das Befreiungsprojekt begann vor fünf Jahren, als Stephanie für sich und ihre Freunde einfach eigene Klamotten nähte. Sie hatte keine Lust mehr auf den uniformierten Einheitsbrei der Massenindustrie. Ideen für Gegenentwürfe hat sie genug. Die kommen ihr nämlich andauernd: Bei Gesprächen mit Freunden, in der U-Bahn, durch Bücher, Magazine und Musik. Kurzum, ganz egal, was Stephanie Müller gerade umtreibt, die junge Designerin arbeitet es in Textiles um. Kleidung, die etwas zu sagen hat und nicht nur schlapp an einem herunterhängt.
Eine Schneider- oder Designausbildung hat Ragarella übrigens nicht. Ihre Nähte sind schief und krumm, die Materialien in mehreren Schichten kreuz und quer übereinander getackert. Das stört aber nicht weiter, sondern lässt der Kreativität erst recht freien Lauf. Stephanies Motto: „Immer alles ausprobieren.“ So viel Mut und Eigeninitiative muss freilich belohnt werden, und so konnte sie mit ihrem Label schon einige große Erfolge feiern. 2005 gewann sie zum Beispiel den Zuschauerpreis des Baltic Fashion Awards. Außerdem durfte sie ihre Kreationen schon auf Laufstegen in London und Monaco präsentieren. Doch am meisten bewegt Stephanie im heimatlichen München. Als Teil des Organisationsteams im Kafe Kult veranstaltet sie regelmäßig alle möglichen Aktionen und Happenings.

Für Stephi gehört alles zusammen: Musik, Kunst, Mode. Es verschwimmt alles zu einem großen DIY-Lebensgefühl. Allerdings nicht das verstaubte Do-it-yourself-Konzept aus dem Baumarkt, sondern eher im Sinne der Punk-Szene aus den 70er-Jahren: Nicht nur konsumieren, sondern selbst etwas auf die Beine stellen ist das Motto. Da gibt es radikale Nähaktionen bei Punk-Konzerten, Musik auf verstärkten Näh- und Schreibmaschinen, Modenschauen im Freien, Sprühaktionen, und, und, und. Hauptsache selber die Initiative ergreifen. So ermutigt Stephanie andere aktiv zu werden. Angst, ihre Kunden zu verlieren, hat sie nicht. „Ich freue mich, wenn andere Menschen inspiriert werden.“ Klamotten ohne Kommerz? Und da ist ihre Mode aus Recycling-Stoffen auch ganz schnell Kapitalismuskritik.

Ein Selbermach-Modetipp „Winter-Schlafsackvermantelung“ von Stephanie Müller gibt es hier.

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