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SUMMARY:Spielart Theater Festival @ München
DESCRIPTION:Am Anfang unserer Recherche stand der Wunsch\, weitaus stärker als in den vergangenen Jahren über den eigenen „Tellerrand“ hinauszuschauen. Mit einer Mischung aus Neugier\, dem Versuch selbstkritischer Befragung der eigenen Perspektiven und mit Hilfe kuratorischer Beratung vor Ort haben wir uns vor allem zwei unterschiedlichen Regionen verschiedenen Zuschnitts genähert: Süd- und Ostasien sowie Südafrika. Hier ein riesiger Kontinent\, mit höchst diverser Geschichte\, Kultur und Religion\, der auch in der Gegenwart nicht auf einen Nenner zu bringen ist. Dort eine Region\, die auf dem Weg der Europäer nach Asien als Zwischenstation besiedelt wurde und während der Apartheid (1948-1994) als Inbegriff für Unrecht stand. Hatte Nelson Mandela seinerzeit die „Regenbogennation“ ausgerufen und eine Wahrheitskommission zur Aufarbeitung der Vergangenheit eingesetzt\, erweist sich nun gut zwanzig Jahre später\, dass man Versöhnung nicht von oben herab verordnen kann und sie ohne Bekämpfung der noch aus der Apartheid stammenden gravierenden sozialen Ungerechtigkeit nicht zu haben ist. \nOb „daheim“ oder „in der Welt“: Die Theaterszene erscheint uns weiterhin hochgradig politisiert – wenig überraschend angesichts der jüngsten globalen Entwicklungen. Ging es allerdings in den letzten Jahren vor allem darum\, in Konfrontation zu einer als untätig empfundenen Politik klare\, „artivistische“ Positionen zu beziehen\, haben sich die Vorzeichen nun geändert. Die einfachen – um nicht zu sagen: vereinfachenden – Aussagen eines neuen Politikertypus’ sind nicht mehr zu übertreffen. Als Reaktion darauf findet das Theater zu Reflexion und Komplexität zurück. \nDamit einhergeht die Auseinandersetzung mit Geschichte und Traditionen. Nicht als Mittel der Selbstvergewisserung\, sondern\, im Gegenteil\, mit dem Wunsch zu verstehen: Wie sind die historischen Narrationen entstanden\, die schlussendlich zu der derzeitigen ungerechten Weltordnung führten? Hansol Yoon thematisiert den hierzulande weiterhin fast unbekannten Koreakrieg\, Ho Tzu Nyen hinterfragt die „Gründung“ Singapurs und Sethembile Msezane beschäftigt sich mit der 1955 verfassten Freedom Charter\, einem der wichtigsten Dokumente der Anti-Apartheid-Bewegung. Mark Teh aus Kuala Lumpur macht den 1991 von der Malaysischen Regierung erstmals vorgestellten Entwicklungsplan für einen hochindustrialisierten autarken Nationalstaat zum Thema. Andere Künstler dagegen – Hasan und Husain Essop\, Sankar Venkateswaran\, Sethembile Msezane in ihrer zweiten bei SPIELART gezeigten Arbeit EXCERPTS FROM THE PAST – greifen auf präkoloniale und indigene Traditionen zurück\, um sie gegen die westliche Hegemonie in Stellung zu bringen. Gleichzeitig zeigen aber Arbeiten wie Neo Muyangas TSOHLE – A REVOLTING MASS\, anhand des Liedguts europäischer Missionare und der Revolutionssongs des ANC\, dass die Grenze zwischen „denen“ und „uns“ oft gar nicht zu ziehen ist.Die Kolonialzeit wirkt vielerorts in politischen und kulturellen Einschreibungen fort. In DE-APART-HATE kritisiert Mamela Nyamza die ambivalente Rolle der christlichen Kirche. Eisa Jocson und Jaha Koo beschäftigen sich mit der kulturellen Dominanz der USA in ihren Heimatländern Philippinen bzw. Südkorea. Rima Najdi (THINK MUCH. CRY MUCH)\, Suli Kurban\, Alejandro Ahmed\, José Fernando de Azevedo (WHISPERING BODIES)\, Silke Huysmans/Hannes Deheere (MINING STORIES) und Meghna Singh (RUSTING DIAMOND/ARRESTED MOTION) thematisieren in unterschiedlichen Formaten – von partizipativer Choreografie über Audiowalk und Installation bis hin zu Bühnenarbeiten – globale Verstrickungen\, Migration und Flucht. \nDie heutige kapitalistische Weltordnung mit ihren Gewinnern und Verlierern wäre ohne den jahrhundertelangen\, transatlantischen Sklavenhandel nicht denkbar. Die Herabwürdigung des schwarzen Körpers zur Ware\, seine Diskriminierung als „minderwertig“ ist bis heute nicht überwunden. Davon zeugt die Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA genauso wie die Methode des „white human shield“ – weiße Studierende\, die bei den jüngsten Protestmärschen in Südafrika lediglich durch ihre Präsenz in den vorderen Reihen die Übergriffe des Sicherheitspersonals stoppte. Die Arbeiten Nora Chipaumires (PORTRAIT OF MYSELF AS MY FATHER)\, Jaamil Olawale Kosokos (#NEGROPHOBIA) oder Gabrielle Goliaths (ELEGY) zeugen davon. Oliver Zahn sowie Ogutu Muraya ziehen jeweils Verbindungslinien zwischen Sport und Nation-Building-Prozessen. Buhlebezwe Siwani\, Chuma Sopotela und Mamela Nyamza beschäftigen sich mit dem Körper aus feministischer Sicht\, die großartige Performerin Silvia Calderoni der italienischen Gruppe Motus\, zum dritten Mal bei SPIELART zu Gast\, nimmt eine queere Perspektive ein. Zwei Arbeiten beweisen die enorme künstlerische Bandbreite des sogenannten „Inklusionstheaters“: Milo Rau\, einer der erfolgreichsten und kontrovers diskutiertesten deutschsprachigen Regisseure zeigt\, gemeinsam mit Schauspielern des Zürcher Schauspielhauses und dem Theater HORA\, seine Auseinandersetzung mit Pasolini und de Sade. Claire Cunningham dagegen hat ein intimes diskursives Format gewählt\, um Fragen der Disability und der Wahrnehmung zu verhandeln.\nWie Diversität heute organisiert werden kann\, welche Rolle dabei Identitätspolitik spielt\, ob es so etwas wie „globale Werte“ gibt\, soll am zweiten Wochenende unter dem Titel CHASING RAINBOWS in Lectures\, Gesprächsrunden und Performances diskutiert werden. Dies alles vor dem Hintergrund einer Welt\, in der in erschreckendem Ausmaß Grenzen – reale\, intellektuelle und emotionale – hochgezogen werden\, in der es mittlerweile möglich ist\, ganz offen die eigene Nation an erste Stelle zu setzen. Die polnische Regisseurin Marta Górnicka verdichtet diese aggressiven Stimmen in ihrer Chor-Arbeit HYMNE AN DIE LIEBE. \nJenseits der hier skizzierten dramaturgischen Linien findet sich Vielfalt aber auch im SPIELART Programm: So verbindet Tianzhuo Chen in AN ATYPICAL BRAIN DAMAGE bildende Kunst mit Pop- und Club-Culture und Louis Vanhaverbeke feiert in MULTIVERSE das Spielen an sich.
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