Bavaria
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#HerStory! Erfahre mehr über das Leben vergessener Münchnerinnen

Die Bavaria. Eine meiner Lieblingsbegleiterinnen für das abendliche Bier im Sommer. Vor ihren Füßen sitze ich und genieße den Blick über eine oktoberfestbefreite Theresienwiese. Ihre kämpferisch-patriotische Geste? Erweckt in mir ein leichtes Unbehagen, das ich mit kühlem Bier herunterspüle. Ein viel schöneres Gefühl übernimmt: Heimat, hach.. ja, das Westend, München. Bayern. Blauer Himmel, Sonnenuntergang, „Mia san mia“.

Mia? Nicht ganz. Denn hinter Bavarias und meinem Rücken macht sich die Ruhmeshalle breit. Hier reihen sich 115 Persönlichkeiten aneinander, die sich besonders verdient gemacht haben um die Stadt und das Bundesland, in dem ich lebe. 115 Menschen. Darunter: 4 Frauen. Die erste wurde 1997 (!) aufgenommen. Da hilft nun auch kein Bier mehr.

Wo sind die Frauen, die mir den Weg zu selbstbestimmtem Leben, zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen geebnet haben, wo sind die Architektinnen, die an München mitgebaut haben?

Die Geschichte ist noch lange nicht gegendert

Mein Lieblingsort ist ein Exempel für ein viel tiefergreifendes Problem: Frauen haben meist einen bestimmten Platz in der Geschichte. Sie sind Mütter, Versorgerinnen, Musen, Patroninnen… aber die großen, wichtigen und sichtbaren Taten erfolgen durch Männerhand (zum Beispiel eine Bavaria in Auftrag geben, zum Beispiel eine Bavaria erbauen). Das sagen uns Geschichtsbücher, das sehen wir in Museen und in Form von Denkmälern. Woran’s liegt?

Vor allem daran, dass eigenbestimmtes Handeln von Frauen bis weit ins 20. Jahrhundert eingeschränkt oder unmöglich gemacht wurde. Es liegt aber auch an denen, die Geschichte erzählen. Das sind bis heute vor allem Männer.

„Vergessene Münchnerinnen“

Deshalb treffe ich Adelheid Schmidt-Thomé, denn uns verbindet etwas: Die Historikerin hat ebenfalls ein zwiegespaltenes Verhältnis zu einem ihrer Lieblingsorte. Auf dem Alten Südfriedhof fiel ihr das Grab von Friederike Thoma auf, der Tante des Schriftstellers Ludwig Thoma. Unter ihrem Namen auf dem Grabstein findet sich die Inschrift: „Die unsterbliche Tante Frieda in Ludwig Thoma’s Lausbubengeschichten.“ Die echte Tante Frieda war die Vorlage für eine mäkelige, verbitterte ältere Frau, die fiktive Tante Frieda. Diese Tatsache als Quintessenz ihres Lebens in den Grabstein zu meißeln – das erschien Schmidt-Thomé zynisch. Was steckte tatsächlich hinter dem Leben dieser Frau? Und der vielen anderen, die etwa lediglich als “kgl. bayerische Hofpianofortefabrikantenswittwe” erinnert werden sollten?

Adelheid Schmidt-Thomé begann zu recherchieren. Ergebnis ist ein Buch mit dem Namen „Vergessene Münchnerinnen“ mit 30 „Lebensbildern“.

100 Jahre Frauenwahlrecht: Neuentdeckung der Geschichten von politischen Münchnerinnen

Ich lese über Adelheid Schmidt-Thomés Projekt zufällig auf Facebook und finde die Idee toll. Noch toller ist: Das Revolutionsjubiläum 2018 und der 100-jährige Geburtstags des Frauenwahlrechts 2019 haben neue Aufmerksamkeit auf Frauen als Akteurinnen unserer Geschichte gelenkt. Auch Adelheid Schmidt-Thomé hat das erkannt und ein weiteres Buch, „Sozial bis radikal. Politische Münchnerinnen im Portrait“ veröffentlicht. Darin sammelt sie die Biografien von Frauen, die München durch ihr politisches und gesellschaftliches Engagement verändert haben.

Druckfrisches Werk von Adelheid Schmidt-Thomé. Es beinhaltet die Biografien von 23 Frauen, die sich in den 1910er, 20er und 30er Jahren sozial und politisch in München engagiert haben.

Kein leichtes Unterfangen, denn Quellen sind rar. Viel wurde zerstört in politisch brisanten Zeiten, viel wurde erst gar nicht dokumentiert. „Da sitzt ein Spitzel bei dem USPD-Treffen und protokolliert alles, was gesagt wird und dann steht da: Und dann sprach Sarah Sonja Lerch’ und nichts weiter“, erzählt Schmidt-Thomé aus dem Gespräch mit einer Kollegin.

Die Stimme von Frauen galt als unwichtig. Gerade in Bayern, in dem der mächtige Katholizismus die Rolle der Frauen strikt begrenzte, so Schmidt-Thomé. Dass ihre Stimmen nicht unwichtig waren, zeigt nicht nur Schmidt-Thomé mit ihren Recherchen.

Hier sind sie also, die Frauen, die mein München mitgestaltet haben:

… zu hören: 19.2.2019, 19-21 Uhr, Revolutionärinnen von A bis Z – Fiktives Streitgespräch zwischen Anita Augspurg und Clara Zetkin“ in der Sendlinger Kulturschmiede.

… zu sehen: Filmreihe Frauen in der Revolution und der Kampf um das Frauenwahlrecht | Was ist Demokratie, zum Beispiel am 28. Februar um 19 Uhr im Kino im Einstein.

… zu erlaufen: 9.3.2019, 15 Uhr, Stadtführung von Adelheid Schmidt-Thomé: Revolutionärinnen in der Isarvorstadt (Treffpunkt Bushaltestelle Ehrengutstraße).

Führungen / Lesungen

 

Beitragsbild: Wikimedia Commons

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Das Heft über „Wohnen trotz München“

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