Kultur, Nach(t)kritik

Junges Theater macht Geschichte

Corinna Klimek

Ich reise gerne, gehe oft ins Musiktheater und lese viel. Manchmal kombiniere ich auch alles miteinander. Seit 7 Jahren schreibe ich darüber unter www.nacht-gedanken.de

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Ab heute heißt du Sara © Lioba Schöneck

Wieder einmal zeigte das Junge Theater am Gärtnerplatz, kurz jtg, was man mit Enthusiasmus und viel Talent erreichen kann. Nach fetzigen Musicals wie „Footloose“ und „Honk“, aber auch ernsteren Stücken wie „Mensch, sterblich, sucht..“ legten die 43 jungen Theaterbegeisterten ihr bisher reifstes Stück vor.

„Ab heute heißt Du Sara“ (hier der Vorbericht auf mucbook) erzählt von der Kindheit und Jugend der Jüdin Inge Deutschkron in Deutschland ab 1933. In kurzen, starken Bildern, die sich mit musikalischen Einschüben abwechseln, erfährt der Zuschauer von dem immer stärker werdenden Druck auf die Familie, von Hoffnungslosigkeit, Terror, Duckmäusertum, Manipulation Machtmissbrauch und Tod, aber auch von Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit, Ãœberlebenswille, Schlagfertigkeit und Liebe. Das Bühnenbild und die Kostüme sind ein Musterbeispiel dafür, wie man mit wenigen Mitteln viel erreichen kann. Die verschiebbaren Kästen sind wandelbar und können die ehemalige Wohnung der Deutschkrons genauso symbolisieren wie ein muffiges Kellerloch. Die Projektionen lassen die Zeit lebendig werden und jagten mir so manches Mal einen Schauer über den Rücken. Eine sehr gute Personenführung und interessante Einfälle wie das Herauskegeln von Menschen aus einer Masse mittels einer großen Weltkugel zeichnen die hervorragende Regie von Holger Seitz aus.

Absolut beeindruckend war sowohl die musikalische wie auch die szenische Umsetzung durch das jtg. Die geschickte Platzierung der kleinen Band um den ausgezeichneten musikalischen Leiter Liviu Petcu auf der Hinterbühne erlaubte es, so weit ich das erkennen konnte, ohne elektronische Verstärkung der Sänger zu arbeiten, trotzdem war die Textverständlichkeit sehr gut. Neben schönen Solos gab es einige sehr starke Ensembles, die einfach schön klangen. Alle größeren Rollen waren hervorragend besetzt, besonders begeistert war ich von Mariam Schnieber als Mutter, Vanessa Schäfer als erwachsene Inge und Christoph Vandory als Hans.

Eine Erwähnung verdient auch das kleine, aber feine Programmheft, das nicht nur Interessantes zum Stück präsentiert, sondern auch die Ausführenden selbst zu Wort kommen lässt. Leider, leider gibt es nur noch eine einzige Vorstellung, und zwar am 19.07.2011 um 11 Uhr. Diese Kleinod hätte es verdient, nicht nur am Gärtnerplatz gespielt zu werden.

Foto: Ab heute heißt du Sara © Lioba Schöneck

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