Aktuell, Stadt, Wohnen trotz München

Kündigung nach 8 Jahren: Warum das iRRland im Westend rausgeschmissen wird

Hauptsache wir überlassen uns nicht dem freien Markt – eine Investigativglosse über den Abgang des iRRlands, ein Kunst- und Proberaum, Werkstatt, Gemüseverteilort und vor allem Freiraum im Westend.

Adieu liebes iRRland

Vergangenes Wochenende fand das letzte große Happening im iRRland statt. Unter dem Motto „Finale – die letzten iRRland Kunstfestspiele“, fanden sich zahlreiche KünstlerInnen und BesucherInnen im iRRland ein, um noch einmal ausgiebig die kulturelle Vielfalt zu zelebrieren, die dort in den letzten Jahren entstanden ist.

Denn nach über acht Jahren heißt es nun Exit! Das iRRland muss raus aus seinem Haus im Münchner Westend. Warum dem Kleinod, der Kulturoase, dem Kunst- und Probeausstellungsraum, dem Atelier, dem Hackerspace und vor allem dem Freiraum zum Ende Juni 2019 die Räumlichkeiten gekündigten wurde, wird wohl im Dunkeln bleiben.

Klar ist nur:

Vor eineinhalb Jahren hat die Investorin das Haus in der Bergmannstraße gekauft. Einen Ort wie das iRRland zu erhalten, interessiert sie nicht die Bohne. Da ändert auch das Engagement des örtlichen Bezirksausschusses und Solidaritätsbekundungen von knapp 200 Menschen nichts. Wo die Maxime blinder Verwertung herrscht, hat ein nicht kommerzieller Freiraum wie das iRRland einzupacken.

Da gibt es kein Einlenken, keinen Aufschub, kein Aufeinanderzugehen, geschweige denn eine einvernehmliche Lösung. Erstaunlicherweise wird da noch nicht einmal miteinander geredet. Das zeigt die Dramaturgie der Ereignisse des letzten halben Jahres und die Umstände unter denen wir iRRländerInnen nun die Bergmannstraße verlassen müssen. Denn es ist schon mehr als klischeehaft, wie das Ganze bis jetzt abgelaufen ist.

Mysteriöser Geschäftsführer

Das „department of volxvergnuegen“, als bekanntes Kollektiv hinter dem iRRland, hat vor über acht Jahren begonnen, die Räume in der Bergmannstraße 8 anzumieten. Das Haus gehörte zu dem Zeitpunkt einer Privatperson aus der Münchner Vorstadt. Anfang 2017 wurde das Anwesen verkauft – meistbietend. Über 4 Millionen sollen es gewesen sein.

Die neuen Eigentümer: Die B8 Immobilien GmbH und Co. KG – ein eigenes gegründetes Unternehmen, mit Sitz im Münchner Bogenhausen. Extra für den Kauf des Anwesens, in der Bergmannstraße 8 im Herbst 2016.

Der Geschäftsführer berät seit über 25 Jahren seine KlientInnen in München, unter anderem im Erb-, Immobilien-, Miet- und Baurecht.

Es geht um Belastungen, Veräußerungen, Indexklauseln, Zwangsvollstreckungen und Fragen wie zum Beispiel: „Habe ich Chancen, einen Zeitmietvertrag vorzeitig zu beenden?“.

Gesellschafter der B8 Immobilien GmbH, ist die BLL Real Estate GmbH. Gleicher Firmensitz, gleicher Geschäftsführer. Die BLL Real Estate GmbH tritt als Gesellschafter in über 20 Immobilienfirmen in München auf. Von einigen davon ist der Geschäftsführer derselbe. Ihre Namen sind oft wenig originell: B13, M26, T92, MP22, K60, S23a, Türkenstraße 47, Max-Emanuel…

Klar, es geht ja auch nur ums Geld. Verwaltet werden die Objekte und auch das Haus in der Bergmannstraße 8 von der ADIX Immobilien GmbH. Auch hier: Gleicher Firmensitz und gleicher Geschäftsführer.

Der Anfang vom Ende

Zu Weihnachten 2018 erhalten wir die Kündigung – ohne Angabe von Gründen. Ende Juni 2019 sollen wir raus. Rechtlich gesehen ist alles wasserdicht – Gewerberecht eben. Gezeichnet ist die Kündigung vom Geschäftsführer. Anfang Januar schreiben wir ihm und fragen nach den Gründen der Kündigung – mehrmals. Wir bitten ihn auch um eine Verlängerung: ein paar Monate, bis wir Ersatzräume gefunden haben. Wir erhalten keine Antwort – bis heute nicht.

Vom Chef des benachbartem Elektrobetriebs erfahren wir durch Zufall, dass er ab Sommer unsere Räumlichkeiten anmieten wird. Er freut sich. Das Haus im Hinterhof, wo er bisher sein Lager hatte, müsse er räumen, behauptet er. Den Großteil des zweistöckigen Häuschens im Hinterhof hat er allerdings untervermietet, an einen Musiker. Im Frühjahr wird diesem aus heiterem Himmel sein Untermietvertrag gekündigt. Auch er soll im Sommer seine Wohnung verlassen. Er fällt aus allen Wolken. Er erzählt uns, dass vor kurzem alles noch so klang, als wäre er da die nächsten Jahre sicher. Jetzt soll er schnell seiner eigenen Kündigung per Unterschrift zustimmen – schließlich war man ja auch immer „fair“ zu ihm. Eigenartig.

Kurze Zeit später wird alles noch verworrener. Wir hören, dass der Elektrobetrieb bald verkauft wird. Der alte Eigentümer geht in Rente, will mit allem nichts mehr zu tun und schon gar nicht von irgendetwas gewusst, geschweige denn es in die Wege geleitet haben. Ob er die Räume wirklich braucht, oder was jetzt mit dem Hinterhaus ist, verrät er uns nicht.

Stattdessen fragt er, warum wir uns denn überhaupt so aufregen. Verträge seien Verträge, da müsse man sich dran halten, habe er als langjähriger Unternehmer gelernt. Er findet es auch gut, dass im Haus endlich mal etwas passiert, dass endlich mal ordentlich renoviert wird. Es stört ihn scheinbar nicht, dass vier Wohnungen mittlerweile leer stehen und luxussaniert werden. Zum Teil schon seit einem Jahr. Die Kündigung seines Untermieters im Hinterhof nimmt er jedoch unvermittelt und kommentarlos zurück – immerhin.

Auch die neuen Inhaber des Elektrobetriebs äußern sich undurchsichtig. Erst heißt es, sie wüssten auch nicht so recht was los sei. Zur Vermieterin habe man bisher selbst keinen Kontakt aufbauen können. Man wisse selbst nicht, ob man die eigenen Räume behalten könne. Wenig später wird uns wieder die alte Geschichte aufgetischt: Sie bräuchten unsere Räumlichkeiten als Lager, weil sie aus dem Hinterhaus raus müssten. Ob das nun wirklich so ist, wissen wir bis heute nicht.

Keine Antwort ist auch eine Antwort

Vom Geschäftsführer gibt es nach wie vor keine Reaktion – auch nicht auf diverse Kontaktversuche vom Bezirksausschuss Schwanthalerhöhe, der sich für eine Verlängerung unserer Räumlichkeiten ausgesprochen hat. Selbst als dessen Leiterin, die Grünen-Politikerin Sibylle Stöhr, einmal den Geschäftsführer telefonisch an der Leitung zu haben schien, soll dieser sie schlichtweg an eine andere Nummer verwiesen haben, wo dann niemand mehr zu erreichen war.

Lediglich auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung hat sich im März zumindest die Hausverwaltung einmal inhaltlich zu Wort gemeldet. Robert Gillitzer, der zweite Geschäftsführer der ADIX Immobilien GmbH, schiebt das monatelange Ausbleiben einer Antwort auf „grippebedingte Ausfälle“. Außerdem sieht er die Stadt in der Pflicht „kulturell Interessierten etwas anzubieten“. Das dürfe man seiner Meinung nach „nicht dem freien Markt überlassen“ – was für eine Chuzpe! (Quelle: SZ)

Wie in Schwabing, so auch im Westend?

Die Machenschaften der Investoren haben bereits auch an anderer Stelle für Unmut gesorgt. Im sogenannten Hohenzollernkarree in Schwabing will die Max-Emanuel Immobilien GmbH ihr 2016 gekauftes Anwesen mit 230 Mieteinheiten modernisieren. Die Betroffenen teilen Anfang des Jahres der Presse entsetzt mit, dass sich damit die Miete für einige AnwohnerInnen knapp verdoppeln wird. Auch in der Bergmannstraße 8 wurde zweimal versucht, die Mieten deutlich zu erhöhen. Bisher ohne Erfolg, denn einige MieterInnen legten Einspruch ein, da die geplante Erhöhung den legal zulässigen Rahmen sonst überstiegen hätten.

Uns befremdet an der ganzen bisherigen Geschichte besonders, dass sich offenbar keiner der Beteiligten im Stande fühlt, mit uns zu sprechen, geschweige denn auf Augenhöhe mit uns zu kommunizieren. An was mag das wohl liegen? Woher kommt dieses respektlose Verhalten und diese Überheblichkeit zu meinen, uns schlichtweg ignorieren oder mit irgendwelchen billigen und widersprüchlichen Geschichten abspeisen zu können? Sind wir ein unverständlicher Fremdkörper, mit dem man nicht umzugehen weiß? Oder ist das einfach Usus in der Welt der Bisnispipeul?

Dann aber: Herrschaftszeiten!

Hochachtungsvoll, das department of volxvergnuegen.


Text: Moritz Dittmeyer

Fotos © Moritz Dittmeyer, Moritz Liewerscheidt

No Comments

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons