Kultur

Magie des Alltags: Ricochet #2 – Samantha Dietmar

Sebastian Gierke
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Im Keller der Villa Stuck hat sich die zweite Künstlerin der Ricochet-Reihe eingerichtet. Die junge Fotografin Samantha Dietmar zeigt bis 27. Juni auf 60 Fotos ihr visuelles Tagebuch. Ihre Bilder sind nachdenkliche Beobachtungen über Sinn und Magie des Alltags. Ohne aber dabei den Bezug zu realen Problemen und Misständen aus dem Fokus zu verlieren. Heute ist Eröffnung mit einem Konzert von stullenheimer.

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Der fotografische Zyklus „ÃœBER VIELES. UND NICHTS.“ entstand im Alltag und auf Reisen und offenbart eine sehr persönliche Bilderwelt. Samantha Dietmar (geb. 1978, lebt in Berlin) erstellt mit ihrer Kamera ein visuelles Tagebuch, das aus Fragmenten besteht, aus nachdenklichen Beobachtungen über Sinn und Magie des Alltags. Erst der individuelle Blick der Fotografin fügt die Vielfalt von Genres und Motiven zusammen: In der Zusammenstellung der Arbeiten in Farbe und Schwarz-Weiß verdichten sich kleine Szenen und Ereignisse durch Bezüge und Widersprüche zu einem poetischen wie irritierenden Gesamtzusammenhang.

Aus Einzelbildern entstehen so Geschichten, die gleichsam ein- und mehrdeutig sind. Das Museum Villa Stuck zeigt über 60 Fotografien der Künstlerin im Untergeschoss. „ÃœBER VIELES. UND NICHTS.“ von Samantha Dietmar ist der zweite Teil der Reihe „Ricochet“, in der junge KünstlerInnen Diskurse der Gegenwart durch ästhetische Transformation einer Neubetrachtung öffnen.

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„Ein Aufenthalt in New York zeigte mir die Schnelligkeit, Skurrilität, Widersprüchlichkeit und Grenzenlosigkeit des Lebens. Eine Fotoreportage in Mexiko lehrte mich über die Relativität des Glücks, von Zusammenhalt, Ungerechtigkeit und Hoffnung. All diese Erfahrungen haben soviel in mir bewegt. Erweckt. Losgetreten. Soviel in mir losgedacht.“

Ihre Zeit bei Magnum in Paris und New York sieht die Künstlerin als große Ermutigung, Sackgassen als Herausforderung zu betrachten, Projekte tatsächlich anzugehen. Seit ihrer Gründung verband die Fotoagentur hochwertige Qualität mit individuellem Stil der Mitglieder und einem hohen Ethos, das der humanen Funktion der Fotografie gilt. Der gescheiterte Anlauf zur Diplomarbeit war auch ein Anfang, er verstärkte ihre, so die Künstlerin, „konfrontative Suche nach mir selbst«. Ihr Werk ist „work in progress“, ein „gedanklicher und emotionaler Reifungsprozess“.

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Die Grenzen zwischen Kunst und Journalismus, zwischen Poesie, Ironie und Gesellschaftskritik sind in Samantha Dietmars heterogener Bilderwelt aufgehoben. Nichts ist gleich gewichtet in diesem Tagebuch: es offenbart den Prozess ihrer Suche, ihren Streifzug durchs Leben. Nicht die dokumentarische Übermittlung der Realität steht im Vordergrund, es geht der Künstlerin um das poetische Moment der Fotografie, das dem Objekt selbst entstammt. Keines der Bilder ist inszeniert oder gestellt, auch nicht jene, in denen etwa Schrift-Bildbezüge eine starke Ironie greifbar machen.

Samantha Dietmar konfrontiert vorgefundene affirmative Statements – Graffitis, Werbeslogans, Parolen, Gebotsschilder – »Ideenfragmente aus den Köpfen anderer«, wie sie es nennt, mit ihrer eigenen Gedankenwelt und kreiert dadurch neue Bedeutungsebenen jenseits der offensichtlichen. Immer gibt sie dabei dem »künstlerisch-subjektiven« Faktor Vorrang vor dem »objektiv-analytischen«: »Jedes Bild ist ein kleiner Tagebucheintrag mit einer eigenen Geschichte.« Trotzdem dienen ihre Fragmente dem Dialog.

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Samantha Dietmar verdichtet die einzelnen Abbilder beliebig wirkender Arrangements des Alltags durch ihre Platzierung im Gesamtkontext. Aber auch dieser unterliegt dem Moment sowie dem Standpunkt des Betrachters. Ihre eigenen Geschichten, die in ihrer Installation die Bilder untereinander verbinden, bilden Anknüpfungspunkte für die Interpretationen Anderer. Ihre Bilder sind Impuls und Anstoß, mehr nicht. Sie selbst nennt das „Brückenbauen zwischen den verschiedenen Bilderwelten“.

Einige Aufnahmen Samantha Dietmars stehen in der Tradition der Street Photography, deren Tradition bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Die Fotografen fanden ihre Motive, dort, wo etwas los war: auf der Straße. Die Bildsprache der Street Photography ist, ähnlich der Samantha Dietmars, persönlich und informell. Aber auch Bezugspunkte zur Subjektiven Fotografie lassen sich finden.

Die Subjektive Fotografie der fünfziger Jahre, die sich in der Tradition der Neuen Sachlichkeit sah, formulierte den Primat der persönlichen Wahrnehmung in der Fotografie, mit dem Ziel der Befreiung von vordergründiger oder oberflächlicher Bedeutung. In Anknüpfung an diese Traditionen entwickelt Samantha Dietmar einen persönlichen Stil, der Erkundung und Werden der eigenen Subjektivität zum Zentrum des Schaffens macht. Die Subjektivität im Prozess der Künstlerin ist nicht zu trennen von Werken und Objekten, die sie umgeben – sie bedingen sich gegenseitig. Samantha Dietmars Subjektivität bewegt sich in Vielem, sie bewegt sich im Nichts. Sie wartet, „welche Wunder einem begegnen“.


Ricochet #2
Samantha Dietmar
ÃœBER VIELES. UND NICHTS.
22. April bis 27. Juni 2010

Eröffnung mit Konzert am Mittwoch, 21. April 2010, 19.00 Uhr
Konzert: stullenheimer

Aktuelle Informationen, Hintergründe und Diskussionen auf dem Blog der Villa Stuck.

Medienpartner: Zündfunk und mucbook


Fotos: Samantha Dietmar

– USA. NY City 2005. Manhattan Halloween
– Rügen 2006. Prora. Strand Wandgedanken
– Mexico. Quintana Roo 2006. Tänzer Festival
– Namibia 2004. Etosha National Park
РArgentinien. El Chait̩n 2007. Wandgedanken

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