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„Einem Bettler habe ich noch nie etwas gegeben“: Ein Sozialpädagoge erklärt, wie man Obdachlosen wirklich helfen kann

Julius Zimmer

Julius Zimmer

Mich fasziniert das Absurde im Alltag. Das ist einer der Gründe, warum ich mich in meiner Wahlheimat München so wohl fühle: Hier erwachen Widersprüche zum Leben. "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Herz auszufüllen. Wir müssen uns den Münchner als einen glücklichen Menschen vorstellen."
Julius Zimmer

Ein wenig geheuchelt wirkt es ja schon. Immer wenn es kalt wird, fangen Medien und Regionalpolitiker an, sich für Obdach- und Wohnungslose zu interessieren. Dabei steigen die Zahl der Menschen, die auf der Straße leben schon seit mehreren Jahren konstant an.

Einer der Gründe: Die explodierenden Mietpreise in Großstädten wie München, Berlin, Hamburg, Frankfurt und Köln. Viele Menschen, die sich finanziell übernommen haben oder denen ein schweres Unglück widerfährt und dadurch am Ausüben ihres Berufs gehindert sind, sehen manchmal keinen anderen Weg, als auf der Straße zu leben.

Franz Herzog arbeitet seit über dreißig Jahren mit solchen Menschen zusammen. Er kennt viele Geschichten, hat Dramatisches aber auch Glückliches erlebt. In der Teestube “komm” in der Zenettistraße 32 kümmert sich der studierte Sozialpädagoge zusammen mit seinem Team jeden Tag um Männer und Frauen, die sonst nicht wissen wohin. Wir haben uns mit ihm über seine tägliche Arbeit und die Gefahren der Straße unterhalten.

Julius Zimmer: Herr Herzog, wie wirkt sich der Winter auf ihre Arbeit aus und was genau steckt hinter der Teestube “komm”?

Franz Herzog: An kalten Tagen wie diesen ist in der Teestube besonders viel los. Sieben Tage die Woche und für sechs Stunden am Tag öffnen wir unsere Pforten, um Obdachlosen einen Schutzraum zu bieten. Sie können sich hier duschen, ihre Wäsche waschen oder sich auch nur bei einer Tasse Tee untereinander austauschen. Träger der Teestube ist das Evangelische Hilfswerk München.

Die Stube selbst ist allerdings mehr als ein Café für Obdachlose, denn es sind immer Sozialpädagogen anwesend. Sie gehen auf die Männer und Frauen zu, bieten ihnen Hilfe und professionelle Beratung an.

JZ: Wie sind Sie zu ihrem Beruf gekommen?

FH: Als ich damals Sozialpädagogik studierte, absolvierte ich ein Jahrespraktikum im Bereich Obdachlosenhilfe und blieb sozusagen hängen. Einem Bettler habe ich privat trotzdem bis heute noch nie etwas gegeben – und das hat seinen Grund.

JZ: Das hätte man jetzt nicht unbedingt gedacht. Wie kommt das?

FH: Auch wenn die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland in den letzten Jahren wieder zugenommen hat, frieren und hungern muss zumindest in München eigentlich niemand. Weder Flüchtlinge, noch Obdachlose.

„Hier in München muss keiner hungern“

Es gibt Einrichtungen wie Suppenküchen, Kleiderkammern oder Wohnheime. Ich kenne selbst viele Obdachlose, die offen und ehrlich sagen: „Hier in München muss keiner hungern.“ Doch dazu gehört auch der Wille sich helfen zu lassen. Manche Menschen entscheiden sich gegen unsere Hilfe – und das hat ganz bestimmte Gründe.

Die wollen nicht zu uns kommen und deswegen kommen wir zu ihnen. Unsere Streetworker sind Tag für Tag unterwegs und suchen den zwischenmenschlichen Kontakt. Sie beraten über Hilfeangebote und versuchen einen Unterschlupf für die Nacht, bei Bedarf auch medizinische Hilfen zu vermitteln.

JZ: Wie kommt es, dass manche Obdachlose die angebotene Hilfe ablehnen?

FH: Eine große Rolle spielen dabei psychische Erkrankungen. Menschen, die lange auf der Straße gelebt haben, können sich oft nicht mehr vorstellen mit einer festen Hausordnung zurecht zu kommen und mit vielen anderen in einem Haus zusammen zu leben.

In solchen Fällen versuchen wir erst einmal ein gewisses Vertrauen herzustellen. Oft gehen wir mit Betroffenen zum Arzt oder begleiten sie aufs Amt.

Das ständige Leben am Rande der Gesellschaft verändert einen Menschen – man wird misstrauischer. Viele wollen nicht auf Hilfe angewiesen sein und nehmen Angebote, die es eigentlich gibt, nicht in Anspruch.

JZ: Rechtspopulisten behaupten häufig, der Staat würde alles für Flüchtlinge tun, aber nichts für Obdachlose. Wie sehen Sie das?

FH: Mit Menschen, die das behaupten, kann ich überhaupt nichts anfangen. Am liebsten würde ich das gar nicht kommentieren. Doch mir erscheint Betroffenheit und Mitgefühl allzu oft geheuchelt, und nur vorgeschoben um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen.

„Wir helfen denen, die unsere Hilfe brauchen“

Ich habe in unserer Teestube zumindest noch nie irgendwelche Wutbürger gesehen, die sich für obdachlose Menschen einsetzen. Unsere Freiwilligen reden nicht lang rum, sondern helfen denen, die ihre Hilfe brauchen.

JZ: Also lieber engagieren oder spenden, als auf der Straße einem Bedürftigen was in den Becher zu schmeißen?

FH: Ob man einem Bettler auf der Straße etwas gibt oder nicht, muss am Ende jeder für sich entscheiden. Das Widerlichste, das ich je beobachtet habe, war ein Mann der einem Bedürftigen 50 Cent zusteckte und neben ihm auf den Boden spuckte.

Ich frage mich oft, ob man mit solchen „Spenden“ Obdachlosen nicht eher auf der Straße festhält, als ihnen wirklich nachhaltig zu helfen.

Unser Motto lautet deshalb: Hilfe zur Selbsthilfe. Unser erklärtes Ziel ist es, die Menschen von der Straße zu holen, weil wir wissen, dass jeder Tag draußen einer zu viel ist.

JZ: Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Ihr könnt die Arbeit der Teestube „komm“ durch Geldspenden unterstützen (bitte nehmt bei Interesse Kontakt auf). Davon könnten mittellose Obdachlose mit MVV-Fahrkarten ausgestattet werden, um die Schlafplätze im sogenannten Kälteschutz im Münchner Norden in Anspruch nehmen zu können, ohne schwarz zu fahren. Für diesen Zweck bitte im Betreff Ticket Kälteschutz angeben. Mehr über die Teestube „komm“ erfahrt ihr hier.

Der Beitrag erschien zuerst bei der Huffington Post Deutschland. 

Beitragsbild: Hannah Lee, CC 2.0

1Comment
  • Hardy
    Posted at 12:41h, 15 Januar

    Tolles Interview, danke! Habe mich schon oft gefragt, ob das Geld geben was bringt oder ob man lieber für ne Organisation spendet. Entscheidung jetzt getroffen! 😉

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