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Münchner Gesichter: Handpoke-Tattoos mit why_ebay

Nichts als Ärger mit der Jugend! Mal schwänzen sie die Schule, um fürs Klima zu protestieren und dann wieder hören sie Musik wo nur noch gemumbelt und mit Goldketten geprotzt wird.

Den Ärger kannten natürlich schon die alten Griechen. Zitat Sokrates (* 469 v.Chr, † 399 v.Chr): „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.“

Wie konservativ einst selbst progressive gesellschaftliche Gruppen werden können, zeigt sich vielleicht in der etablierten Tattoo-Szene. Die Münchner Grafik-Designerin Alexis Felten von der „Teen Slut“-Gang zog vor einigen Jahren einen Shitstorm aus der „Szene“ auf sich, als sie in einem TV-Beitrag zeigte, wie sie ohne fachliche Kenntnis oder Ausbildung Freunde zum Spaß in privaten Sessions tätowierte. So eine Frechheit! Tattoo ist ja wohl noch sowas wie eine Handwerkskunst, die mühsam gelernt sein will, oder?

Handpoked, handmade… Tattoos 2019!

Nicht ganz. Zumindest nicht mehr. Oder zumindest wieder nicht mehr, könnte man auch sagen. Nachdem sich Tätowieren über die letzten Jahrzehnte enorm professionalisiert hat – womöglich als Emanzipation vom Seefahrer- und Knast-Tattoo-Klischee – gibt es momentan einen krassen Homemade-Trend. DIY und Handpoking ersetzen teure Studios und eingebildete Altmeister der hohen Tattoo-Kunst.

Eine witzige Idee und eine spontane Umsetzung scheinen wichtiger als über die Jahre angelernter Fotorealismus. Das passt auch ein wenig zum schnelllebigen Cloud Rap-Zeitgeist und hat in Figuren wie Yung Hurn trendsetzende Vorreiter. Es ist vielleicht ein ähnlicher Bruch wie der von der Klassik zur Moderne in der bildenden Kunst oder der vom Hard Rock-Fidel-Gitarrensolo zum hingerotzen Zwei-Akkord-Punkrockriff.

Wer ist why_ebay?

Münchens populärster Vertreter dieser – wenn man so mag – neuen Szene ist wohl „why_ebay„, der ganz typisch vor allem über Instagram agiert und erreichbar ist. Ihn zeichnet ein ganz eigener skizzenhafter Stil aus, der selten ohne seine typischen eckigen Silhouetten und einen humorigen Spruch auskommt. Er hat längst seinen eigenen Trademark-Style entwickelt und geprägt. Ich muss bei ihm irgendwie auch immer an Picasso und Kubismus denken. Keine Ahnung warum. Vielleicht liegt es auch an den Leinwandbildern, die er kürzlich für eine Mini-Ausstellung im Schwarzen Dackel gemalt hat.

https://www.instagram.com/p/BuLeIvQhjFc/

Wir prophezeien jedenfalls eine große Zukunft und freuen uns, dass wir im Rahmen unserer Reihe „Münchner Gesichter“ etwas mehr von Colin erfahren dürfen. Viel weiß man schließlich nicht über ihn – außer dass er gelegentlich bei Radio 80000 abhängt und langsam ziemlich fame wird. Außerdem hat er uns eine schöne Collage seiner Skizzenbücher für den Beitrag mitgegeben (s.o.): Top Ebay, gerne wieder!

Jetzt aber los:

Weißwurst oder Leberkas? Leberkas mit scharfem Senf.

Tattoo-Maschine oder Handpoking? Handpoking, das ist wie Malen nach Zahlen.

Woran arbeitest du gerade? An neuem why_ebay -Merch für den Sommer, vielleicht wird es Shorts oder Socken geben und mit Sicherheit auch wieder neue T-Shirts.

Worüber fluchst du am häufigsten in München? Am meisten fluche ich über fehlende Spätis.

Das macht dich zum Münchner: Ich mag Pils lieber als Helles.

Das würde ich nie jemandem Tätowieren: Ich würde nie eine fremde Zeichnung tätowieren.

Wieviel kostet ein Tattoo bei dir eigentlich? Die Preise sind wie auf ebay: unterschiedlich.

Dein liebstes Motiv, das du je gestochen hast? Es war noch kein Motiv dabei, das ich nicht gern tätowiert habe. Eins meiner Favoriten aus den vergangenen Wochen ist allerdings die „Women with open arms and closed eyes sitting on a chair“, es ist glaube ich auch das Größte was ich bisher gemacht habe. Am liebsten an dem Motiv mag ich die Hände und die beiden kleinen Haarspitzen am Kopf:

Dein Lieblings-Instaaccount? @dr.oetker_deutschland

Wo war deine wildeste Partynacht? Die wildesten Partynächte endeten meistens mit farbigen Fingern und klackernden Rucksäcken irgendwo in Bielefeld.

Warum Ebay? Ebay ist ein instabiles Medium, der Inhalt bleibt nie gleich und verändert sich stetig. Ebay passt daher perfekt als Vergleich zu meiner Arbeit: es ist zeitlich begrenzt, es gibt alles Mögliche, groß oder klein, günstig und mal teuer und natürlich ohne Rückgaberecht. Im Allgemeinen sehe ich mich nicht ausschließlich als Tätowierer, es ist nur eine von vielen Formen der Präsentation meiner Arbeit.


Fotos: © why_ebay

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
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