Aktuell, Gute Sache, Kultur, Kunst, Leben, Stadt, Was machen wir heute?

Münchner Subkultur: Alle Zwischennutzungen auf einen Blick

Zwischennutzungen sind das Raum-Konzept der Stunde für Kreative. Oft sind sie Fluch und Segen zugleich. Leider verliert man bisweilen schnell die Orientierung: Wo findet man neue oder unentdeckte Zwischennutzungen in München? Was ist dort geboten? Wer steckt dahinter? Fragen, die viele Menschen interessieren, die aber manchmal gar nicht so leicht zu beantworten sind.

Fragen, die sich auch der Landschaftsarchitekt Felix Lüdicke und sein Kollege Johann-Christian Hannemann zusammen mit Studierenden von der TU München gestellt haben. Beide arbeiten am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und öffentlichen Raum bei Prof. Regine Keller.

Aufwändige Recherche zu Zwischennutzungen und planerischen Interventionen in München

Im Rahmen eines Seminars haben sie die Stadt München vermessen und dabei ein besonderes Augenmerk auf Interventionen im öffentlichen Raum gelegt – ein Begriff, der als solcher sicher erst mal definitionswürdig ist.

Merke: Intervention ≠ Zwischennutzung. Aber doch so ähnlich. Mehr dazu haben wir im Interview erfahren (s.unten).

Zusammen mit der studentischen Seminargruppe haben die beiden Dozenten zahlreiche Gespräche mit Kreativen geführt und Recherchen unternommen. Etwa mit den Betreibern der Alten Utting oder des Nußbaumparks – um zwei konkrete Beispiele zu nennen. Auf einer interaktiven Karte findest du nun die daraus entstandene Projektsammlung aktueller, temporärer Installationen und Aktionen mit Planungskontext im öffentlichen Raum in München.

(Um-)Bauvorhaben im städtischen Raum werden nämlich immer öfter von kulturellen Zwischennutzungen flankiert. Sie bringen die Orte und Gebäude oft erst richtig ins Gespräch und Schaffen somit ein Bewusstsein für den im Wandel begriffenen Raum. Manchmal können sie Planungsprozessen einen neuen Dreh verpassen und den Diskurs öffnen. Für Anwohner und Gäste sind sie oft ganz einfach auch ein Hingucker.

Im Gespräch mit Landschaftsarchitekt Felix Lüdicke

Hallo Felix, worum geht es bei eurem Projekt „Intervention MUC“?

Die Sammlung „Intervention MUC“ dokumentiert anhand von Steckbriefen, Fotos und einer Karte aktuelle, interventionistische Aktionen und Installationen in München. Mit der Sammlung wollten mein Kollege Johann-Christian Hannemann und ich eine Grundlage für die Diskussion schaffen, ob und inwieweit Kunst und Zwischennutzung als partizipative Planung funktioniert. Etablierte Beteiligungsverfahren in der Planung haben nämlich einen entscheidenden Nachteil. Der Planungsprozess ist für die Allgemeinheit kaum wahrnehmbar. Immer wieder kommt es vor, dass Projekte zwar lange geplant, abgestimmt und demokratisch legitimiert sind. Wenn dann aber die Bagger kommen, um die Maßnahme umzusetzen, beginnt ein großer Aufschrei. Die Kunstform der Intervention kann unserer Meinung nach Vorbild sein, wie sich Diskurse plakativ, aber ergebnisoffen im Stadtbild ablesbar machen.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Die Frage, wie sich Intervention und Partizipation in der Planung verknüpfen lassen, beschäftigt uns am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und öffentlichen Raum von Prof. Regine Keller schon des Längeren. Normalerweise in größeren Zusammenhängen und mit Referenzen auf nationaler und internationaler Ebene. In unserem Seminar mit den Studierenden wollten wir den Fokus auf München legen, dafür aber umso genauer hinschauen. Darüber hinaus sind Johann-Christian Hannemann und ich selbst Akteure auf diesem Feld und führen als Landschaftsarchitekten-Team „raumzeug“ im Auftrag der Stadt gerade eine temporäre Gestaltungen und Bespielung am Zenettiplatz im Münchner Schlachthofviertel durch — die „Piazza Zenetti“.

Was ist eine Intervention? Wie unterscheidet sie sich von einer konventionellen Zwischennutzung?

Eine Intervention — im künstlerischen Sinn — ist eine temporäre Installation oder Aktion, die gewohnte Sichtweisen stört und diese somit hinterfragen möchte. Bei unserer Sammlung geht es um die Gestalt öffentlicher Freiräume, beziehungsweise deren Nutzungen und Reglementierungen. Wir haben den Begriff zunächst recht weit gefasst. Interventionen im engeren Sinne sind meist unangemeldete oder ungenehmigte Eingriffe.

Das war uns allerdings weniger wichtig. Wichtig war uns, dass das Projekt einen aktuellen Planungsbezug aufweist und ein Art progressives Statement zum Umgang mit dem Raum darstellt. Das ist auch bei vielen Zwischennutzung der Fall.

Was kann das Konzept Zwischennutzung oder der Intervention für den langfristigen planerischen Prozess von Räumen und Orten in der Stadt beitragen?

Wir haben im Vorfeld drei Thesen formuliert, was temporäre Aktionen und Installationen zu einem partizipativen Planungsprozess beitragen können:

1. Intervention als Aktivierung:

Für einen Großteil der Betroffenen finden etablierte Beteiligungsprozesse im Verborgenen statt — aufgrund fehlender Zeit, geringem Interesse und der mangelnden Ablesbarkeit im Stadtraum. Eine plakative Intervention hingegen kann der Beginn eines öffentlichen Diskurses zum weiteren Umgang mit einem Orten sein.

2. Intervention als Experiment:

Neben erhöhter Sichtbarkeit können Installationen und Aktionen neue Raumgliederungen, Atmosphären oder Nutzungsweisen durch temporärere Gestaltungen erproben. So können oftmals auf Klischees zurückgreifende Gestaltungsideen hinterfragt und ortsspezifische Lösungsvorschläge für die Allgemeinheit erlebbar werden.

3. Intervention als Katalysator:

Städtebauliche Transformationsprozesse benötigen einen langen Atem. Selbst nach einer baulichen Fertigstellung benötigt es Zeit, bis urbane Stadt- und Grünräume ihre Qualität erreichen und in der Stadtgesellschaft akzeptiert werden. Interventionen können diese Prozesse initiieren, begleiten und beleben.

Persönlich finde ich das Arbeiten mit Interventionen im öffentlichen Raum eine wunderbare Möglichkeit mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Das Feedback ist sehr unmittelbar und ehrlich, aber wesentlich zivilisierter als in digitalen Formaten. Es macht den öffentlich Raum zum Ort der Debatte und stärkt schon dadurch seinen Wert.

Wo siehst du die größten Probleme in München für subkulturelle Zwischennutzungen und planerische Interventionen?

Als erstes fallen einem hier die Flächenknappheit und die hohen Preise ein — das ist ein großes Problem. Was vielen Akteuren aber ebenso zu schaffen macht, ist die Ungewissheit und Unkalkulierbarkeit, die durch ausstehende, politische Entscheidungen oder sich verzögernde Genehmigungsverfahren entstehen, da für temporäre Interventionen in der Regel die selben Auflagen und Verfahren gelten wie für dauerhafte Nutzungen und Bauwerke. Ziel sollte es unserer Ansicht nach sein, solche Zwischennutzungen und Interventionen nicht nur irgendwie zu ermöglichen und zu dulden, sondern bewusst einzuplanen und für stadtgesellschaftlichen Diskurse und Transformationsprozesse zu nutzen.

Was hat euch am meisten überrascht bei eurer Projektsammlung?

Am meisten überrascht hat uns, wie viele Projekte wir gefunden haben. Man denkt bei Zwischennutzungen ja eher an Städte wie Berlin, Wien oder Amsterdam.

Wird euer Konzept der Online-Map weiter gepflegt und aktualisiert? Kann man sich da auch selber mit einbringen?

Die im Rahmen des Sommersemesters entstandene Online-Karte ist zunächst eine Bestandsaufnahme des Status quo. Für eine kontinuierliche Pflege oder Ergänzung fehlen uns derzeit leider Zeit und Mittel. Wir freuen uns aber sehr über Rückmeldungen und Ergänzungsvorschläge. Am Thema selbst werden wir in jedem Fall weiterarbeiten.

Danke für das Gespräch.


Bildrechte:

Screenshot: © Map tiles by CartoDB, underCC BY 3.0. map data © OpenStreetMap contributors under ODbL — CC BY-SA 4.0, LAO, TUM

Collage: Abgebildete Interventionen: „Container Collective“: Neville und Robinson | „Das ist keine Pommesbude“: Torsten Mühlbach / Andreas Höhne, Produktion Halle 6 ug | „Alte Utting“, Alte Utting GmbH – Daniel Hahn | „Giesinger Grünspitz“: Green City e.V. mit TUM DesignBuild, Matthias Kestel und Christian Schühle (Foto: Jonas Nefzger) | „Piazza Zenetti“: raumzeug – Felix Lüdicke mit Johann-Christian Hannemann

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
No Comments

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons