Stadt

Nummer 50 allein zu Haus

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Jahrelang lebten auf dem Domagk-Gelände im Norden Münchens rund 300 Künstler. Zehn der zwölf Gebäude sind bislang abgerissen worden, nun wird auch Haus 49 weichen. Der Protest verhallte ungehört. Jetzt kommen die Bagger. Nur Haus 50 bleibt.

Einzig ein kleiner Betonklotz ist geblieben. „Kitty“ steht in schwarzer Farbe darauf geschrieben. Das Y ist ausgeblichen. Der Pfeil darunter zeigt nach links. Der Betonklotz ist so groß wie ein Bierkasten. Drumherum liegen Kies und Bauschutt, an manchen Stellen hat ein Bagger Löcher in die Erde gegraben.

Im KittyCatClub traf sich die Fetisch- und Sado-Maso-Szene. Das, was heute Baustelle ist, war früher die kreative Oase Münchens: das Domagk-Gelände. Lars Mentrup hat acht Jahre lang hier gewohnt. „Da drüben stand Haus 45, dort Haus 16“, sagt Lars. Mit dem Zeigefinger deutet er auf die karge Fläche. Jedes Haus hatte eine Nummer, keinen Namen. Von den einst zwölf Gebäuden stehen heute nur noch zwei: Haus 49 und Haus 50. Demnächst will die Stadt auch Haus 49 abreißen. Haus 49 war Lars‘ Zuhause.

Auf den ersten Blick passen Lars Mentrup und das Domagk-Gelände nicht so richtig zusammen: Lars ist kein Kreativer, kein Lebenskünstler wie all die anderen hier. Lars hat Angewandte Mathematik studiert, er trägt ein hellblau kariertes Hemd und arbeitet als Unternehmensberater. Er sagt Sätze wie „Struktur, Struktur, Struktur!“ Von 1996 bis 2004 hat Lars auf dem Gelände gewohnt. Sein Briefkasten, ein umfunktionierter grüner Plastikeimer, hängt noch immer im Eingangsbereich von Haus 49. „Post für Lars“, steht auf dem weißen Zettel.

Die Vorgehensweise der Stadt München auf dem Domagk-Gelände nennt Lars Mentrup „Salamitaktik“: Nach und nach wurden die Gebäude abgerissen, Haus 50 hat die Stadt dafür 2009 renoviert und 100 Ateliers geschaffen. In einem der Ateliers hängt Goldfolie von der Decke, „Wir veredeln Ihr Haus“ steht auf einem Poster, das an die Wand gepinnt ist. Es ist Kunst. Und Wirklichkeit zugleich. Es sind hohe Räume, weiß gestrichen, die Fronten sind mit Plastik verkleidet. Keine Fenster. Die Künstler, die hier arbeiten, vermissen das direkte Tageslicht. „Die alten Räume hatten Charme und richtige Fenster, die man öffnen konnte“, sagt einer von ihnen. Seinen Namen sagt er nicht. Die Ateliers auf der Südseite erhitzten sich im Sommer, die Mieten seien hoch. „Aber es ist toll, dass die Stadt uns diese Räume zur Verfügung stellt“. Er will nicht undankbar sein.

Vor der Renovierung war Haus 50 die Panzerwerkstatt, die anderen Häuser waren Kasernen. 1993 zog das Militär aus und Kreative ein. Anfangs wurden die Räume einzeln vermietet, mit den Jahren formierten sich die Häuser zu eigenen Vereinen: Haus 16, 35, 45, 49 und 50. Jedes Haus hatte eine Philosophie: Kunst, Techno oder Hippie, zum Beispiel. Es gab fünf Herzöge in fünf Häusern. Als ein Haus nach dem anderen verschwand, mussten die verschiedenen Philosophien zusammenrücken: in die Häuser 49 und 50. Jeder wollte dort König sein.

Im Keller von Haus 49, dem Proberaum, stehen Umzugskartons. Musiker Niki hat angefangen zu packen. Seit zwölf Jahren hat Niki seinen Proberaum auf dem Domagk-Gelände. Jetzt muss er in einen Raum in der Dachauerstraße umziehen. „Was ist aus dem Kampfgeist geworden?“, fragt Lars. Niki antwortet: „Es gab keine Struktur“. Und weiter: „Vielleicht auch zu wenig Kohle.“ Hinter ihm, auf dem Regal, steht eine Harlekin-Puppe. Eine Träne läuft die rechte Wange hinunter.

In der Küche im ersten Stock riecht es nach Curry. Ein großer Topf mit Kartoffeln und Kichererbsen steht auf dem Herd. Früher konnte sich jeder alles nehmen. „Sonntags war das manchmal schon ärgerlich, wenn man sich Kaffee machen wollte. Und dann hatte jemand die Milchpackung leer getrunken“, sagt Lars. Und lacht. Heute hat jeder sein Fach, fast alle der Türen haben Schlösser. Pro Stockwerk gibt es eine Küche und ein Badezimmer. Jeder hat ein Zimmer, gemeinsames Leben gibt es auf dem Flur. Kann jemand die Miete nicht zahlen, putzt er. Oder er erledigt andere Aufgaben. Das Internet haben die Bewohner irgendwann einmal selbst verlegt. Es gibt einen Anschluss für alle.

Draußen zieht ein Gewitter auf. Lars läuft über den Hof, die Regentropfen hinterlassen dunkle Punkte auf dem Asphalt. Er bleibt trotzdem stehen, unterhält sich mit einem jungen Mann mit Dreads. Es gab eine Zeit, in der Leute wie er Lars misstrauten. Er sei für den Verkauf an die Stadt verantwortlich, sagten viele. Und er sei den anderen in den Rücken gefallen. Lars gab ein gutes Feindbild ab. Heute wird er wieder von allen freundlich begrüßt. Am Abend wird er eine Gruppe der Jusos über das Gelände führen und sich so für den Erhalt des Domagk-Geländes einsetzen.

Der Einsatz wird nichts bringen. „Bis zur Räumung, Countdown abgelaufen“ steht auf der Homepage von Haus 49. Jetzt kommen die Bagger. Die verbliebenen Mieter hre Räume am Dienstag, 7. Juni, zwischen 13 und 15 Uhr übergeben. Auch die, die dann auf der Straße stehen.

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