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Podiumsdiskussion – “Das Bahnhofsviertel muss erhalten bleiben”

Sebastian Gierke
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bahnhofsviertel

Es ging um eines der schönsten Viertel Münchens, das Bahnhofsviertel. Es ging um Kultur und Kapital. Es ging um Gentrifizierung. Die Gäste waren hochkarätig, ein Minister, ein Kulturreferent, ein Galerist und ein bekannter Jazzgeiger. Doch über die interessanteste Frage haben sie im Import-Export nicht gesprochen.

Eine hochkarätige Runde hatte der nicht unumstrittene Verein “Südliches Bahnhofsviertel e.V.” am Montag ins Import-Export eingeladen. Kultusminister Wolfgang Heubisch, Kulturreferent Hans-Georg Küppers, der Galerist Bülent Kullukcu und Jazzgeiger Hannes Beckmann, moderiert von Sabine Reeh (BR).

Die Diskutanten, sie alle mögen das Bahnhofsviertel, Beckmann lebt hier seit seiner Studienzeit und auch die andern sind da ganz auf einer Linie: “So wie das hier aussieht, so sehen die heißen Viertel aus,” versucht sich Kultusminister Wolfgang Heubisch gleich zu Beginn der Diskussion leicht anbiedernd in Begeisterung. Von “dem pulsierenden Leben” ist die Rede, einem “idealen Zusammenleben in der Gesellschaft”, das hier möglich sei, in einem Viertel, in dem „22 unterschiedliche Nationen“ wohnen. Das Bahnhofsviertel, das sei “mehr als Folklore”.

Auch wenn diese Aussagen unterschiedlich motiviert sein mögen, die vier auf dem Podium haben natürlich Recht mit ihrer Zustandsbeschreibung. Das Viertel ist einzigartig in der Stadt. Und wie Hans-Georg Küppers sagt: „Dieses Viertel muss erhalten bleiben.“ Zu viele Münchner Stadtteile seinen mittlerweile „sehr klar strukturiert, glatt, sehr fertig.“ Schwabing, Maxvorstadt, das Gärtnerplatzviertel, das Schlachthofviertel – die Aufzählung nimmt gar kein Ende – all diesen Vierteln fehlten die Ecken und Kanten, klagt Küppers.

Es herrscht Eintracht auf dem Podium, nur Bülent Kullukcu, der erst vor einigen Wochen im Bahnhofsviertel eine Galerie, „die erste“, wie er sagt, eröffnet hat, versucht sich an der Kontroverse. Auch wenn ihm die Politiker an diesem Abend keinerlei Angriffsfläche bieten, versucht er anzugreifen. Es geht ihm, der seine Galerie aus eigener Tasche finanziert, weil er „es einfach machen wollte, ohne Anträge ausfüllen zu müssen und Bittsteller zu sein, um staatliche bzw. städtische Förderung, um das Bereitstellen von „Kommunikationsinfrastruktur“, um Infrastruktur für Kultur.

Und weil das Import-Export nächste Woche schließen muss, das Gebäude in der Goethestraße gehört offenbar einem Privatinvestor, der es wohl luxussanieren will, ärgert sich Kullukcu: „Mir erscheint das hier wie eine Grabrede. Wir brauchen Raum, wir brauchen auch diesen Raum.“

Doch schon wieder: Einigkeit. „Es muss Orte geben, Orte der Kultur, damit sich in einem Viertel Flair entwickeln kann“, weiß Küppers. Und: „Wir müssen das fördern, was es schwer hat, nicht kommerziell ist.“ Ein kultureller Nährboden müsse geschaffen werden, Bildungsanstrengungen müssten unternommen werden, Arbeits- und Wohnraum für Künstler und Künstlerinnen müsse bewahrt werden.

Kullukcu flüchtet vor so viel Permissivität in das Allgemeine: „Ich bin an der Menschlichkeit interessiert, die wird nicht unterstützt“.

Die Diskussion plätschert im Einigkeitsbrei vor sich hin. Denn ein zentraler Punkt wird nicht angesprochen.

Dass das Kapital das Viertel bedroht, Investoren nur darauf warten, in dieser zentralen Lage Häuser zu kaufen, dass auch das Bahnhofsviertel von Gentrifizierung bedroht ist, das alles wissen die Diskutanten. Es verhindern, das wollen sie alle auch, mit mehr oder weniger Glaubwürdigkeit.

Der Minister sagt: „Ich will gar nichts ändern, lasst es doch, wie es ist“.

Die Frage, die in diesem Moment nicht gestellt wurde, lautet jedoch: „Beginnt Veränderung nicht schon, wenn die Galerien in das Viertel ziehen?“

Wo fängt Gentrifizierung an? Erst beim Investor, der mit dem großen Kapital bezahlbaren Raum zerstört und die Alteingesessenen vertreibt?

Es sitzen vielleicht – schlechter Schätzer! – 70, 80 Personen im Publikum. Doch von den 22 Nationen sind wenige zu sehen. Der Anteil der Deutschen liegt hier – schlechter Schätzer, trotzdem – bei über 95 Prozent. Tuncay Acar, einer der beiden Betreiber des Import-Export gibt auch zu: „Den Besitzer des türkischen Supermarktes gegenüber haben wir noch nicht überzeugt, hierher zu kommen, das haben wir nicht geschafft. Aber dafür braucht es Zeit.“

Das ist aber ein Dilemma und möglicherweise auch ein Indiz dafür, dass ein eigentlich großartiger Laden wie das Import-Export auch kritisch gesehen wird.

Nicht falsch verstehen! Ich arbeite mich mit diesem Text auch an einer kognitiven Dissonanz ab. Ich will gar keine Aussage treffen und vor allem nicht erklären: Kultur – böse, Galerien – böse!

Und dennoch wurde die meiner Meinung nach interessanteste Frage auf dem Podium nicht gestellt, die Frage, die zum Beispiel beim Puerto Giesing durchaus diskutiert wurde und auch im Import-Export Ende des vergangenen Jahres: Schaffen nicht die Künstler erst die Umgebung, in der es für einen Investor Sinn macht, zu investieren? Weil die alternative Kunstszene dafür sorgt, dass für die Klientel der Investoren das Leben in diesem Viertel erst spannend und interessant wird. Denn diese Klientel will eben die hippe Szenekneipe neben der Galerie und der Musikbar und nicht den Dönerladen und die neonbeleuchtete Kneipe, in der alte Männer Fußball schauen.

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die alle auf dem Podium teilen, die nur aber schon gut abgehangen und wenig zukunftsweisend ist: Es ist wichtig , Orte zu sichern – gegen das gefräßige Kapital. Doch wer die Investoren, die in München Wohnungen für 20 Millionen Euro anbieten, alles füttert, die bleibt unbeantwortet. Vielleicht ja dann hier.

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