Kurios, Leben

Run Christoph Run

Jan Rauschning-Vits

Don't worry, look shabby!
Trägt seit kurzem Schnauzer
Jan Rauschning-Vits
© Christoph Rehage

© Christoph Rehage

Christoph Rehage hatte einen Youtube Hit. In einem 5 minütigen Video wächst sein Bart im Zeitraffer, während er ein Jahr lang durch China läuft.
Wir haben mit ihm geredet und gefragt, wie das so war mit ihm, dem Bart und Freundinnen, die auf einen warten.

Jan: Du hast Sinologie in München studiert. Warum?

Christoph: Das war eigentlich Zufall. Ich musste irgendwas studieren und da ich in Naturwissenschaften keine Leuchte war und in Sprachen relativ gut, dachte ich mir: ‚Hey, es gibt echt viele Chinese, warum nicht Sinologie?’

Jan: Hattest du jemals Angst mit Sinologie etwas brotloses studiert zu haben?

Christoph: Mit Sinologie kann man schon Geld verdienen wenn man in die Wirtschaft geht, aber nach wie vor ist das ein Thema. Ich bin ein armer Poet!

Jan: Was haben deine Eltern dazu gesagt, als du kamst und Sinologie studieren wolltest?

Christoph: Eigentlich nichts. Alle waren nur froh das ich überhaupt studiere.

Jan: Kommen wir zu deiner Reise. Bei einem Lauf von Paris nach Hause kam dir die Idee durch China zu laufen. In anderen Interviews hast du oft gesagt etwas hat dich innerlich dazu getrieben, was war das?

Christoph: Das hört sich oft so esoterisch an und nervt dann auch sehr schnell. Es ging mehr darum, dass es mehr Spaß macht ein Land zu Fuß zu entdecken. Man kommt langsam von einem Ort in den anderen, kann sich gut verabschieden und lernt viele Leute kennen.

Jan: Kannst du in etwa sagen, wie viel Geld dein Jahr in China gekostet hat?

Christoph: Auf dem Weg habe ich ungefähr 5000 € ausgegeben, da sind aber noch nicht die Visa, die Ausrüstung und die Flugtickets, die ich brauchte, um die Visa zu bekommen, drin.

Jan: Woher kam das Geld für diese Reise?

Christoph: Ich hatte kurz vorher eine kleine Erbschaft. Dann stand ich vor der Wahl: Entweder ich spare das Geld für die Rente, oder ich haue es auf den Kopf. Die Entscheidung war nicht sehr schwer.

Jan: Hat sich die Reise hinterher durch die Buchverkäufe wieder finanziert?

Christoph: Joa das kann man sagen. Man kann aber nicht bei seiner ersten Reise davon ausgehen, dass man hinterher seinen Erfahrungen versilbern kann. So zu denken wäre naiv.

Jan: Was würdest heute anders machen?

Christoph: (Überlegt lange) Ich glaube, ich hätte mehr gefilmt. Ich dachte Film ist unglaublich ätzend. Man muss alles hinterher editieren, es verbraucht viel Platz auf dem Rechner und außerdem hätte ich noch ein zusätzliches Gerät mitnehmen müssen. Ein Film wäre aber schön gewesen, die Leute gucken so was gerne. Nach dem Motto: „Guck mal, das bin ich beim Kiosk, Guck mal, das bin ich beim Blasen aufstechen“ oder „Guck mal, das bin ich mit meinem Durchfall.“

Jan: Andere Reisende sind oft zu zweit. Wie Frodo und Sam trotzen sie gemeinsam dem Abenteuer. Du warst allein. Warst du nicht teilweise sehr einsam?

Christoph: Nö.

Jan: Weil du so gut damit klarkommst alleine zu sein, oder weil du so viele Leute auf deinem Weg getroffen hast?

Christoph: Ich habe diese Frage oft gehört. Nachts sieht man den gleichen Mond, den die Leute die man liebt auch sehen. Außerdem wenn ich ganz viele Fotos mache und darüber schreibe, wo ich bin und was ich mache, dann sind diese Leute auch irgendwie dabei. Ich glaube, der große Unterschied zwischen alleine und gemeinsam reisen ist der, dass wenn du alleine bist, bist du auch immer angewiesen auf andere Leute. Du bist 360 Grad offen für die Menschen um dich herum. Wenn du zu zweit reist, hast du immer auch eine geteilte Sicht auf die Dinge. So kannst du die Welt, durch die du reist, nicht zu Hundert Prozent nur für dich erfahren. Diese Offenheit, die du dir dadurch selbst aufzwingst ist total schön.

Jan: Bist du dir aber nicht manchmal selbst auf die Nerven gegangen?

Christoph: Volle Kanne! Ich hatte die naive Vorstellung, dass ich auf der Reise besser werden würde. Ich dachte, durch das Laufen wird man wie ein Zen Mönch den Charakter kultivieren und dann würde ich meine ganzen schlechten Eigenschaften loswerden. Du bist immer mit dir selber zusammen und bist genauso, als wärst du jetzt in München oder sonst wo. Das war schon enttäuschend.

Jan: Ursprünglich wolltest du von Peking nach Deutschland laufen. Kurz vor der Grenze zu Kasachstan hast du dann aber abgebrochen. Warum?

Christoph: Meine Freundin ist abgehauen. Sie hat auf mich in Deutschland gewartet und hat dann irgendwann angerufen, gerade auch weil ich so bin wie ich bin und unterwegs nicht immer brav war, und meinte das war’s jetzt. Dann hatte ich auch das Gefühl der Einsamkeit über das wir eben sprachen. Es ist immer etwas anderes, wenn man das Gefühl hat es gibt ein imaginäres Publikum, einen Partner der irgendwo auf einen wartet, aber wenn das dann weg ist läuft man wirklich nur noch alleine durch die Gegend. Für nichts eigentlich.

Jan: Bist du zurück um das zu kitten, oder bist du zurück weil du keinen Bock mehr hattest?

Christoph: Ich hatte eigentlich schon noch Bock. Es lief alles toll. Ich war schnell, ich fühlte mich fit und daher hatte ich auch Lust weiter zu machen. Allerdings fühlte ich, dass die Dinge meiner Kontrolle entglitten. Ich bin jemand der vielleicht ein bisschen zu sehr von Prinzipien abhängt. Damals war das so:
‚Ich darf den Bart nicht abschneiden, ich darf die Haare nicht abschneiden.’
Das ist alles heilig. Und ich muss immer gehen, das ist auch heilig. Es gab so viele komische Prinzipien in denen ich gar nicht frei war. Ich war ein Sklave dieser Prinzipien. Ich wollte zurück, um meiner Freundin zu zeigen, dass ich etwas begriffen hatte. Zum Beispiel ‚Sie ist wichtiger als der Bart’. Auch wenn sie mich nicht mehr wollte. Vorher war ich der Bart und umgekehrt.
Es ist leicht sich in einem Korsett von Prinzipien zu bewegen. Auch wenn man denkt man macht jetzt etwas total Freies, neigt man als Mensch dazu sich selbst zu versklaven. Manchmal haben Leute an der Straße angehalten, mitten in der Wüste, und fragten ob ich nicht mitfahren will. Ich sagte dann immer: ‚Ich würde so gerne, aber ich kann nicht!’
Das haben die meist nicht verstanden und sagten mir: ‚Das sieht doch keiner, es ist doch Nacht.’
Die Menschen konnten oft nicht verstehen, wie stark ich an meinen Prinzipien hing und das ich die ewige nicht Auto fahrende Jungfrau bin.
Da stellte ich dann fest, dass ich mir meinen eigenen Chef hergestellt hatte.

Jan: Und das alles brach dann auf, als deine Freundin weg war?

Christoph: Ja genau! Mir war plötzlich klar, dass ich immer alles wollte. So geht das im Leben aber nicht. Man hat zwar alle Wahlmöglichkeiten, muss aber auch wählen können was wichtig ist und was nicht. Andersrum trifft man Entscheidungen aber auch viel einfacher wenn man sich einmal über seine Prioritäten klar geworden ist.

Jan: Jetzt frage ich mal eine Frage die wahrscheinlich jeder fragt. War das die schönste Zeit deines Lebens?

Christoph: Das wurde ich tatsächlich noch nie gefragt. Ich glaube da gehen die Leute immer von aus. (Überlegt kurz)
Nein. Damals der Weg von Paris nach Hause war viel schöner. Das waren 23 Tage ohne Fotos machen, ohne Texte schrieben, ohne Zelt und ohne Geld.
Da bin ich wirklich frei gewesen.

Jan: Bist du von Paris gelaufen weil du nicht ankommen wolltest, da die Rückkehr auch das Beginn des Studiums bedeutet hat?

Christoph: Ja ich glaube, ich wollte gar nicht ankommen. Ich wollte nicht studieren.

Jan: Was wäre mit dir passiert, wenn du nicht durch China gelaufen wärst?

Christoph: Ich hätte früher meinen Abschluss gehabt und auch früher meinen Lebenstraum realisiert in einer Rückversicherung zu arbeiten. Das ist etwas das ich sehr, sehr bereue.

Jan: Was genau bereust du?

Christoph: Das ich nicht meinen Lebenstraum in einer Rückversicherung zu arbeiten realisiert habe, da mich dieses Thema brennend interessiert. Nicht Versicherung per se. Da hätte ich viel mehr spannende Dinge erlebt wenn ich da gearbeitet hätte, anstatt durch China zu laufen.

Jan: Heißt das im Endeffekt, dass du die Reise bereust?

Christoph: Haha, ich mach doch nur Witze! Ich hab doch nichts mit Versicherungen am Hut.

Jan: In einem Interview mit arte auf der Frankfurter Buchmesse hast du aber auch gesagt, du willst bei einer Rückversicherung arbeiten…

Christoph: Ja da war das auch so.

Jan: Du willst also nicht in dieser Branche arbeiten?

Christoph: Nein will ich nicht. Ich kann doch nicht mal mit Mathe irgendwas machen. Hast du mir das wirklich geglaubt?

Jan: Keine Ahnung, wer verrückt genug ist durch die Wüste Gobi zu laufen, dem traue ich auch zu, dass er gerne in einer Rückversicherung arbeiten will.

Christoph: Ich finde die Vorstellung so toll, dass jemand sagt sein Traum wäre es in einer Rückversicherung zu arbeiten. Weil ich glaube viele Leute arbeiten dort, da es angenehm ist. Das fand ich witzig, dass ich dann jemand bin der sagt ich will da unbedingt arbeiten, das ist das Beste der Welt.
Um wieder ernst zu werden, ich weiß nicht was dann anders gewesen werde. Ich hätte auf jeden Fall meinen Abschluss früher gehabt. Allerdings kann ich mir das gar nicht vorstellen, wie mein Leben dann jetzt wäre. Damals war dieser Wunsch so stark, dass es keine Alternative zu der Reise gab.

Jan: Wie hält man seine Füsse in Schuss? Ich weine schon Tage lang, wenn ich nur einmal Wandern gewesen bin.

Christoph: Das ist bei mir nie besser geworden. Blasen musst du aufstechen. Die stichst du Abends auf, machst sie dann leer und lässt sie über Nacht trocknen. Wenn die dann trocken sind kannst du ohne Probleme am nächsten Tag weiter laufen.

Jan: Wirst du deine Reise irgendwann mal zu Ende führen?

Christoph: Ich hätte voll Bock. Aber ich kann leider nicht so gut russisch. Auch mit den Visa wird das auf dem weiteren Weg schwieriger. Manchmal gucke ich auf Google Maps was da noch so kommt. Mystische Städte wie Samarkand ziehen mich einfach an. Ich hoffe das es irgendwann noch passieren wird. Ich bin 2010 und 2012 noch weiter gelaufen und stehe nun 5 Meter vor der kasachischen Grenzen. Ich konnte in das weite Land dahinter sehen, aber hatte kein Visum um diese imaginäre Grenze zu überqueren.

Jan: Alle haben immer Schwierigkeiten mit dem Begriff Hipster. Niemand will einer sein. Ich glaube ein Hipster ist einfach jemand der sehr viel Wert legt auf Individualität. Kannst du dich mit diesem Bild identifizieren?

Christoph: Ich würde um das ganze Interview abzurunden und auch das was wir gerade gesagt haben, dass es keine Hipster gibt, es auf mich nehmen und sagen: ‚Ich bin ein Hipster.’
Damit bin ich die einzige Person die das getan hat. Ich weiß nicht ob’s stimmt, aber ich würde es für die Hipster machen, auch damit zukünftige Archäologen nicht sagen: ‚Das war ein Phantom.’
Eigentlich denke ich, ich bin jemand der viele Abenteuer Romane gelesen hat. Ich bin eine romantische Seele die Abenteuer sucht.

Jan: Christoph ich danke dir sehr für das spannende Gespräch!

Für faule Nicht-Leser gibt es das ganze Video in Videoform auf unserem Youtube-Channel:

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