Kultur, Nach(t)kritik

Schweigen ist eben doch nur Silber…

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Bosse

Am Freitagabend spielte Bosse in der Theaterfabrik. Wie gut es werden sollte, wusste er vorher wohl selbst nicht.

Vor allem nicht nach der Diagnose Kehlkopfentzündung. Eine Woche vor dem Auftritt. Sprechverbot und Konzertabsagen, keine guten Vorzeichen. Doch das Bangen hat sich gelohnt. Und das wurde belohnt. Bosse rockte, als ob er sich selbst am meisten darüber freuen würde, sein Organ zurückzuhaben.

Als Axel „Aki“ Bosse kurz vor Neun loslegte, waren die rund tausend Gäste schon bester Stimmung, was natürlich an der Vorfreude lag, aber auch an der tollen Vorband Pilot aus Köln. Die waren 2009 zwar schon bei Raabs BuViSoCo dabei, aber wohl niemandem so recht aufgefallen (Platz 14). Wirklich schade eigentlich. Der rockige Singer/Songwriter-Sound und die klugen melancholischen Texte waren ein weiterer Nachweis dafür wie gut deutsche Musik sein kann.

Das weiß man von Bosse aber schon lange. Der war von Beginn an voll auf der Höhe und fing mit einigen alten Nummern an. „Dein Arzt sagt es ist okay, aber alles tut weh“ lautet eine Zeile aus „3 Millionen“, von irgendwelchen Beschwerden war aber mal überhaupt nichts zu hören. Aki sang, rockte, tanzte, sah dabei zugegebenerweise aus wie ein geschorener Schimpanse, aber hatte merklich beste Laune, die er regelmäßig zum Ausdruck brachte. „München ich hab so eine Freude mit euch heute Abend!“ – „Und wir mit dir, Aki!“, grölte jemand und sprach damit der ganzen Halle aus der Seele. Eine Liebeserklärung so spontan und ehrlich, wie jede Strophe in seinen Liedern. Und so sang er weiter und lies sich auch von kleinsten Pannen nicht aus der Ruhe kriegen (Der Drummer hatte die Trommel durchgehauen, peinliche Stille, nachdem Bosse zugegeben hatte, Eintracht Braunschweig-Fan zu sein). Ein Song für den besten Freund, einen für die beste Freundin, für Erika, die Ladenbesitzerin, einen „für euch, München“ („Wuuh!“). Alte Songs, neue Songs. Rockig, ruhig. Aber immer bossegut.

So vergingen die zwei Stunden viel zu schnell und während es draußen regnete feierte Bosse München, München Bosse und jeder sich selbst, dabei gewesen zu sein. Und irgendwie wollte keiner, dass es aufhört. Als während der letzten Zugabe „Wende der Zeit“ Bosses In-Ear Probleme machte, er kurz stockte, übernahm das Publikum die Lyrics – perfekt. Der Fehler wurde behoben, Aki entschuldigte sich artig und fing eben nochmal von vorne an.

„Ich liebe es einfach, wenn man einen Künstler sowieso schon geil findet und der dann live noch viel geiler ist!“, schwärmte Julia, 18, die extra aus Baden-Württemberg gekommen war.
Als es dann wirklich vorbei war, wusste keiner mehr, warum man sich überhaupt Sorgen um den Axel gemacht hatte. Kehlkopf-was?

Egal. Schweigen ist eben doch nur Silber. Und Bosse Gold.

Pilot – So oder So

Bosse – Weit Weg

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