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Aktuell, Stadt, Wohnen trotz München

Stadt-Land-Flucht: Ist Münchens Umland wirklich so attraktiv?

Dass der Wohnraum in der bayrischen Landeshauptstadt immer knapper wird, ist nichts Neues. Unser schönes München ist beliebt wie nie und lockt massenhaft Menschen an: bis 2030 sollen es sogar 1,8 Millionen sein. Manche Experten rechnen auch schon eher damit, dass die 2 Millionen-Marke erreicht wird.

Mit der stetig wachsenden Einwohnerzahl werden auch die Mieten für die immer rarer werdenden Wohnungen nach oben getrieben, gerade in der Innenstadt.

Was viele zu einem teilweise unfreiwilligen Entschluss zwingt: Pfiat di München und Hallo Umland!

Dieser Trend zeigt sich auch in den Statistiken: Allein im Jahr 2016 ließen 25.969 Menschen laut SZ die Stadt hinter sich und zogen ins Umland. Das sind 8.305 mehr als andersherum (17.664).

Die beliebtesten Ziele in der Region sind übrigens:

  • Germering (14.857)
  • Unterhaching (12.279)
  • Haar (11.952) und
  • Dachau (11.044)

Das Umland boomt also, aber was muss getan werden, damit es für junge Menschen wirklich eine Alternative zur Innenstadt wird?

Raus in die scheene Natur! Oder?

Umland. Was für eingefleischte Städter erstmal nach Natur, Ruhe und frischer Luft klingt, ist vielleicht etwas zu wildromantisch gedacht. Ja, im Umland gibt es viele Felder. Vielleicht sogar den ein oder anderen versteckten Badesee. Und es macht auch bestimmt niemand um vier Uhr morgens Party unter deinem Schlafzimmerfenster. Weil es da nämlich nichts gibt.

Nichts ist natürlich nicht nichts. Natürlich gibt es Supermärkte, Schulen und S-Bahnen – wenn auch nur im 20-Minuten-Takt. Restaurants, Cafés und Bars gibt es schon auch. Im Umland lässt es sich zweifelsohne wohnen. Aber…

Hässliches Umland – schönes München?

„Für viele Planer ist es offenbar nicht sexy, sich mit der architektonischen Entwicklung des Speckgürtels zu befassen“, sagt Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger für Oberbayern, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Und gerade das wäre wichtig, um das Münchner Umland für Zuzügler attraktiv zu machen.

Denn günstigeren Baugrund (von günstig kann hier ja leider auch keine Rede sein) allein weckt kein Heimatgefühl – doch das braucht es, um das Entstehen seelenloser Geisterstädte zu verhindern. Als Spezialist für Regionalkultur, modernes Bauen und Tourismus warnt Göttler davor, Neubausiedlungen in großer Zahl aus dem Boden zu stampfen, nur um möglichst schnell möglichst viel möglichst günstigen Wohnraum zu schaffen.

Und das war’s dann mit der scheenen Natur?

Wichtig sei es vor allem, die bestehenden Ortskerne, die sonst veröden würden, zu stärken, attraktiv zu machen und mit Leben zu füllen. Natürlich geht es nicht ohne Neubau, das weiß auch Göttler. Trotzdem fordert er Zurückhaltung.

Denn noch sieht es ja vor allem so aus: 

Gerade junge Leute fahren oft in die Stadt: Zum Arbeiten, in die Uni, zum Shopping, in das „hippe“ Café, in das „hippe“ Restaurant, die „hippen“ Bars und Clubs. Ja, sogar in den Englischen Garten oder an die Isar, weil Sardinen-Feeling halt doch irgendwie geiler ist, als all die Ruhe und architektonische Einheitsbrei im Umland.

Auf Kosten der Ästhetik und Umwelt gehen dort vor allem die großen Hallen der monotonen Gewerbegebiete. Mit dem Ziel, möglich viel Gewerbesteuer zu kassieren, vergeben die Gemeinden Gewerbeflächen schnell und unüberlegt. Die Konkurrenz der Gemeinden treibt dies noch zusätzlich an.

So sieht man vielerorts die gleiche Riege an T€di-Läden, Mister*Lady & Kaufland, während die Ortskerne verwaisen und es an ernsthaften Alternativen wie liebevoll geführte Läden und Cafés mangelt.

Attraktiv und Dezentral: das sind wirklich die Vorteile des Umlands

Norbert Göttler setzt auch auf eine funktionierende Sozialstruktur, mit langfristigen Engagements von Vereinen und Verbänden, die den Ort prägen. Denn das ist ja der eigentliche Vorteil, den man sich vom Leben in der Vorstadt verspricht: Nachbarschaft. Sich gegenseitig kennen. Heimatgefühl. Einen neuen Lebensmittelpunkt nicht fernab der Stadt zu finden, aber wenigstens mit ernsthaften Alternativen.

Garching und Freising machen es vor

Eine Dezentralisierung von Arbeitsplätzen und Hochschulen wäre ein erster Schritt. Garching und Freising gehen hier mit gutem Beispiel voran.

Das könne auch das bestehende Pendlerproblem lösen. 368.251 Menschen pendeln jeden Tag in die Stadt, in die entgegengesetzte Richtung sind es laut SZ 173.407.

Da sind Stau und Verkehrschaos vorprogrammiert, denn günstig ist es nicht im 12. Ring zu wohnen. Die geringere Miete lässt sich nämlich direkt auf das MVV-Ticket umlegen. Der Umstieg aufs Auto ist also nach wie vor (leider) eine echte Alternative, sowohl finanziell als auch zeitlich. Denn ein Geheimnis ist es ja nicht, dass das Öffentliche Verkehrsnetz dieser Belastung jetzt schon nicht mehr Stand hält. Mal ganz abgesehen von der Zuverlässigkeit der S-Bahn, wenn es – sagen wir einmal – Winter ist.

Fazit: Umland ja, wenn…

… zum einen, neue U-und S-Bahnen geplant werden. Die geplante U9 und die zweite Stammstrecke gehen definitiv in die richtige Richtung. Oder, wie wäre es sogar mit einer RingBAHN? Nein kein Ringbus, sondern wirklich eine Bahn. Oder mit mehr steuerlichen Anreizen die Öffis zu nutzen und nicht das eigene Auto?

Und zum Anderen: mehr Feingefühl bei der Städteplanung. Damit keine seltsam-hässlichen Retorten-Vorstädte wie Neuperlach entstehen, sondern wirklich eine kulturelle und ästhetische Alternative zur Innenstadt geschaffen wird.

 


Beitragsbild Flirck von Crosa, CC BY-SA 2.0weitere: Warden via CC-BY-SA-3.0, Zeitlupe via CC-BY-SA-4.0

Giulia Gangl

Giulia Gangl

"Überladung mit überflüssigen Fremdwörtern,
ausgiebige Verwendung von Modewörtern.
Die grauenhafte Unsitte, sich mit Klammern (als könnte mans vor Einfällen gar nicht aushalten) und Gedankenstrichen dauernd selber - bevor es ein anderer tut - zu unterbrechen, und so (beiläufig) andere Leute zu kopieren und dem Leser - mag er sich doch daran gewöhnen! - die größte Qual zu breiten.
Aufplustern der einfachsten Gedanken zu einer wunderkindhaften und verquollenen Form."
(Kurt Tucholsky)

Ups.
Giulia Gangl
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