Aktuell, Kultur

Wenn aus einer ungewollten Schwangerschaft Bühnenkunst wird

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

Mehr künstlerische Entfaltung und Verwirklichung ihrer eigenen kreativen Ideen: Aus diesen Gründen hatte die Schauspielerin Josepha Sophia Wagner nach fünf Jahren ihr Festengagement am Landestheater Niederbayern gekündigt. Denn so schön die Sicherheit einer Festanstellung ist – im Theaterbetrieb mit täglichen Proben und über einem Dutzend Premieren im Jahr bleibt nicht viel Zeit für Selbstverwirklichung.

„Ich wollte nie Familie. Ich dachte, das schränkt die Kreativität ein.“

Also ging Josepha Wagner 2015 nach München, um als freie Schauspielerin zu arbeiten. „Das war natürlich ein Schritt in die Unsicherheit, aber ich hatte ja weder Mann noch Kinder, die ich ernähren musste“, sagt die Schauspielerin. Überhaupt habe sie auch niemals eine Familie gewollt: „Ich war der Überzeugung, das raubt einem die Freiheiten, die man zum kreativen Schaffen braucht.“

Aus der Traum?

Doch einen Monat nach dieser Entscheidung kam alles anders: Josepha wurde schwanger. Nach der ersten Nacht mit einem Mann, den sie gerade einmal vier Wochen kannte. Auch er Freiberufler (Fotograf), auch er ohne Kinderwunsch. Eigentlich.

Die damals 35-jährige Josepha, die seit der Schauspielschule nur für die Bühne lebte, stand vor der wohl schwierigsten Entscheidung ihres Lebens: Abtreiben? Oder das Kind bekommen? Doch was würde dann aus ihrem Traum, sich schauspielerisch weiterzuentwickeln? Und wie das Ganze finanzieren?

„Plötzlich rund“: Am 5., 6. und 7. Oktober treten Josepha und Markus Wagner im Fraunhofer Theater auf.

Nach Überwindung der Angst…

Die Schauspielerin wog alle Möglichkeiten gründlich ab – kein einfacher Prozess in der Phase des Umbruchs, in der sie sich ohnehin schon befand. Sie war dann für ein Projekt am Theater Paderborn und wollte eigentlich abtreiben – aber so ganz richtig fühlte sich diese Entscheidung für sie nicht an. Sie begann, Texte darüber zu schreiben, ihre Gefühle und Gedanken dadurch zu ordnen.

…lief alles „Plötzlich rund“

„Dabei wurde mir klar, dass ich nur Angst hatte. Weil ich nie an die große Liebe geglaubt und mich immer an den Vorstellungen meiner Mutter orientiert habe“, erzählt Josepha. Doch der Vater ihres ungeborenen Kindes, Markus Wagner, war für sie da. Sagte, er würde sie bei jeder Entscheidung unterstützen.

Da entschied sich Josepha, das Kind zu bekommen – alles andere würde sich schon irgendwie ergeben. „Wenn man seine Ängste überwindet, tun sich einem unfassbar tolle Welten auf“, sagt die quirlige Schauspielerin.

Humorvoll, persönlich – und zum Nachdenken anregend

Tatsächlich lief seit der Entscheidung plötzlich alles rund: Erst fanden die beiden eine gemeinsame Wohnung in München – trotz Schwangerschaft und Freiberuflichkeit. Dann entwickelten Josepha und Markus Wagner, inspiriert von ihrer eigenen Geschichte, zusammen ein Bühnenprogramm: Eine bunte Mischung aus den sehr persönlichen, berührenden Texten der zweifelnden Josepha zu Beginn der Schwangerschaft, aus Gedichten von Markus und eigenen Songs. Und dann kam im September 2016 ihr gesunder Sohn zur Welt. „Das Beste, das mir je passiert ist“, sagt Josepha über ihre neue Rolle.

Neue Rolle, neue Träume

Anstatt sie ihrer Freiheit zu berauben, fachte Josephas Sohn ihr kreatives Schaffen also eher an: Die Schauspielerin hat endlich ihr eigenes Programm auf die Beine gestellt, zu dem sie vielleicht bald ein Buch veröffentlicht, und macht wieder mehr Musik. Gleichzeitig genießt sie es, auch ein Privatleben zu haben – und dass die Kombination aus Beruf und Familie sehr wohl funktioniert. Auch als freie Schauspielerin: Jetzt nimmt sie eben nur noch Stückverträge mit Festengagement an (zuletzt bei den Luisenburg Festspielen).

Lachen und Mutmachen

Zwischen musikalischer Lesung und Kabarett kommt „Plötzlich rund“ in ganz Bayern sehr gut an. Josepha ist es dabei wichtig, das Publikum auch zum Nachdenken anzuregen. Zu hinterfragen, ob man bestimmte Entscheidungen vielleicht nur aus elterlicher Prägung oder gesellschaftlichen Konventionen trifft. „Ich will niemanden dazu überreden, Kinder zu bekommen, sondern eher Mut machen, hinter seine Ängste zu schauen.“ Denn was ist, wenn sich dahinter – wie bei ihr – das große Glück verbirgt?


Am 5., 6. und 7. Oktober könnt ihr „Plötzlich rund“ im Fraunhofer Theater sehen. Karten gibt’s hier.


Fotos: © Markus Wagner

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