Kultur

Untergrundgewächse im Biederstein

Philipp Bovermann
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Foto Orga Team_430

Die schönsten Blumen wachsen im Keller. In der Realität wird sich das kaum beweisen lassen, auf die Brechung der Realität, in der Kunst, trifft der Satz schon eher zu. Das Projekt „Kunst im Keller“ schafft derzeit im wörtlichen und übertragenen Sinn unter der Oberfläche, ausgerechnet des post-gentrifizierten Schwabing, einen kreativen Freiraum.

Keller große Bar_430

Das Verhältnis der Kunst zu ihrer ökonomischen Verwertbarkeit ist, sagen wir es vorsichtig, von Hassliebe gezeichnet; zwei sich widerstrebende Sinnmomente, magnetisch aufeinander bezogen. Die profane Realität, die zu ignorieren sich die Kunst nicht erlauben darf, zwingt sie dabei zu mitunter erfrischend handgreiflichen Selbstaussagen. Das letzte Wort, so scheint es, bleibt doch immer der Schulter vorbehalten, die den bunt plärrenden Spötter trägt. Was allerdings geschieht, wenn Fläche, Bühne und Leinwand sich von vornherein in einer Umgebung befinden, die öffentlich und wieder nicht-öffentlich zugleich ist? Was könnte das für ein Ort sein?

Unweit der Münchner Freiheit befindet er sich, den Münchnern ist er durch den alljährlich ausufernden, berühmt-berüchtigten Studentenfasching am Biederstein bekannt, für dessen Karten sich schon am Nachmittag der Feier lange Schlangen bilden: Der Keller des Biedersteiner Studentenwohnheims. Besagter Keller wurde nun renoviert, in Jahrzehnten entstandene künstlerische Spuren studentischer Feierkultur und Freigeisterei sind unter einer Schicht weißer Farbe verschwunden. Man kommt sich nunmehr wie im Vorzimmer eines Zahnarztes vor, nicht wie in dem brodelnden, irren Loch, in dem angeblich schon Kinder gezeugt, ungezählte Freundschaften beschlossen und begossen wurden.

Panorama große Bar_430

Es gilt, neuen Geist auf die weißen Wände zu bringen. Zu diesem Zweck haben die Studenten einen Kunstwettbewerb ausgeschrieben. „Wir wollen den Prozess wieder anstoßen“, sagt Christian Landspersky, Student an der Kunstakademie – den Prozess, dessen ungeheure Eigendynamik den Keller und die Biedersteiner Studentenkultur in so vieler Hinsicht geprägt haben. Vorausssetzung für diese Dynamik war stets ein ungewöhnliches Maß an Freiheit. Die Veranstalter bleiben sich selbst treu und sehen daher von irgendwelchen Vorgaben gänzlich ab.

Erlaubt ist alles, was den Raum befeierbar erhält, nur die leidigen Brandschutzverordnungen müssen die Bewerber berücksichtigen. Mitmachen darf jeder. Das Studentenwerk und das Kulturreferat fördern das Projekt und ermöglichen somit Preisgelder von 1000, 500 und 300 Euro für die drei erstplatzierten Arbeiten. Außerdem übernehmen sie die Materialkosten der Künstler. Eine Jury, zusammengesetzt aus Biedersteiner Studenten und Vertretern der Münchner Kulturszene, entscheidet über die Auswahl der eingereichten Konzepte. Einsendeschluss ist der 7. Januar, am 11. beginnt bereits die Umsetzungsphase, die bis Anfang Februar andauern wird.

Raum 5 Presse_430

Für die Zeit danach steht schon einiges auf dem Programm. Neben der erwähnten Faschingsfeier sind auch regelmäßige öffentliche Veranstaltungen wie Lesungen, Nerd-Nites, Konzerte und ähnliches geplant. Zur Vernissage der Kellerräume wird eine Band spielen, in der darauf folgenden Woche zieht ein Theaterstück unter Tage. Der Keller als semi-öffentlicher Raum bietet ungeheuere Möglichkeiten, aber keinerlei finanziellen Druck; er ist einfach da. Künstler und Kunstinteressierte, die der lebendigen, sich immer wieder verlagernden, der Sub-Kultur nachforschen, sollten sich ein Bild davon machen, was sich in Schwabing einige Meter unter dem Boden der schnöden Tatsachen zusammenbraut.

Informationen zu Kunst im Keller finden Sie unter http://www.biedersteiner.de/kunstimkeller/

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