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Vom Unsichtbarsein oder how to not give a shit

Birgit Buchart

Birgit ist absichtlich Münchnerin und kam vor drei Jahren aus dem fernen Österreich zu uns. Neben ihrem Hochdeutsch verbessert sie in München auch ihr Englisch und studiert an der LMU Anglistik. Weil das mit dem Englisch mittlerweile ziemlich gut klappt, ist sie jetzt ein bisschen in New York und berichtet auf mucbook alle zwei Wochen von den Abenteuern einer österreichischen Münchnerin in der ganz großen Großstadt.
Birgit Buchart

Ich bin jetzt seit zwei Wochen in New York, mein kleines persönliches Abenteuer hat also gerade erst begonnen. Trotzdem habe ich schon die ein oder andere Lektion von der Stadt gelernt. Zum Beispiel die Vorzüge des Unsichtbarseins. Oder anders gesagt, wie man in den unausweichlichen Menschenmassen Einsamkeit genießt.

Den New Yorkern wird oft nachgesagt ignorant zu sein und so ein Klischee kommt natürlich nicht aus dem Nirgendwo: In der Ubahn wird jeglicher Blickkontakt gemieden und grundsätzlich kapselt man sich immer und überall mit seinen iPhone Kopfhörern von der Außenwelt ab. Wer jetzt das Gefühl hat, in München wäre das ähnlich, dem kann ich nur widersprechen. Das Nebeneinander ist hier wirklich noch einen großen Schritt weiter vom Miteinander entfernt, als Zuhause. Und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich diese Eigenheit bereits zu schätzen und lieben gelernt.

Mit der Zeit wurde mir klar, dass es in den wenigsten Fällen tatsächlich Ignoranz ist, die hinter der Abschottung steckt, sondern vielmehr Höflichkeit und Selbstschutz. Fakt ist, in New York lebt man auf weniger als 800 Quadratkilometern mit 8 Millionen Menschen wortwörtlich Schulter an Schulter. In der Ubahn quetscht man sich auf eine wagonbreite Bank und liefert sich gleichzeitig einer Reihe von Blicken wildfremder Menschen auf der gegenüberliegenden Bank aus und in Cafés oder Restaurants stehen die Tische so nah beisammen, dass man die Gespräche anderer nur mit Mühe überhören kann. Lediglich ein kleiner Anteil der New Yorker kann sich hier alleine eine Wohnung nehmen und selbst wenn, findet man sich spätestens beim Wäsche waschen wieder in fremder Gesellschaft.

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Um das alles irgendwie entspannt zu bewältigen, sich nicht andauernd beobachtet zu fühlen und sich ein kleines Stück von der Privatsphäre zurückzunehmen, die platztechnisch ganz einfach nicht vorhanden ist, lernt man hier also „not to give a shit“. Man lernt einzusehen, dass man sowieso nicht auffällt oder sich blamiert, ganz egal was man macht. Leute singen vor sich hin, lesen in der Ubahn laut ihre Tageszeitung, besprechen die persönlichsten Dinge beim Brunch, gehen im Pyjama in den Supermarkt und ernten trotzdem nicht das geringste Fünkchen Aufmerksamkeit.

Die Spanne, die hier als „normal“ betitelt wird, ist ziemlich groß und es ist verdammt schwer, aus dieser Kategorie auszubrechen. Blicke sind selten und wertende praktisch nicht existent. Sogar in den Hipster-Gegenden in Brooklyn mischen sich so viele verschiedene Arten von Menschen unter das Flanellhemd-Vollbart-Volk, dass der Stildruck verfliegt und mit ihm das Gefühl irgendwo nicht hinzupassen. Selbstdarstellung verliert hier etwas an Gewicht, weil man so oder so in der Masse untergehen wird und ich, für meinen Teil, genieße meinen kleinen sozialen Selbstmord gerade in allen Zügen.

Die Leichtigkeit des unsichtbaren Seins

Sich einzureden, dass es egal sei, was sich andere denken ist in New York meines Erachtens gar nicht nötig, es interessiert ganz einfach niemanden. Gleichzeitig bemühe auch ich mich, die private Luftblase anderer mit meinen Blicken nicht zu zerstören, womit wir bei der Höflichkeit wären. Für ältere Damen wird in der Bahn Platz gemacht und gelegentlich wird einem sogar die Tür aufgehalten  – die Aufmerksamkeit ist da, man hält sie einfach nur gerne so lang wie möglich geheim.

Natürlich ist das Gefühl des Alleinseins in so einer überfüllten Stadt, wie New York, besonders wichtig, nichtsdestotrotz, würde ein klein bisschen Scheiß-drauf-Attitude auch München ganz gut tun. Beschränkt doch mal die Selbstdarstellung und Fremdbewertung auf euren Instagram Account und verschwindet auf der Straße in die entspannende Leichtigkeit des puren, unsichtbaren Seins.
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Fotocredit: Birgit Buchart


So not Munich, sondern New York, New York! Birgit Buchart hat es vom gemütlichen Riesendorf München in den concrete jungle where dreams are made of verschlagen. Was an den viel besungenen New-York-Klischees so dran ist, schaut sie sich in den nächsten Monaten mal genauer an. Und mucbook liest mit.

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