Aktuell, Leben, Wohnen trotz München

WOHNEN DER ZUKUNFT: Bunte Gemeinschaft im bunten Westend

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

Der Weg zu unserer Redaktion im Münchner Westend führt an Spielhallen, Obsthändlern, Dönerläden und Kunstgalerien  vorbei, zudem haben sich viele politische Aktionsbündnisse hier angesiedelt. Im gesamten Viertel liegt wegen der Nähe zum Augustiner-Bräu immer der Geruch nach Bier in der Luft und mindestens einmal pro Tag fährt ein Auto mit getönten Scheiben und dröhnender Musik durch die Einbahnstraßen. All das macht den Charme des bunten Westends aus.

In der Reihe „WOHNEN DER ZUKUNFT“ stellen wir euch alternative Wohnprojekte in München vor – und beginnen mit der Ligsalz8:

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Vor der Ligsalz8

Das Münchner Westend hat seit der Ansiedlung der Industrie einen vergleichsweise hohen Arbeiteranteil und ist eins der am dichtesten besiedelten Stadtviertel – dennoch stehen viele Häuser leer. (Ein berühmtes Beispiel ist das Schnitzelhaus, gegen dessen Leerstand vor Kurzem demonstriert wurde.) Doch mittendrin, in der Ligsalzstraße 8, steht ein bunt bemaltes Haus: Die Ligsalz8 – ein alternatives Wohnprojekt, das sich gegen die Spekulation auf dem Wohnungsmarkt einsetzt.

Die Türen der Ligsalz8 sind eigentlich immer offen: In ihrem Erdgeschoss veranstalten die Bewohner Gruppentreffen, Informationsveranstaltungen, Lesungen, kleine Konzerte. Es gibt einen Chor, Vorbereitungstreffen für politische Aktionen und natürlich Yogastunden. Auch wer neue Ideen hat und tagsüber einen Raum braucht, kann sich einfach melden. Und einmal im Monat laden die 12 bunt zusammengewürfelten Bewohner der Ligsalz8 alle Freunde des Hauses zu einem leckeren Brunch ein.

Wir haben unseren Nachbarn in der Ligsalz8 einen Besuch abgestattet und sie gefragt, wie und warum sie so leben:

MUCBOOK: Was macht ihr eigentlich beruflich?
Ligsalz8: Es ist alles „geboten“: Von HandwerkerIn, SportlehrerIn, ÄrztIn über Freiberufliche, HistorikerIn und RestauratorIn bis hin zu Menschen ohne Job, sind alle dabei.

Wie habt ihr denn davor gewohnt und gelebt? 

Viele haben vorher schon lange in größeren WGs gewohnt oder auch in anderen Projekten. Andere haben auch eine Zeit lang alleine gewohnt oder zusammen mit ihrem/r PartnerIn.

Was ist eure Lebensphilosophie und wie kamt ihr auf die Idee eurer Zusammenwohn-Form? 

Eine gemeinsame Lebensphilosophie gibt’s wahrscheinlich nicht, aber alle haben Lust auf gemeinschaftliches, selbstbestimmtes und -verwaltetes Wohnen. Uns allen ist es ein Anliegen, in einer bestimmten Form das Leben im Viertel mitzugestalten und auch politisch aktiv – manche mehr, manche weniger – zu sein. Zudem ist es uns sehr wichtig im Rahmen des Mietshäusersyndikats ein solches Objekt dem Spekulationsmarkt zu entziehen, um langfristig finanzierbare Mieten für alle BewohnerInnen zu garantieren. Unserem Selbstverständnis folgend haben wir die Ladenetage im Erdgeschoss in einen großen Veranstaltungsraum umgewandelt.

Der Veranstaltungsraum im Erdgeschoss

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Kanntet ihr euch schon vorher oder wie habt ihr zusammen gefunden? 

Am Anfang stand eine Informationsveranstaltung über das Mietshäusersyndikat. Dort haben sich ein paar Gleichgesinnte gefunden, die sich dann hartnäckig über mindestens sechs Jahre getroffen und an der Verwirklichung des Projekts gearbeitet haben. Ein Teil von den GründerInnen lebt noch im Haus, ein Teil ist weitergezogen. Die neuen MitbewohnerInnen sind ganz unterschiedlich ins Haus gestolpert.

Warum im Westend? Wie seid ihr an das Haus gekommen?
Das Haus gehörte vorher zwei Spekulanten, die es wohl einer alten Frau rausgeleiert haben und damit sicher eine ordentliche Gewinnspanne erzielt haben. Es stand in einer kleinen Anzeige in der Süddeutschen und nach einigen Verhandlungen haben wir dann rasch zugeschlagen. Zentrumsnah war uns wichtig, aber in München hat man bei den irren Grundstückspreisen keine große Wahl.

Mehrere WGs auf mehreren Etagen

Wie kann man sich euer Zusammenleben vorstellen: Ist es wie eine WG mit Gemeinschaftsküche und -bad?
fullsizerender-2Wir haben insgesamt drei WGs, zwei à drei Leute und eine größere WG mit sechs Leuten über zwei Stockwerke. Jede WG hat eine eigene Küche und ein eigenes Bad. Die Türen sind nicht verschlossen, mal speist man abends im 3. Stock, dann auf dem Balkon im ersten oder vielleicht gemeinsam in unserem „Laden“ im Erdgeschoss. Wer seine Ruhe haben will, macht seine Zimmertür zu, wer Lust auf Gemeinschaft hat, setzt sich in unseren wunderschönen Hof und wartet meist nur kurz bis sich eine/r dazugesellt. Entscheidungen, die das Haus betreffen, werden in unserem Plenum alle zwei Wochen im Konsens getroffen.

Wie alt ist jeweils der jüngste und der älteste Bewohner der Ligsalz 8?
Wir werden bald ein Neugeborenes begrüßen dürfen. Gerade sind wir so zwischen 28 und 55. Da reden wir nicht oft drüber.

Euer Projekt ist Mitglied des Mietshäusersyndikats. Was sind die Vorteile daran?
Oft geht der starke Wunsch der Initiative nach einem selbstorganisierten Hausprojekt einher mit einer äußerst schwachen Kapitalausstattung der Mitglieder. Mit Krediten von der Bank und/oder direkt von Menschen, die das Projekt unterstützenswert finden und dort ihre Ersparnisse parken („Direktkredite“), kann auch ohne viel eigenes Geld ein Haus erworben und sozial verträgliche Mieten möglich gemacht werden. Im Gegensatz zu den meisten Genossenschaften müssen die MieterInnen beim Syndikatsmodell auch keine Einlage bezahlen.

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Das Münchner Mietshäuser Syndikat – erklärt im Schaufenster der Ligsalz8.

Zahlen alle gleich viel Miete? Und wie viel ungefähr?
Aktuell zahlen alle gleich viel Miete und die Räume sind auch ungefähr gleich groß. Aber da wir selbstverwaltet sind, kann es auch sein, dass sich das mal ändert und die Mieten den Vermögensverhältnissen der Einzelnen angepasst werden, je nachdem wie wir das alle zusammen entscheiden. Der Quadratmeterpreis liegt im Augenblick bei ca 8-9€ warm und wird nicht steigen.

„Menschen aus dem Westend haben Motive, Ideen, Gedanken über unser Viertel eingebracht und dann zusammen an die Wand gezaubert.“

Wer hat das Haus so bunt bemalt?
Das haben wir und viele andere Menschen aus dem Westend und München gemalt. Entstanden ist das Kunstwerk – ein kommunales partzipitatives Wandbild- im Rahmen eines Workshops des mexikanischen Künstlers Checo Valdez.

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Die 12 Bewohner der Ligsalz8 fahren fleißig Fahrrad…

Eignet sich München für ein solches Wohnprojekt? Wenn ja, warum?
Es MUSS mehr solche Häuser in München geben – einer Stadt, in der die Mietpreise explodieren! Die Organisation im Rahmen des Mietshäusersyndikats bietet allen BewohnerInnen die reizvolle Möglichkeit, trotz keines oder beschränkten Eigenkapitals ein solches Objekt zu erwerben. So wird ein Haus dem explodierenden Mietmarkt entzogen und langfristig finanzierbare Mieten für alle BewohnerInnen garantiert. 
Leider wird es im Schwimmbecken mit den ganzen Immobilienhaien immer schwieriger auf „normalem“ Weg ein geeignetes Objekt zu finden.
Hier ist die Stadt München gefragt, solche Projekte, an denen niemand verdient, ähnlich wie Genossenschaften zu unterstützen – nicht zuletzt hat dies auch viele Vorteile für die Stadt (z.B. Einsparung von Wohngeld, kulturelle Veranstaltungen etc.). Städtische Häuser dürfen auf keinen Fall leerstehen und nicht zu Maximalpreisen an die meistbietenden Investoren verkauft werden.

Beschreibt die Ligsalz8 in drei Worten.
Gemeinschaftlich – Selbstverwaltet – Schön.

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