Leben

wXw True Colors – Wrestler erobern die Backstage Arena

Wrestling? Viele verbinden mit diesem Wort immer noch Hulk Hogan, die damalige WWF, die aktuellen TV-Shows der WWE oder halten es auch einfach nur für “sinnloses Rumgekloppe”. Dass es in Deutschland ebenfalls Wrestling-Promotions gibt, wissen nur wenige. Die größte Liga im deutschsprachigen Raum, Westside Xtreme Wrestling, hat nun angesetzt auch den Süden des Landes zu erobern.

Am Freitag um 7 Uhr geht sie los, unsere Fahrt nach München. Andere starten schon um 6 Uhr oder gar 4 Uhr morgens. Aus Oberhausen, Wien, Hamburg… aus ganz Deutschland und Österreich machen sich Autos auf den Weg Richtung München. Auch aus den Niederlanden bricht man auf. Ziel: Das Backstage München. Die erste Wrestlingshow der größten deutschen Promotion auf bayerischem Grund wird um 20 Uhr beginnen. Und bis dahin ist es nicht nur in Kilometern noch ein weiter Weg.

Die stundenlange Autofahrt bei quälend heißen Sommertemperaturen endet bei den meisten um 13 Uhr in der Reitknachtstraße 6, wo direkt nach der Ankunft des Ringtrucks der Aufbau beginnt. Zeit für große Pausen bleibt nicht. Was die Fans am Abend sehen, ist das Ergebnis eines ganzen Tages harter Teamarbeit. Im nicht minder warmen Backstage Werk entsteht aus Stahlrohren und Holzplatten unter der Leitung von Jenni Grebe langsam ein Gebilde, welches sich später Ring nennen darf. Jenni und ihre Schwester sind bereits seit Jahren Teil des Teams von Westside Xtreme Wrestling und kennen den Ring wie ihre Westentasche. Vielleicht auch besser. Neben ihr sind auch einige Wrestler selbst sowie eine Hand voll Helfer am Aufbau beteiligt. Der Ring, die Bestuhlung, Banner und co sind um 17 Uhr bereit.

Während sich die Wrestler warm machen, kümmert sich das Team noch um die Feinheiten, den Merchandise-Stand, die Fotolocations, Teambesprechung, Einlass.

Um 19 Uhr füllt sich die Halle langsam mit Leben und Erwartungen. Die Halle ist ausverkauft. Viele sind auch von weiterher angereist oder haben lange auf die Show gewartet. Eine Erwartung wird direkt zu Beginn der Show durch eine Ansage von Ringsprecher Thommy Giesen enttäuscht: Ricochet, einer der heutigen US-Gaststars, konnte wegen Visum-Problemen nicht einreisen. Der Main-Event der Show ist geplatzt. Das lang erwartete Traum-Match zwischen ihm und dem Niederländer Tommy End wird kurzfristig abgesagt.

Das ruft den aktuellen, ungeliebten Champion Karsten Beck auf den Plan. Auf die Gaststars sei eben kein Verlass. Er, der Champion, würde den Zuschauern etwas für ihr Geld bieten und sprach eine offene Herausforderung aus. Nichts ahnend, dass einer seiner Top-Herausforderer diese nur allzu gern annehmen würde. Tommy End, der das diesjährige 16 Carat Gold-Turnier um den #1 Herausforderer-Platz gewonnen hat, tritt in den Ring und setzt das Match als neuen Hauptkampf fest.

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Bis dahin warten aber noch einige verbissene Kämpfe auf die Fans. Die Rollenverteilung ist dabei zumeist ganz klar: Die sogenannten „Faces“ sind die frenetisch gefeierten Publikumslieblinge, „Heels“ dagegen treten als dezidierte Kotzbrocken auf und werden folglich mit Schmäh überzogen. Natürlich wissen auch die (aller-)allermeisten Fans ob der Showhaftigkeit des Spektakels. Das Spiel wird aber mit Leidenschaft mitgespielt.

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Im sogenannten Opener, dem 1. Match des Abends, kann „Big Daddy“ Walter Bobby Gunns mit seiner Powerbomb besiegen. Bobby tritt hier als hartnäckiger Gegner des Rauchverbots auf, während der Ex-Champion Walter offenbar das Bedürfnis hat ihm Manieren beizubringen.

 

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Tag Team-Action steht mit Hot & Spicy auf dem Programm: Die Hamburger besiegen den Wiener Robert Dreissker und Julian Nero.

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Auch außerhalb des Rings geht es heiß her: Der Nürnberger Absolute Andy besiegt Sasa Keel im „Respect Match“, woraufhin er abermals von Keel attakiert wird.

 

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US-Gaststar Colt Cabana spielt seine Spielchen mit wXwler Kim Ray und kann am Ende auch den Sieg einfahren.

Mit einem feiernden Colt Cabana geht die Show in eine Pause.

Nun ist Jenni Grebe wieder gefragt. Eine der Ringplatten ist gebrochen und muss möglichst schnell entfernt und durch eine neue ersetzt werden. Zusammen mit zwei Helfern schafft sie es, dass der Ring pünktlich zum nächsten Ringgong wieder einsatzbereit ist.

 

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Ein Three-Way steht nun an. „The Rotation“ holt den Sieg über Miguel Ramirez und Michael Dante. Das Publikum ist wieder auf den Plätzen und feuert die beiden Highflyer gegen den großen Holländer an.

Ein ehemaliger Münchener (Hardcore-)Wrestler  ist nun der Gastringrichter im folgenden Kampf.

Das wXw Hall of Fame-Mitglied „T.J.“ Thumbtack Jack (er machte seinem Namen alle Ehre) soll für Ordnung sorgen in der Auseinandersetzung zwischen „Bad Bones“ John Klinger und dem Araber Hakeem Waqur. Nachdem Waqur T.J. mehrfach in Aktionen von Bones befördert und somit zu seinem Vorteil benutzt hat, kommt es zu Unstimmigkeiten zwischen John Klinger und T.J.. Diese können jedoch beseitigt werden, nachdem Bones den Sieg einfährt und die beiden gemeinsam feiern.

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Nun steht der Main Event an. Die wXw Unified World Wrestling Championship von Titelträger Karsten Beck steht auf dem Spiel. Hat er den Mund zu voll genommen? In den meisten seiner Kämpfe bekommt er Hilfe von außerhalb. Nur bei seinem letzten Match besiegt er Big Daddy Walter klar nach den Regeln. Tommy End ist auf jeden Fall ein würdiger Gegner.

Mit harten Kicks und flinken Aktionen setzt er „Herrn“ Karsten Beck sehr zu. Der kommt jedoch immer wieder zurück und kann die Niederlage verhindern. Jedes Mal, wenn man denkt, das Ende sei nahe, kommt Beck mit einem Konter und End liegt am Boden.

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Nachdem End offenbar eine Rippe Becks getroffen hat, sieht es sehr nach dem Sieg für den Holländer aus. Beck liegt wimmernd am Boden, krallt sich am Ringrichter hoch zurück zum Stehen.  Diesen Moment der Ablenkung nutzt Karsten Beck aus und tritt Tommy End hinter den Augen des Ringrichters zwischen die Beine. Cover. 1, 2, 3. Sieger und immer noch Champion: Karsten Beck.

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Das kann End jedoch so nicht auf sich sitzen lassen und schnappt sich den Champion. Er dachte, Beck habe sich geändert. Offenbar doch nicht. Beim Tourfinale in Oberhausen (20.06.15) wird er sich den Titel holen. (konnte er nicht, Anm. d. R.)

Mit einem im Ring liegenden Champion endet die Show, die ein voller Erfolg für die wXw ist. Die erste Debutshow, die direkt mit ausverkauftem Haus aufwarten kann. „Mit einer ausverkauften Halle haben wir beim ersten Mal nicht gerechnet. Umso mehr freuen uns diese Zuschauerzahl und die Begeisterung der Fans in München. Wir werden das Backstage als regelmäßigen Stopp in unseren Tourkalender aufnehmen. Der Vorverkauf für den 5. März ist bereits gestartet.„, so Tassilo Jung, Head Referee und teilhabender Geschäftsführer der wXw.

Während die Zuschauer allmählich die Halle verlassen, fängt um 23 Uhr der Abbau an. Der Ring muss verladen werden, am nächsten Morgen geht es direkt weiter nach Fulda. Auch wenn das Team mittlerweile im Tourleben geübt ist und es immer mehr Termine werden, so sind solche Tage für alle auch immer ein Kraftakt, der auf Teamwork und Zuverlässigkeit beruht.

Die wXw hat im Gegensatz zu der bekannten amerikanischen WWE keine Vollzeit-Mitarbeiter. Sowohl die Wrestler, als auch die Helfer haben fünf Tage die Woche ein ganz normales Leben. An den Wochenenden gehen sie dann auf Tour um ihren Traum zu leben. Sie trainieren jahrelang, promoten, denken sich die unterschiedlichsten Storylines aus, um die Zuschauer zu unterhalten. Sie reagieren spontan auf Geschehnisse wie den Visum-Ausfall eines groß angekündigten Stars. Oft vermischen sich hier auch die Welten. Weiß der Fan, wie es Karsten Beck nach dem Match geht? Hat er sich, wie schon einige vor ihm, tatsächlich verletzt? Der Vorhang zu den Vorgängen im Hintergrund dieser Unterhaltungsform ist in den vergangenen 25 Jahren zwar sichtbar dünner geworden, aber der Reiz an der Geschichte ist für viele wohl eben, dass man es letztlich nicht weiß.

Zu tiefe Einblicke will man nicht gewähren. Alles will man dann als Zuschauer aber womöglich auch gar nicht wissen. Es gibt Sport, es gibt Entertainment. Und dann gibt es etwas irgendwo dazwischen…

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