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Zweitverwertung

Das ganze Interview mit Vera Maria Brückner, dem Autor des Buches „Das Jahrhundert des Selbst“.

Zu schade fürs Instituts-Archiv.
Wir bieten euren Projektarbeiten die große Bühne.

Das Jahrhundert des Selbst.
Die sehr persönliche Abschlussarbeit von Vera Maria Brückner an der Hochschule München (Interview: Jovana Reisinger)

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Eine junge Frau studiert Fotografie und gerät während ihres Studiums immer mehr ins Zweifeln. Voyeurismus. Das Scheitern am Abbilden. Die Beliebigkeit. Die Übersättigung an Bildern. Am Ende des Studiums wagt sie sich noch einmal an ihre Kameras und fotografiert drei Monate intensiv. Das war sie der Zeit und der Mühen des Studiums schuldig, und so schuf sie zum Abschluss ein Buch mit dem Titel: „Das Jahrhundert des Selbst“.
Vera und ich sitzen uns gegenüber, zwischen uns ein Buch in dem 205 von über 1000 Fotografien abgedruckt sind. Hin und wieder steht neben einem Bild eine Notiz, ein paar Sätze, die aber nicht unbedingt erklären, sondern ihre Gedanken mitteilen. Das Buch ist nun ein Jahr alt, es ist etwas größer als Din A4 und umfasst mehr als 200 Seiten. Sie mag es immer noch. Wir blättern darin, bleiben auf Seiten hängen und sprechen darüber.

Wie kam es zu dieser Arbeit, Vera?
Ich wollte durch Fotos erkennen, inwieweit sich persönliche oder emotionale Verbindungen zu Orten, Menschen und Tieren auf Fotos darstellen lassen. Das Fotografiestudium hat mich auf eine Art und Weise entemotionalisiert was Bilder betrifft. Ich konnte nur mehr schwer private Bilder machen mit denen ich einen Bezug herstellen konnte, zu dem tatsächlichen Gefühl.

Was bedeutet „entemotionalisiert?“
Beim Fotografieren gibt so einen Katalog an Regeln und an denen arbeitet man sich einfach so ab. Das Bedeutet, ich habe die Freiheit verloren, ich hab das Spielerische verloren und habe mir selber nicht mehr erlaubt einfach Schnappschüsse zu machen, sondern jedes Foto musste schon gleich was sein. Ich war in einer Phase, in der ich der Fotografie sowieso abgesprochen habe, dass sie noch irgendetwas anderes kann, als einfach nur abzubilden. Ich kategorisierte Bilder nur mehr nach gewissen Aspekten, aber empfand nichts mehr, bin also abgestumpft. Und wenn ich mal etwas empfinde, dann sogar eher Aggression.

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Wie kam es dazu?
Ich finde wir leben in einer Welt die überbildert ist. Ein Foto ist tatsächlich einfach nur ein herausgegriffener Moment – aber so nimmt der Mensch nicht wahr, das können wir nicht, so funktioniert unser Sehen nicht. Deswegen ist es ja auch so überraschend wenn man Fotos sieht, so nach „Oh das sieht ja ganz anders aus, als ich es sehe.“ Weil eine Kamera nicht dem menschlichen Auge entspricht, also die Physik ganz anders funktioniert, da wir ständig bewegt sehen, irritiert dieses festgefrorene und bildet nie unsere Sichtweise ab.

Und aus diesem Zweifel heraus, entstand dieses Buch?
Ich wollte so etwas wie ein Tagebuch erstellen. Ich wollte sehen was passiert, wenn ich mich zwinge, konstant drei Monate zu fotografieren und lauter Dinge zusammenzusuchen die für mich einen besonderen Wert haben. Ich habe dann versucht ein psychisches Diagramm zu erstellen, worauf ich reagiere. In dem Moment in dem ich die Kamera zücke, reagiere ich. Das ist dieser Klick Moment. Wann bin ich bereit, ein Foto zu machen – warum reagiere ich auf diese drei Mülltonnen? Was sehe ich darin? Ist es eine Erinnerung, ist es ein ähnliches Foto was ich schon mal gesehen habe oder ist es die Lächerlichkeit der Welt? Warum ist mein Humor so bestimmt, dass ich die, wie sie da leicht demoliert stehen und den Deckel leicht offen haben, darin nun Skulpturen sehe oder Figuren, als würden sie nun gleich kotzen?

Das heißt, du hast nur dann fotografiert, wenn du etwas empfunden hast?
Da gibt es von Susen Sonntag schöne Textpassagen, in denen sie sagt, dass man nur das fotografiert, was man kennt und versteht. Ich denke Fotos sind verräterisch. Und man kann dadurch persönlich erkennen, worauf man reagiert. Da gibt es einen großen inneren Informationssalat, man ist allzeit bereit auf gewisse Sachen zu reagieren. Wir tragen ein großes Bildergedächtnis in uns, Filme die wir sehen, Fotos in Magazinen, Videoklips aber auch aus literarischen Werken, tief in uns gespeichert, unbewusst. Dann erkennen wir eine Ähnlichkeit und drücken ab, oder schauen noch mal hin.

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Wie kam es zu dem Titel?
Der Titel „Das Jahrhundert des Selbst“ kommt von einer Dokumentation von BBC in der es darum geht, dass erst in dem letzten Jahrhundert der Begriff Selbst geprägt wurde. Das letzte Jahrhundert war sehr von dieser Vorstellung und Idealisierung von Selbst und Selbstdarstellung geprägt. Jetzt haben wir meiner Meinung nach einen Höhepunkt erreicht, denn ganz viele Dinge um uns herum sollen zeigen, wer wir sind und da gehört Fotografie ganz weit vorne mit dazu.

Fotografie als ein Mittel zur Selbstdarstellung?
Alles soll Ausdruck unserer Persönlichkeit sein. Die Menge der Leute die versuchen sich auszudrücken über was sie konsumieren, veränderte sich in dem letzten Jahrhundert enorm, und das ist Betrug! Man will ums verrecken individuell sein, ums verrecken besonders! Man will eine Eigenheit, die man nur selber hat. Man verliert dabei auch das Bewusstsein, für seine Umwelt und sich selbst.
Ich habe rein private, persönliche Fotografie betrieben und danach gesucht, in wieweit das Aufschluss über meinen Charakter gibt. Alle Sachen die auftauchen, haben einen starken Bezug zu mir. Das sind alles Dinge die mir wichtig waren zu der Zeit, das Buch ist die Sammlung der Versuche sie abzubilden um dann zu sehen was passiert.

In deinem Fotoverzeichnis am Ende des Buches sieht man auch mit welchen Kameras du gearbeitet hast. Du hast ausschließlich analog gearbeitet? Passierte dabei die Konzeption schon vor den Aufnahmen oder währenddessen?
Der Entschluss, rein analog zu arbeiten liegt daran, weil es mir mehr liegt. Ich bin ein sehr verkopfter Mensch und das digitale ist mir oft zu schnell. Es geschah auch aus einem romantischen Aspekt heraus, ich mag diesen chemischen Effekt bei analoger Fotografie. Das Konzept war, dass ich es in eine Buchform bringen wollte, so dass ich in irgendeiner Weise damit abschließen kann. Gestaltet, gebunden, vor uns liegend. Aber die Kategorisierung passierte erst während des Prozesses. Ich wollte frei an meine eigenen Fotografien herantreten und erst während der Arbeit ergaben sich Muster.

Die Bilder tragen viele unterschiedliche Ästhetiken, man könnte meinen, mehrere Fotografen haben an diesem Buch gearbeitet, ist es doch gerade dann spannend, diese Sammlung zu sehen und sich selbst zu prüfen, nach einem psychischen Diagramm! Wie groß ist der Versuch, sich bewusst selbst zu betrügen und etwas zu fotografieren, was einen in Wahrheit gar nicht interessiert, aber sich gut in so einem Buch macht? Also der selbst geahnten Trivialität der eigenen Fotografien zu entkommen?

Das passiert ständig! Das war ja das was mich so genervt hat. Ich bin jetzt mal arrogant und behaupte, du kannst mir ne Kamera geben und mir fällt es sehr leicht, gute Fotos von irgendwas zu machen. Wenn du mir jetzt sagst, bitte fotografieren den Tisch, dann krieg ich das hin, das ist nicht mein Problem. Und das hat für mich das ganze irgendwie lächerlich gemacht. Ich drück ja gar nicht ab, wenn ich nicht denke das ist gut. Hier habe ich versucht mich zu erziehen, zurück zu erziehen, auch Banalitäten zuzulassen. Es gibt ja immer einen Zeitgeist, eine gängige Ästhetik mit der man durchkommt, ob in Fotografie, Film, Text oder jeglicher Form von kreativer Arbeit, und man wird von ihr geprägt, da man sie ja ständig überall sieht. Ich habe mich versucht dagegen zu wehren, aber das passiert unterbewusst und auch ich bin nicht davor gefeit.

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Gibt es Bilder im Buch, die du nicht leiden kannst?
Ja, auch Bilder die ich schlichtweg belanglos finde. Fotografie ist manchmal auch einfach nur belanglos. Und umgekehrt bin ich von den Personenportraits total überrascht worden. Vor allem von dieser Arbeitsweise. Ich habe ihnen so konkrete, komische Anweisungen gegeben und gelernt, dass wenn man Leuten ganz klar in diesem Moment sagt, was sie tun sollen, können sie dabei entspannen und das sieht man letztendlich auch auf den Bildern. Das ist eine neue Form der Ehrlichkeit und das hat mich sehr überrascht. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich mehrere solche Bücher machen. So was wie Zeitaufnahmen. So wie ein konzentrierter Raum.

Wie geht es dir jetzt wenn du das Buch betrachtest?
Die größte Erkenntnis war der Umgang mit Personen. Auch wie ich auf Personen reagiere, wenn ich sie fotografiere. Ich bin auf jeden Fall der Fotografie wieder näher gekommen. Ich muss mir wieder Dinge erlauben. Es ist eine große Befreiung gewesen. Ich vermisse es jetzt tatsächlich, habe aber eben gerade einfach keine Zeit. Dass ich jetzt Film mache, ist für mich die glückliche Erweiterung dieses Studiums und der Praxis. Sowohl Fotografie und Film und aber auch das Schreiben sind voyeuristische Medien. Und das habe ich früher sehr stark verurteilt, damit konnte ich moralisch irgendwie nicht umgehen und das hat sich gebessert.

Hast du deine Moralvorstellungen in dieser Hinsicht geändert?
Es scheint ein Teil des menschlichen Charakters zu sein und ich hoffe, dass die Lust am Sehen und die Lust an Bildern, mir nun nicht wieder vergeht. Aber bei allem was ich tu, verspüre ich eine große Verantwortung. Denn all diese Medien, sind manipulativ! Man muss hier als Filmemacher aufpassen, was man kommuniziert, wie man kommuniziert und auch einen Raum lassen im Film, so wie Brecht, damit man als Zuseher auch drüber nachdenken kann, was hier gerade passiert und ob man das eigentlich will. Als Zuseher darf man eben nicht all das auf der Leinwand als einfach so gegeben ansehen. Beide Medien, Fotografie und Film, sind Medien des Auslassens. In der Fotografie ist es der Bildausschnitt und im Film ist es die Montage. Also, ganz gelöst ist mein Konflikt noch nicht.

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Möchtest du mit diesem Buch etwas bewirken?
Dieses Buch ist es ja auch nur eine Sicht auf die Welt, meine. Manche sagen das
dürfe man nicht machen und das wäre egoistisch. Aber das ist es ja auch. Dennoch freue ich mich über jeden, der sich die Zeit nimmt, um es sich anzusehen und sich daran erfreut. Wenn man möchte, kann man nun also einmal direkt in mein Gehirn schauen.

Es gibt noch wenige Exemplare des Buches, die man über Vera kaufen kann und auf www.funkausdemwal.de kann man sie zudem mit Menschen durch den Wald spazieren gehen hören und ihren Gespräche lauschen, ein Podcastprojekt.

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