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Stadt für Alle: Ein breites Bündnis mischt den Wahlkampf auf

Emily Steinecker

Am 8. März wird in München gewählt. Ein wichtiger Tag für die Stadt. Denn mit der Kommunalwahl werden die politischen Weichen dafür gestellt, wie sich die Stadt in den kommenden Jahren entwickelt. Dabei geht es um konkrete und drängende Themen: Wie bleibt Wohnen bezahlbar? Wie wird München klimaresilient? Und wem gehört der öffentliche Raum?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch die Initiative „Stadt für Alle“. Das Bündnis hat sich Anfang 2025 gegründet. Inzwischen stehen mehr als 80 Organisationen hinter dem Bündnis – vom BUND Naturschutz Bayern e.V. über Fridays for Future bis zum Kulturfestival Tollwood und dem Bio-Supermarkt VollCorner. Ein breites Bündnis – quer durch die Stadtgesellschaft.

Wie es dazu kam, beschreibt Jana Häfner von Protect the Planet im Interview so:

“Stadt für Alle ist aus der Erfahrung entstanden, dass viele der zentralen Herausforderungen Münchens – steigende Mieten, wachsende soziale Ungleichheit und die Klimakrise – zwar häufig einzeln diskutiert werden, aber nur selten zusammen gedacht werden. Dabei betreffen sie uns alle und hängen eng miteinander zusammen.”

Die Idee selbst entwickelte sich bei einem Vernetzungstreffen mehrerer Umweltverbände. Dort kam der Vorschlag auf, die Kommunalwahl 2026 zum Anlass für eine gemeinsame Initiative zu nehmen. Als Vorbild diente die Kampagne „München muss handeln“, mit der vor rund sechs Jahren Forderungen von Fridays for Future erfolgreich in die Münchner Kommunalpolitik eingebracht wurden.

Aus diesem Impuls heraus wurden konkrete Forderungen an den Münchner Stadtrat formuliert. Im Zentrum steht eine Stadtentwicklung, die soziale Gerechtigkeit und Klimaanpassung zusammendenkt – mit dem Ziel einer lebenswerten Stadt für alle.

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Bezahlbares Wohnen für alle – so soll es gehen

München ist teuer. Sehr teuer. Die durchschnittliche Angebotsmiete liegt aktuell bei rund 23 Euro pro Quadratmeter. Für viele bedeutet das: Fast 40 Prozent des Einkommens gehen allein für die Miete drauf.

Daher überrascht es kaum, dass Wohnen zu den zentralen Punkten im Forderungskatalog zählt. Gefordert werden Umbau statt Abriss, die Aktivierung von Leerstand, nachhaltige Baustandards und eine stärkere Förderung gemeinschaftlicher Wohnformen.

Außerdem setzt „Stadt für Alle” auf die sogenannte Sozialgerechte Bodennutzung, kurz SoBoN. Das Prinzip ist einfach: Wer in München Baurecht erhält, verpflichtet sich im Gegenzug zu Leistungen für die Allgemeinheit. Konkret heißt das: Ein fester Anteil der neu entstehenden Wohnungen muss gefördert oder preisgedämpft sein – aktuell sind es rund 60 Prozent. Zusätzlich können Flächen für Kitas, Schulen oder Grünanlagen eingefordert werden.

Für das Bündnis ist sie, wie Jana Häfner sagt, „unverzichtbar“. Sie gehöre zu den wenigen Instrumenten, mit denen München „überhaupt noch dauerhaft bezahlbaren Wohnraum sichern kann“.

Ohne verbindliche Vorgaben zu einem Mindestanteil geförderter Wohnungen würden private Bauträger in der Regel keinen bezahlbaren Wohnraum schaffen – gerade dort, wo er besonders dringend gebraucht wird. Die SoBoN sei deshalb ein „Erfolgsmodell“, das inzwischen auch in anderen Städten aufgegriffen wurde. Ohne sie, so die Einschätzung, würde sich München noch schneller zu einer Stadt entwickeln, in der sich immer weniger Menschen das Wohnen leisten könnten.

Doch die SoBoN ist umkämpft. Vor allem aus der Immobilienwirtschaft kommt seit Jahren Kritik: hohe Sozialquoten und zusätzliche Auflagen machten Projekte angesichts gestiegener Boden- und Baukosten oft unrentabel. Es werde insgesamt weniger gebaut, und Kosten würden teilweise auf frei finanzierte Wohnungen umgelegt.

„Stadt für Alle“ widerspricht dieser Sichtweise. Das Kernproblem seien nicht die Sozialquoten, sondern explodierende Bodenpreise und spekulative Gewinnerwartungen. Jana Häfner sagt dazu im Interview:

„SoBoN ist nicht das Problem – sie wird nur dann als Belastung empfunden, wenn der Wohnungsmarkt ansonsten weitgehend ungeregelt bleibt.“

Dass strengere Vorgaben in Kombination mit hohen Grundstückspreisen und Baukosten den Neubau zuletzt gebremst haben, räumt die Initiative ein. Die Konsequenz daraus sei jedoch nicht eine Abschwächung, sondern eine Weiterentwicklung: mehr Differenzierung je nach Lage oder Projektgröße und stärkere Unterstützung für Genossenschaften, gemeinwohlorientierte Bauträger und kommunale Wohnungsbaugesellschaften.

Entscheidend sei außerdem die Bodenfrage. Wenn die Stadt Eigentümerin bleibt – etwa über Erbbaurecht – kann sie langfristig Einfluss auf Mieten und Nutzung nehmen. Genau hier sieht die Initiative einen zentralen Hebel, um bezahlbaren Wohnraum dauerhaft zu sichern.

Zugleich betont „Stadt für Alle“, dass es dabei immer auch um die langfristige Entwicklung der Stadt gehe. Was heute entsteht, präge München für 50 bis 100 Jahre. Neue Quartiere müssten deshalb von Anfang an sozial und klimafest geplant werden – mit Grünflächen, Gebäuden, die Hitze standhalten, durchdachten Regenwasserkonzepten und guter Anbindung an Bus und Bahn. Soziale und ökologische Ziele dürften dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern müssten zusammengedacht werden.

Klimaresiliente Stadt – so soll es gehen

Bezahlbares Wohnen ist nur ein Teil der Debatte. Eine Stadt, die sozial gerecht sein will, muss auch ihre öffentlichen Räume neu denken – gerade in Zeiten des Klimawandels und zunehmender Hitzebelastung.

In München sind rund 46 Prozent der Stadtfläche versiegelt. Im Sommer wird das längst spürbar: Nächte kühlen kaum noch ab, Plätze heizen sich auf, Schatten wird zur Mangelware.

Vor diesem Hintergrund fordert „Stadt für Alle“ unter anderem Superblocks in allen Stadtbezirken – also verkehrsberuhigte Quartiere mit mehr Platz für Begegnung, Grün und Aufenthalt. Zusätzlich soll weitere Bodenversiegelung verhindert, 30 % der Stadtfläche mit Baumkronen überschirmt und Parks, Trinkbrunnen und Schattenflächen ausgebaut werden.

Dass Handlungsbedarf besteht, erkennt auch die Stadt selbst an. Mit dem Stadtratsbeschluss „Klimaresilientes München 2055“ wurden die Ziele zur Klimaanpassung konkretisiert und in der Verwaltung verankert. Die Initiative bewertet das als wichtigen Schritt.

Nach Einschätzung ihrer fehlt es jedoch weniger an Strategien als an konsequenter Umsetzung. Klimaanpassung werde im Alltag häufig anderen Interessen untergeordnet – etwa Parkplätzen oder kurzfristigen Kostenerwägungen.

Jana Häfner fordert daher mehr Entschlossenheit: „Gerade in dicht bebauten Vierteln bräuchte es mutigere Entscheidungen: Entsiegelung, mehr Grün, weniger Autos, mehr Schatten. Stattdessen bleiben viele Maßnahmen Pilotprojekte oder Einzelfälle.“

 

Foto: Yavor Lalev

Orte der Begegnung – so soll es gehen

Neben Wohnen und öffentlichem Raum rückt „Stadt für Alle“ auch Orte der Begegnung in den Vordergrund.

Denn wer sich in München treffen will, muss fast immer zahlen – ob Kaffee oder Eintritt. Nicht-kommerzielle Räume sind rar.
Doch es gibt Ideen, die genau das ändern wollen. Eine davon: Quartiersküchen – offene Küchen im Stadtviertel, in denen gemeinsam gekocht, gegessen und gesprochen wird.

Nach Auffassung der Initiative erfüllen sie mehrere Funktionen zugleich: Sie sind Orte der Begegnung, der Versorgung, und der Integration.“

Dass solche Projekte bislang vor allem von Initiativen, Vereinen oder engagierten Nachbarschaften getragen werden, zeige einerseits das große Bedürfnis nach gemeinschaftlichen Räumen. Andererseits mache es ihre Fragilität deutlich. Viele Quartiersküchen seien abhängig von ehrenamtlichem Engagement, befristeter Projektförderung oder unsicheren Mietverhältnissen. Verlässliche Planungssicherheit fehle häufig.

„Stadt für Alle“ plädiert deshalb dafür, Quartiersküchen nicht als temporäre Projekte zu behandeln, sondern als Teil der sozialen Daseinsvorsorge – vergleichbar mit Bibliotheken oder Stadtteilzentren.

Vorgeschlagen wird ein kooperatives Modell: Die Stadt stellt geeignete Räume bereit, sorgt für eine verlässliche Grundfinanzierung und bindet die Einrichtungen frühzeitig in Planungsprozesse ein. Betrieb und inhaltliche Ausgestaltung sollen weiterhin bei freien Trägern, Initiativen und Nachbarschaften liegen. So könnten die Projekte nah an den Menschen bleiben – und zugleich unabhängiger von kurzfristigen Förderzyklen werden.

Was jetzt passieren muss

Am 10. Februar hat die Initiative ihre Forderungen an die Oberbürgermeisterkandidat:innen sowie an Vertreter:innen des Stadtrats übergeben. Damit bringt das Bündnis seine Positionen offiziell in den Wahlkampf ein.

Worauf kommt es aus Sicht der Initiative jetzt an? Jana Häfner sagt im Interview:

„Das größte realistische Potenzial sehen wir im Umbau des Bestands und des öffentlichen Raums. Hier lassen sich vergleichsweise schnell Verbesserungen erreichen: Straßen entsiegeln, Plätze begrünen, Erdgeschosse aktivieren, Büroflächen umwandeln, soziale Infrastruktur wie Quartiersküchen oder Nachbarschaftstreffs stärken.“

Der Fokus liegt damit auf dem, was bereits da ist – auf Maßnahmen, die nicht erst in zehn Jahren greifen, sondern möglichst bald Wirkung zeigen. Am 8. März entscheidet sich, ob diese Ideen politische Mehrheit bekommen.